vonChristopher Suss 22.01.2021

Infrakulturen

Texte mit der Sprache von Kulturen unter der Schallfrequenz des Kanons.

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Die derzeit vermutlich anspruchsvollste Kletterroute der Welt heißt „Silence“, befindet sich in der „Hanshallaren“-Höhle bei Flatanger in Norwegen und wurde im September 2017 vom tschechischen Profikletterer Adam Ondra erstmals im Rotpunkt bestiegen: Im Vorstieg, ohne Sturz, in einem Zug.¹ Von der namensgebenden Stille ist in der Dokumentation zur Erstbesteigung wenig zu vermerken: Wenn Ondra kopfüber in der Crux der Route hängt, begleitet er jeden Zug mit einem schrillen, durch die Höhle verstärkten Schrei, so inbrünstig zwischen Ausrufen alternierend, dass jeder Tennisspieler dagegen verblasst.

Diese schwerste, teils kopfüber gekletterte Stelle entlang der 45 Meter langen Route ist zweifelsohne der spektakulärste Part, für den Ondra entsprechend wochenlang trainierte. Sie ist aber nur die Spitze eines Eisbergs an technischem und sportlichem Anspruch. Der veranlasste Ondra dazu, sie als erste Route überhaupt mit dem französischen Schwierigkeitsgrad 9c zu bewerten. Die Erstbegeherin oder der Erstbegeher stuft eine Kletterroute ein – bis jemand Zweites, die oder der sie wiederholen konnte, diese Bewertung bestätigt. Bis heute ist das im Fall von „Silence“ niemandem gelungen.

„Vor allem die letzte Seillänge ist sehr schön“

Wenn Klettererinnen und Kletterer über Projekte an der Wand sprechen, kann das trotz aller mechanisch-technischer Beschreibungen wie die Reflektion einer Freundschaft klingen. Der „Alpinverlag Jentzsch-Rabl“ beschreibt die Route „Untergang des Alpinismus“ in Niederösterreich so: „Charakter: Nette Route im mittleren Teil der Großofenwände, Platten Kletterei aber auch gestuftes Gelände. Die Route ist sehr gut mit Bohrhaken abgesichert. Gesamt gesehen aber durchaus lohnend – vor allem die letzte Seillänge ist sehr schön.“ [1] Einige Kletterinnen und Kletterer verbringen ganze Saisons mit ihrem Projekt. Und je nach Begehungsstil bleibt zwischen den Versuchen viel Zeit, um zu reflektieren. Knoten müssen geknüpft werden, die Arme müssen sich erholen.

Den Begehungsstil des Rotpunktens prägte der Nürnberger Kurt Albert in den 1970er Jahren, indem er von ihm bestiegene Routen im Frankenjura, ähnlich einer Kunstgalerie, mit einem roten Punkt kennzeichnete. Während zu Zeiten Alberts und des traditionellen Kletterns vor allem Bergbegeisterte und regional ansässige Amateure die Kartierung der Wände voranbrachten, reisen hochdotierte Profis wie Ondra heute international im Jetset, um sich an diesen zu überbieten. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck, dass die Deutungshoheit bei denen verblieben ist, die sie klettern.

Domestizierung

Im Windschatten der These, dass Breitensport mit der Urbanisierung zum Konsumgüter geworden ist, fährt außerdem die Beobachtung, dass er dazu an Hochschwelligkeit einbußen musste. Jümaren lernen, Topos lesen oder schlicht weite Wege in das nächste Gebirge in Kauf nehmen müssen gehört zu den vielen Dingen, die das Sportklettern ursprünglich zu einem weniger einsteigerfreundlichen Unterfangen machen.

Gleichzeitig hat es in den letzten Jahren als Freizeitsport enorm an Popularität gewonnen. Von den französischen Bleausards, die nach der Region Fountainebleau benannt sind, als Trainingsform popularisiert, formte sich schließlich vor allem Bouldering, also das Klettern von Felsen in Absprunghöhe ohne Sicherung, als domestizierbare Form des Kletterns heraus.

