vonElisabeth Wirth 16.11.2019

Kaleidoskop

Kühne Kunst, rare Objekte, kuriose Dinge – Elisabeth Wirth besucht besondere Ausstellungsorte in Berlin.

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Künstlerinnen und ihre Werke werden häufig ignoriert oder vergessen.
DAS VERBORGENE MUSEUM hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. 

„Kein weibliches Vorbild bot mir eine Perspektive für mein künftiges Leben. Die Kunst gehörte den Männern“, schreibt die Künstlerin Gisela Breitling Ende der 1970er Jahre in ihrer autobiografischen Suche nach den Frauen in der Kunstgeschichte*. Vierzig Jahre später scheint die Kunst den Frauen zu gehören. Diesen Eindruck kann man zumindest bekommen, wenn man einen Blick in die Programmhefte der großen Ausstellungshäuser wirft. Einen großen Anteil daran hat Das Verborgene Museum. Seit über dreißig Jahren widmet es sich vergessenen und verkannten Künstlerinnen und ihren Werken. So sehr Marion Beckers und Elisabeth Moortgat begrüßen, dass endlich auch die großen Häuser ihren Blick auf die Kunst von Frauen richten und das Publikum die Ausstellungen begierig besucht, so skeptisch sind sie. Beide haben die Anfänge des Verborgenen Museums begleitet und sind seit vielen Jahren federführend für die Ausstellungen verantwortlich. Mehr noch, als dass die Kunst von Frauen in Sonderausstellungen gezeigt wird, zählt für Marion Beckers und Elisabeth Moortgat das, was davon bleibt. Die Aufnahme in den Kanon, in Kataloge, Lexika und die ständigen Ausstellungen. Denn Das Verborgene Museum ist auch eine Antwort auf den systematischen Ausschluss von Frauen aus der Kunstwelt und die Vernachlässigung ihrer Werke. Die Publikationen des Verborgenen Museums zu Künstlerinnen und ihren Werken.

Der Ursprung des Verborgenen Museums

„Die Damenriege der Neuen Gesellschaft für bildende Künste als Veranstalter in der Akademie der Künste hat sicher eine Fleißarbeit in zweijähriger Forschungs- und Vorbereitungszeit durch die Depots der Berliner Museen vollbracht, wird aber ihrem didaktischen Anspruch nicht gerecht.“ So heißt es in der Rezension der Berliner Morgenpost zu der Ausstellung „Das Verborgene Museum“, mit der in den 1980er Jahren alles anfing. Die Spur Überheblichkeit und Herablassung des Autors ist kaum zu überhören. Die „Damenriege“ sind Künstlerinnen und Kunsthistorikerinnen, die sich erlaubt hatten, aus den Tiefen der Depots der West-Berliner Museen die Kunst von Frauen ans Tageslicht zu fördern. Denn in den Ausstellungsräumen der großen Häuser waren Künstlerinnen und ihre Werke, ihre Gemälde, Grafiken und Skulpturen, nur marginal vertreten. Niemand wusste, welche Künstlerinnen Teil der Sammlungen waren, welche Kunstwerke in den Depots lagerten und wie sie dorthin gelangt waren. An die 600 Künstlerinnen samt Lebensdaten trugen die Ausstellungsmacherinnen durch ihre Forschungsarbeit zusammen. Davon wurden 280 Werke von 150 Künstlerinnen für die Schau Ende 1987/Anfang 1988 im Hanseatenweg ausgewählt. Mit der Ausstellung wandten sich die Ausstellungsmacherinnen gegen die Ignoranz einer männlich dominierten Kultur- und Kunstgeschichtsschreibung, die die künstlerische Arbeit von Frauen nicht mitdachte und ihnen häufig künstlerisches Vermögen absprach. Wie die Rezension zeigt, stießen sie mit ihrem Anliegen selbst Ende der 1980er Jahre noch auf Unverständnis und Widerstand.

Bereits zehn Jahre zuvor hatte es in Berlin eine erste Ausstellung gegeben, die eine weibliche Kunsttradition sichtbar machen sollte. Ebenfalls von einer Gruppe von Frauen in der NGBK initiiert und vorbereitet, waren in der Ausstellung „Künstlerinnen International 1877 – 1977“ im Schloss Charlottenburg Werke von Paula Modersohn-Becker und Frida Kahlo, Diane Arbus, Käthe Kollwitz, Hannah Höch, Jeanne Mammen, Sarah Schumann, Valie Export und vielen anderen – heute – bedeutenden Künstlerinnen zu sehen. „Selten hat eine Kunstausstellung in Berlin so viel Unfrieden gestiftet, so scharfe Kontroversen und Proteste provoziert“, kommentiert ein Journalist in der „Süddeutschen Zeitung“. Obwohl die Ausstellung ein großer Erfolg war und in abgewandelter Form nach Frankfurt/Main zog, wurde erstaunlicherweise bald schon nicht mehr von ihr gesprochen.

