vonElisabeth Wirth 28.08.2019

Kaleidoskop

Kühne Kunst, rare Objekte, kuriose Dinge – Elisabeth Wirth besucht besondere Ausstellungsorte in Berlin.

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Wie riechen Schweine? Was ist eine Fruchtfolge? Wie werden Tomaten bestäubt? Auf einem Streifzug über die Domäne Dahlem kann man viel über Landwirtschaft und unsere Lebensmittel lernen. Oder einfach dem Trubel der Stadt entfliehen.

Wenn das landwirtschaftliche Jahr auf einem Bauernhof mit der Aussaat beginnt, dann beginnt ein Jahr auf der Domäne Dahlem im Herbst. Wenn die Bäume orange-rot leuchten und die Kartoffeln geerntet sind, kommt das Wintergetreide aufs Feld. Bis der Frost einsetzt, wird der Petkuser Roggen schon ein erstes Stück gewachsen sein. Dann stellt er sein Wachstum ein und wartet auf die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Jetzt im Juni steht der Roggen auf dem Acker der Domäne Dahlem fast schulterhoch. Sanft wogen die goldenen Ähren im Wind. Entlang der Wege blühen Gräser, gelbe und weiße Blumen, Mohn. Insekten summen, Bienen fliegen von Blüte zu Blüte, der Duft der Linden ist berauschend. Der Winterroggen auf der Domäne Dahlem im Juni

Ein umkämpftes Areal

Die Domäne ist ein Kleinod, 2 1/2-mal so groß wie der Louvre. Dabei war die Domäne einst viel größer. 15 Hektar von 600 Hektar haben den Jahrhunderten getrotzt und sind noch immer landwirtschaftliche Fläche. Die Geschichte der Domäne Dahlem ist lang und bewegt. Ritterhof im 15. Jahrhundert, später Gutsherrschaft, ab Mitte des 19. Jahrhunderts königliche Domäne. Dann wächst die Stadt Berlin und die Domäne Dahlem produziert Milch im großen Maßstab. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wird die am Rande der Stadt gelegene Domäne allmählich parzelliert. Ein gutes Stück knapst man für den Botanischen Garten ab. Stadtvillen werden gebaut und ziehen Bürgerliche und Betuchte an. Wo eben noch Landwirtschaft betrieben wurde, entsteht mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein „deutsches Oxford“. 1913 bekommt Dahlem seine eigene U-Bahnstation und wird an die wachsende Metropole angebunden. Die Domäne wird zum Stadtgut, das sich nach 1945 auf die begehrte Vorzugsmilch spezialisiert. Als Berlin Anfang der 1970er seine Vorratshaltung aufgibt, Tante Emma von Supermärkten abgelöst wird, die Lebensmittel einen Preissturz erleben, schreibt die Domäne Dahlem plötzlich rote Zahlen. 1976 wird das Stadtgut aufgelöst. Mit dem Gelände hat man andere Pläne: eine Erweiterung der FU ist vorgesehen. Doch die Pläne stoßen auf Widerstand und die Grundlage für die Domäne und das, was sie heute ist, wird gelegt. Man gründet den „Verein der Freunde der Domäne Dahlem“ und verhindert die Bebauung der verbliebenen Ackerfläche, gleich mehrmals in den kommenden zwei Jahrzehnten. Die Domäne wächst durch viel Bürgerengagement, wird Mitte der 1990er Teil der „Stiftung Stadtmuseum Berlin“ und 2009 zu einer eigenständigen Stiftung. Heute ist die Domäne ein gläserner landwirtschaftlicher Betrieb, eine Bildungsinstitution, ein kleines Naherholungsgebiet, ein Museum, ein Wissensspeicher.