Im akrobatischeren Bouldern, das erst seit den 90ern eine größere Community entwickelt hat, setzten sich von Anfang an englischsprachige Begriffe für die Beschreibung von Techniken, Routen und Werkzeugen durch. Züge wie Heelhooks oder Dynos kommen dort regelmäßiger vor, und die Begriffe dafür schwappten zurück in das Vokabular des Sportkletterns.

Großprojekte

Den konsumierbaren Formen des Sports gegenüber, aber ebenfalls immer wieder im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen Großprojekte, wie sie oft im US-amerikanischen Yosemite Nationalpark avisiert werden. Als Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson 2017 zum ersten mal die als unbezwingbar geltende „Dawn Wall“ rotpunkteten, lagen beide während der 19-tägigen Besteigung mit ihren Smartphones und Twitter im Anschlag an der Wand, während sich vor „El Capitan“ die Vans der Nachrichtensender scharten.

In der gleichnamigen Dokumentation „Dawn Wall“ berichtet ein Augenzeuge, dass Leute, die „vor kurzem noch nicht wussten, was ein Pitch ist“ fachmännisch mitfiebern würden, als Jorgeson versuchte, die Crux der Route zu bezwingen. Pitch 15, also die 15. Seillänge, gilt als die Crux der „Dawn Wall“ und hätte Caldwell und Jorgeson beinahe zum Scheitern gebracht.

Ebenfalls eine über die Community des Sportkletterns hinausgehende Aufmerksamkeit erregen seit jeher Begehungen im Free Solo-Stil ohne jedwede Sicherung. Im Sport als Nische zu bezeichnen, ist es freilich die ultimative Spannung tödlicher Fehler, die bei diesem Phänomen Massen begeistern. Untrennbar mit Free-Solo-Begehungen verbunden ist heute der Name des kalifornischen Profi-Kletterers Alex Honnold – eine vergleichbare Dokumentation über seinen Aufstieg am „El Capitan“, nebenan auf der Route „Freerider“, gewann gar den Oscar 2019 als Bester Dokumentarfilm. Auf „Mountain Project“ wird die Linie reißerisch beschrieben: „Freerider is the Astroman of the new millennium. This route is climbing at its finest.“ [2]

Spätestens mit deren Solo-Begehung wurde ihm eine für einen Kletterer ungeahnte Prominenz zuteil. In den Medien gibt es Honnold quasi nur in zwei Aggregatszuständen: Beim Free Soloing an der Wand oder am Boden in Erklärnot darüber, wie er dazu käme, und wie er sich dabei fühle.

Der Weg durch den Fisch

Trotz ihrer Nähe zu den Medien scheint es den wenigsten Profi-Kletterern zu behagen, solche grundlegenden Fragen einzuordnen. Umso dichter drückt sich die Poesie des Klettersports dagegen vielleicht in den Namen der Routen aus, deren Taufe entweder der Erstbesteigenden oder dem Schrauber obliegt.

An der Marmolata-Südwand in den Dolomiten gibt es einen „Weg durch den Fisch“, im Frankenjura tauchen Namen wie „Herbstmanöver“, „Weißwurstsyndrom“ oder „Corona“ auf, letztere lang vor dem Virus benannt, und das Bergsteiger-Trio Cedar Wright, Leo Houlding und Kevin Thaw nannte eine patagonische Route auf Gletscherniveau „The Thaw’s Not Houlding Wright.“

In der Red-River-Schlucht in Kentucky findet sich „Acrophobics Anonymous“ und eine Route im französischen Klettergebiet Céüse bekam den tiefschürfenden Doppelnamen c – weil sie in zwei Varianten von je Arnaud Petit und Chris Sharma erstmals geklettert wurde. Die Linie veranlasste sie offensichtlich zu zwei ähnlich abstrakten Namensgebungen, die heute beide gelten.

 

¹ Im August 2020 gelang dem deutschen Profikletterer Alexander Megos die zweite Begehung einer Route des Schwierigkeitsgrads 9c. Sie heißt „Bibliographie“ und befindet sich in Céüse. Dem Schwierigkeitsgrad zufolge könnte sie anspruchsvoller als „Silence“ sein.

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