So sollte es dem Verborgenen Museum nicht ergehen. Dass die Arbeit weitergehen musste, stand für die Künstlerinnen und Initiatorinnen Gisela Breitling und Evelyn Kuwertz schon vor der Ausstellungseröffnung fest. 1986 gründeten sie mit weiteren Mitstreiterinnen einen Verein mit gleichem Namen. Dreiunddreißig Jahre später ist Das Verborgene Museum noch immer der weltweit einzige Ausstellungsort, der es sich zur Aufgabe macht, die Produktion von Künstlerinnen zu erforschen, öffentlich zu zeigen und dem Vergessen zu entreißen.

Eine sensationelle Entdeckung

An einem grauen Freitag im September treffe ich in den abgedunkelten Räumen des Museums in Charlottenburg Marion Beckers und Elisabeth Moortgat. Erst vor einer Woche hat eine neue Ausstellung mit Fotografien von Marianne Strobl begonnen. In nicht chronologischer Reihenfolge öffnet die Schau ein Fenster ins Wien der 1890er bis 1910er Jahre. Gezeigt werden nicht etwa die Kaffeehäuser der Stadt, die Parks und die Städter*innen. Die Bilder zeigen Großbaustellen, die Entstehung der Kanalisation, eines Kraftwerks oder des Kriegsministeriums. Sie dokumentieren ein Haus, das einem Bauprojekt weichen muss, sowie die Wohnungen und die Bewohner*innen. Sie zeigen die Weinkellerei Leibenfrost, die auch den Kaiser beliefert haben soll, und den Betrieb eines Nobelhotels, in Auftrag gegeben von den Angestellten zum Jubiläum des Hauses. 

M. Strobl, die ab circa 1896 nur noch mit diesem Kürzel ihre Bilder und Mappen signierte und somit ihr Geschlecht verschleierte, hatte sich bewusst auf Industriefotografie verlegt. Mit der Spezialisierung konnte sie sich von der ungeheuren Konkurrenz abheben. 

Aufwendig hat die Fotografin die Arbeiter und Bauunternehmer für die Aufnahmen, die damals nicht mal eben geschossen werden konnten, positioniert. Mit Schaufeln und Gerätschaften stehen die Männer verteilt über die ganze Baustelle und schauen konzentriert, geduldig und ernst in Richtung Kamera. Es sind nicht nur die rasante Stadtentwicklung und die technischen Fortschritte, die auf den Fotografien beeindrucken. Es ist die Ernsthaftigkeit in den Gesichtern, die den Bildern eine zusätzliche Bedeutsamkeit gibt. Selbst auf einer Fotografie, auf der eine Kinderschar auf einem Faschingsfest zu sehen ist, lächelt niemand. Marianne Strobl, so zeigen besonders ihre Bilder aus den Ötscherhöhlen, war auch auf dem Gebiet der Blitzlichtfotografie versiert. Bis in den letzten Winkel sind die Höhlen, die nur kletternderweise erreicht werden konnten, ausgeleuchtet. 

Dass sich hinter der Signatur M. Strobl eine Frau verbirgt, war lange nicht bekannt. Bis das Wiener Photoinstitut Bonartes, mit dem Das Verborgene Museum für die Ausstellung kooperiert, vor einigen Jahren zu forschen begann. Seitdem tauchen in Archiven und Sammlungen immer neue Bilder und Mappen auf, und auch die Lebensgeschichte der Fotografin, die 1917 verstarb, konnte allmählich rekonstruiert werden.

Die Spuren des Schiffs in den Wellen

So wie Marianne Strobl erging es den meisten Künstlerinnen im Laufe der Geschichte. Während die Arbeiten männlicher Kollegen gesammelt und ausgestellt wurden oder sich andere Künstler auf ihr Werk bezogen, führte die Kunst der Frauen ein Schattendasein. Selbst wenn Künstlerinnen zu Lebzeiten angesehen waren, wurden ihre Arbeiten später nicht mehr rezipiert und häufig vergessen. Lotte Jacobi, Yva, Die Ries, Eva Besnyö, Käthe Augenstein, Maria Austria, Lotte Laserstein, Inge Morath, Lou Albert-Lasard, Ilse Heller-Lazard und viele andere gehören zu den Künstlerinnen, die Das Verborgene Museum in den letzten drei Jahrzehnten in das Licht der Öffentlichkeit gestellt hat. Auf einhundert Quadratmetern und mit bescheidenen Mitteln hat das Museum durch zahlreiche Einzelausstellungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen weit über einhundert Lebenswerke geborgen und sichtbar gemacht. Vor einigen Jahren haben Marion Beckers und Elisabeth Moortgat das Format Künstlerinnen im Dialog entwickelt, seither ist regelmäßig auch ein an einem Thema orientiertes Spektrum künstlerischer Arbeiten zu sehen. Das Verborgene Museum ist weit über Berlin anerkannt und gut mit anderen Ausstellungshäusern, Archiven und Hochschulen, Galerien und Nachlassverwalter*innen vernetzt. Es kooperiert nicht nur mit dem Photoinstitut Bonartes, sondern auch mit vielen anderen Institutionen wie etwa dem Museum Folkwang in Essen oder der Berlinischen Galerie. Sogar bis nach Paris ins Jeu de Paume hat es die Ausstellung des Verborgenen Museums zu Leben und Werk der Fotografin Eva Besnyö geschafft.