An diesem Freitagnachmittag ist auf dem Hof der Domäne noch nicht viel los. Eine Kindergartengruppe, alle in gelben Westen, tobt auf dem Spielplatz mit dem alten Klettertraktor. Im Biergarten sitzen einige Menschen im Schatten. Ein paar Erwachsene und Kinder schlendern gemütlich in Richtung Herrenhaus, wo in der Dauerausstellung unter anderem ein Kaufmannsladen aus den 1920er Jahren und eine historische Fleischerei zu sehen sind. Nebenan, im alten Pferdestall aus dem 19. Jahrhundert, zeigt das Culinarium den Weg unserer Nahrung vom „Acker auf den Teller“. Gegenüber befindet sich die alte Remise, in der heute der Landgasthof untergebracht ist. Die großen Fensterflächen lassen erahnen, wie früher die Pferdekutschen bei ihrer Ankunft auf einer Seite hinein- und bei ihrer Abfahrt auf der anderen hinausfuhren. Verlässt man den Hof Richtung Feld, kommt man unweigerlich am Kuhstall von 1952 vorbei. Eine Selbsttränke für die Tiere und einer Reihe von Arbeitserleichterungen machten den unprätentiösen Stall damals zu einem State-of-the-Art-Exemplar. Wenige Meter weiter steht man dann auf dem Acker. Selbst an warmen Tagen spürt man ein laues Lüftchen. Der Blick schweift in die Weite. Setzt sich für einen Moment fest an der Säuleneiche, die mitten auf dem Feld die Stelle markiert, an der früher ein Sendemast des AFN stand. Im Bodenreich ragt das Fundament konisch sechs Meter in die Tiefe. Ein Vermächtnis für die Ewigkeit. Ein Stück Anthropozän.

Das Chaos beherrscht die Natur am besten

Auf den erkämpften 15 Hektar leben Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Pferde, Hühner und zwei Puten. Im Garten wachsen zwischen Rosenbüschen Himbeeren, Erdbeeren, Zucchini, Tomaten, Gurken und Salate. Auf dem Acker werden Kohl, Lauch, Kartoffeln und der Petkuser Roggen angebaut. Die Domäne Dahlem ist ein ökologischer Betrieb, der sich auf alte Obst- und Gemüsesorten und alte Rassen verlegt hat. Auch in Vergessenheit geratende Kulturtechniken wie die Arbeit mit Zugrindern werden in Dahlem bewahrt. Man weiß ja nie. Eines Tages wird das Wissen, wie die Arbeit auf dem Acker ohne Maschinen geht, genauso gebraucht wie eine genetische Reserve, die aus dem verengten Genpool der Tiere und Pflanzen herausführt. 

Dann wird man sich vielleicht auch wieder daran erinnern, dass es in der Landwirtschaft immer darum gehen muss, einen „Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Natur und den Bedürfnissen der Menschen herzustellen“, erzählt Jacqueline Jancke, während wir über den Acker streifen. Seit dreißig Jahren arbeitet sie auf der Domäne Dahlem, seit vielen Jahren ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Während ich auf den ersten Blick Porree und Lauchzwiebeln verwechsle, erklärt sie mir, was sich hinter den Begriffen Mischkultur und Fruchtfolge verbirgt. Ich lerne, dass es für den Menschen wesentlich ökonomischer ist, auf einer Fläche eine Art anzupflanzen, zu pflegen und zu ernten, der Natur diese Art des Anbaus aber nicht so gut gefällt. Denn Monokultur laugt den Boden aus und sorgt dafür, dass sich Krankheiten schneller verbreiten. Natürliche Monokulturen kommen nur sehr selten vor, zum Beispiel im Regenwald. Die Natur mag es vielmehr bunt. Sie sorgt selbst dafür, dass unterschiedliche Arten auf einer Fläche wachsen. Da jede Pflanze ihren eigenen Stoffwechsel hat, geben die Pflanzen dem Boden auch etwas, manche mehr, manche weniger. In der ökologischen Landwirtschaft versucht man durch die Art des Anbaus und die Flächenwanderung dem Prinzip Mischkultur zu folgen und die Inputs und Outputs positiv zu beeinflussen. So wird auf den Teilstücken des Ackers zwar das gleiche angebaut, aber nur für eine Saison. Auf ein Jahr Ackergemüse folgen ein Jahr Kartoffeln, und nach dem Petkuser Roggen wächst drei Jahre lang Luzerne, eine Superpflanze, die den Boden mit viel Energie versorgt.