Seit ein paar Jahren entdecken immer mehr Museen die Kunst von Frauen. So widmete das Georg-Kolbe-Museum 2018 eine Ausstellung der ersten Generation von Bildhauerinnen der Moderne. Durch die Forschungsarbeit des Verborgenen Museums konnten auch Skulpturen von Louise Stomps einbezogen werden. Die Pinakothek der Moderne in München stellte in diesem Sommer die Arbeiten der Fotografin Änne Biermann aus, die vor ihrem frühen Tod Anfang der 1930er Jahren große Erfolge feierte. Das Tate Britain zeigt derzeit in den Räumen der Kunst ab 1960 nur noch Gemälde, Fotografien und Objekte von Künstlerinnen. In der Alten Nationalgalerie in Berlin sind in diesem Herbst die Arbeiten von Künstlerinnen vor 1919 zu sehen. Und zum hundertsten Bauhaus-Jubiläum entdeckte man endlich die Werke und das Wirken der „Bauhaus-Mädels“. Am Bauhaus zeigt sich sehr gut, wie die Künstlerinnen ausgegrenzt und ihre Werke bewusst ausgeklammert wurden. Schon zu Zeiten des Bauhauses wurden die Bauhäuslerinnen nicht ernst genommen. Die Studentinnen verwies man bereits kurz nach Gründung gezielt in die Weberei-Klasse. Und die Designerin Alma Siedhoff-Buscher kämpfte beispielsweise jahrelang erfolglos um ein eigenes Atelier. Später tauchten die Frauen in den Ausstellungen und den Katalogen zum Bauhaus oft nur als Randnotiz auf. Gepflegt wurde allein das Erbe der Männer.

Es geht um mehr

Mit seinem Mut zu zeigen, was die großen Institutionen lange ignorierten oder sich nicht trauten, hat das Museum in der Schlüterstraße den Weg bereitet. Und der Weg ist weit. Dem Verborgenen Museum geht es nicht um zeitgemäßes Marketing. Es widmet sich nicht den Künstlerinnen, weil das gerade gut läuft oder ein feministischer Anstrich in ist. Es geht darum zu zeigen, dass Frauen in der Kunst den Männern in nichts nachstehen und Werke von gleicher Güte hervorbringen. Es geht darum, dass die Kunst der Frauen gleichberechtigt behandelt wird. Dass die Künstlerinnen in den Kanon aufgenommen und ihre Arbeiten gleichrangig in den Sammlungen präsentiert werden. Die ganzen Sonderausstellungen in den großen Häusern sind vielleicht ein gutes Indiz dafür, dass dies noch lange nicht der Fall ist.

Einige Male ist es dem Verborgenen Museum sogar gelungen, eine Künstlerin und ihre Arbeiten in den Kanon zu hieven. Bereits in seinem ersten Jahr landete das Museum mit der Marianne-Breslauer-Schau einen Coup. Begeistert wurden die Bilder vom Publikum aufgenommen. Schon zwei Jahre später widmete die Neue Nationalgalerie der Fotografin eine große Ausstellung. Heute gilt Marianne Breslauer als bedeutende Künstlerin, deren Fotografien in den 1920er Jahren vom Neuen Sehen geprägt waren. Auch die Wiederentdeckung der Malerin Lotte Laserstein ist ohne Das Verborgene Museum nicht zu denken. 

Dass viele Namen von Künstlerinnen heute überhaupt ein Begriff sind, ist ein Beweis der langen und unermüdlichen Forschungsarbeit des Museums. Bei meinem Besuch Ende September entdecke ich auf dem Fensterbett im hinteren Ausstellungsraum die unprätentiös gestaltete Mappe mit den Lebensdaten der 19 zum Teil noch unbekannten Künstlerinnen, die in der letzten Gruppenausstellung zu sehen waren. Die teilweise beeindruckenden, teilweise bedrückenden, oft fragmentarischen Lebensläufe lassen erahnen, wie viel es noch zu entdecken gibt. 

 

Das Verborgene Museum
Schlüterstraße 70
Berlin-Charlottenburg

geöffnet:
Donnerstag und Freitag 15 – 19 Uhr
Samstag und Sonntag 12 – 16 Uhr

*  Gisela Breitling: Die Spuren des Schiffs in den Wellen. Eine autobiografische Suche nach den Frauen in der Kunstgeschichte. Berlin 1980

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