Wie sehr diese Balance auch in der konventionellen Tierhaltung und der Milchproduktion aus dem Lot geraten ist, lässt sich in Dahlem anhand des Rinderprojektes erzählen. Einst wurden Rinder auf einem Hof für die Produktion von Milch und Fleisch und als Arbeitskraft gebraucht. Dann ersetzten Traktoren die Muskelkraft der Tiere. Um ökonomischer produzieren zu können, wurden in der konventionellen Landwirtschaft die Tiere im 20. Jahrhundert entweder in Richtung Milch oder Fleisch gezüchtet. Milchkühe aus konventioneller Haltung geben heute kein gutes Fleisch mehr, weil der gesamte Stoffwechsel auf die Produktion von Milch ausgerichtet ist. Die männlichen Tiere aus der Milchreihe werden nicht gebraucht und schnell geschlachtet.

Die Rinder der Domäne Dahlem sind keine hochgezüchteten Tiere. Die Kühe leben in einer kleinen Herde und werden teilweise zu Zugtieren ausgebildet, die dann zum Pflügen auf dem Acker eingesetzt werden. Die landwirtschaftliche Arbeit mit Rindern ist zwar arbeitsaufwendiger, aber bodenschonender. Regelmäßig verkauft die Domäne Dahlem inzwischen die Rinder mit den besonderen Fähigkeiten an andere ökologische Betriebe oder Freilichtmuseen. 

Die Lust an der Uneindeutigkeit

Ob Freilichtmuseum die richtige Bezeichnung für die Domäne Dahlem ist, darüber denkt Victoria Vollbrecht zur Zeit viel nach. Seit kurzem ist sie die neue Frau im Marketing und dabei, die Außendarstellung und das Selbstverständnis weiterzuentwickeln. Tatsächlich ist der Begriff Freiluftmuseum nicht ganz treffend. Auf der Domäne findet man keine Gebäude, die einst woanders standen, wie etwa in „Den Gamle By“ im dänischen Aarhus. Auch wird in Dahlem nicht das Leben in einer anderen Epoche wie etwa im „Pfahlbautenmuseum“ am Bodensee nachgestellt. Zwar ist die Domäne Dahlem mit dem Museum im Herrenhaus und dem Culinarium im Pferdestall auch ein Ausstellungsort, zugleich ist sie aber auch mehr als das. Unaufgeregt oszilliert die Domäne Dahlem zwischen Bildung und Erholung, zwischen Ausstellung und lebendiger Landwirtschaft, zwischen Ruhe und Event, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht liegt der Zauber der Domäne auch darin, dass sie sich nicht so leicht klassifizieren lässt, Eindeutigkeit verweigert und ihr, wie der Natur, eine Vielfalt gelingt, die immer seltener wird. Alle Gebäude, Tiere und Pflanzen, jede Wiese und auch der Teich sind Ausgangspunkte unterschiedlicher Geschichten. Mit jedem Besuch kann man etwas Neues entdecken. Die Domäne ist eine Verwandlungskünstlerin, ihre Assistentin sind die Jahreszeiten. Besucht man das Areal hin und wieder, kann man beobachten, wie sich der eigene Blick verändert, schärft. Mit der Zeit begegnet man der Natur, den Tieren, den wachsenden Lebensmitteln, dem scheinbar brachliegenden Feld immer aufmerksamer. Es ist ein allmählicher, von selbst verlaufender Lernprozess, angetrieben durch ungezwungenes Wahrnehmen und frische Luft. Diese Vielschichtigkeit, Offenheit und Entspanntheit macht die Domäne Dahlem besonders. 

Eineinhalb Monate später ist der Roggen eingefahren. Zwischen den Stoppeln zeigt sich die Luzerne. Eine neue Phase in der Fruchtfolge ist angebrochen. Der Duft der Linden ist verflogen und aus den Ferkeln sind schon richtig große Tiere geworden. Es hat am Nachmittag geregnet und über dem Feld schwebt ein schwerer, verlockender Dunst.

Domäne Dahlem
Königin-Luise-Straße 49
Berlin-Dahlem

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