vonElisabeth Wirth 06.08.2022

Kaleidoskop

Kühne Kunst, rare Objekte, kuriose Dinge – Elisabeth Wirth besucht besondere Ausstellungsorte in Berlin.

Mehr über diesen Blog

Nein konnte er nicht mehr sagen, nachdem er den Raum zum ersten Mal gesehen hatte. Auch wenn es verrückt war: zu groß, zu hoch, unheizbar. Entziehen konnte sich der Künstler Thomas bo Henriksson der verwunschenen Wiesenburg nicht mehr. In den 18 seither vergangenen Jahren hat das Areal nichts von seinem Charme eingebüßt, eher noch dazugewonnen. Denn Orte wie die Wiesenburg sind in Berlin selten geworden. Sie wurden abgerissen, saniert, zu teuren Wohnungen ausgebaut. Um das Areal an der Panke, unweit vom Humboldthain, scheint die Zeit auf den ersten Blick einen Bogen gemacht zu haben. Ein breiter, unscheinbarer Weg führt auf das Gelände. Hinter einem Tor, etwas abseits der Straße, steht ein altes Backsteinhaus. Davor ein kleiner Garten, wild berankte Gebäudeteile, Ruinen, in denen Bäume wachsen, Werkstätten und Skulpturen am Wegesrand. Am hinteren Ende fließt flach und langsam die Panke. Unmittelbar hat man das Gefühl von einem Zeitsprung, als wäre man in das Berlin der 1990er oder frühen 2000er gereist. In eine unrenovierte Stadt, in der es viel Platz, viel Leerstand, vielen Brachen und vielen Nischen gibt. In eine Zeit, in der Künstler:innen und Initiativen mit günstigen Zwischenmietverträgen leere Flächen bezogen und mit ihren Ateliers, Galerien und Projekträumen verwahrlost wirkende Stadtteile belebten. Man könnte auch sagen, sie aufwerteten. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die Veränderungen der Stadt auch vor der Wiesenburg nicht Halt gemacht haben. Es ist ein bisschen ironisch, dass die Wiesenburg, die sich erst zu öffnen begann, als ihre Existenz bedroht war, heute an ein anderes Berlin erinnert. Dass sie als Ort für Ausstellungen, Konzerte und Tanz entstand, als andere der freien Szene verschwanden. 

Gefeiert und verfemt

125 Jahren ist es her, dass betuchte Berliner:innen an der Wiesenstraße im Wedding die Wiesenburg als Asyl für 700 obdachlose Männer eröffneten. Rasant war Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewachsen und zog immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit an. Wohnraum war rar. Obdachlosigkeit wurde kriminalisiert. Als Faulenzer und Gesindel wurden Obdachlose diffamiert. Bereits 1868, angeregt von Bertha Neumann, hatte eine Gruppe wohlhabender Berliner um den Bänker Gustav Thölde den Berliner Asylverein für Obdachlose als „ein Institut freier gesellschaftlicher Humanität und bürgerlicher Selbstverwaltung“ gegründet. Mit den städtischen Behörden oder der Polizei wollte man möglichst wenig am Hut haben.

Zu den Unterstützern des Vereins gehörten bedeutende Berliner wie der Mediziner Rudolf Virchow, der Meierei-Besitzer Carl Bolle, der Unternehmer August Borsig und der SPD-Politiker Paul Singer, der später die Wiesenburg leitete. „Soziales Engagement“, heißt es in dem Band Die Wiesenburg. Geschichte eines besonderen Asyls, verstanden sie nicht als „Wohltätigkeit, sondern als Pflicht ihrer Gruppe: Ein Minimum dessen, was der Wohlhabende dem Armen schuldet“. Die Verhältnisse grundlegend ändern, wollte der Verein also nicht. Sie verbessern allemal.

Mit der Wiesenburg setzte der Verein Ende des 19. Jahrhunderts neue Maßstäbe. Man sprach den Asylsuchenden ein Recht auf Anonymität zu, sie wurden freundlich und menschenwürdig behandelt, hygienische Standards wurden etabliert: Es gab einen Waschraum, einen Badesaal, einen Desinfektionsbereich. Alle Flächen waren leicht zu reinigen, Trinkwasser wurde abgekocht. Maximal viermal im Monat konnten die Obdachlosen in der Wiesenburg übernachten. In einem richtigen Bett – nicht auf einer Pritsche wie in der städtischen Asylunterkunft Die Palme. Zum Abendessen gab es eine Suppe, zum Frühstück Kaffee und eine Schrippe. Damit war das Asyl so fortschrittlich, dass es 1897 auf der Weltausstellung in Paris ausgezeichnet wurde. Zehn Jahre später wurde die Wiesenburg durch einen Anbau für bis zu 400 Frauen erweitert. Die Haustechnik entsprach nun dem allerneusten Stand. Manchen, so auch dem Pastor Friedrich von Bodelschwingh, war sie ein Dorn im Auge. Einrichtungen wie diese empfand er als „eine der gefährlichsten und verderblichsten“ in Europa. Eine regelrechte Hasskampagne führte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Wiesenburg und den Verein an, der ein unfreiwilliger Konkurrent des Pastors war. Friedrich von Bodelschwingh leitete die Hilfsorganisation Bethel, heute das größte Sozialunternehmen Europas, und verfolgte einen etwas anderen Ansatz. Ihm war es zuwider, dass die Menschen für ihr Asyl nicht arbeiten mussten. Die Wiesenburg sei „die größte Bildungseinrichtung für Vagabunden und Kriminelle“. Seiner Meinung nach sollten die „Faulenzer“ außerhalb der Städte in Arbeiterkolonien leben und sich bei Wind und Wetter verdingen. Einen eben solchen Ort hat Bodelschwingh, ein cleverer Fundraiser, noch kurz vor seinem Tod 1905 in der Nähe von Berlin gegründet.

Nachdem 1911 der Leiter der Wiesenburg Paul Singer gestorben war – Hunderttausende sollen den Freund kommunistischer Ideen mit einem Trauerzug geehrt haben – wurde die Immobilie 1912 neu aufgeteilt und teilweise kommerziell genutzt. Für ein paar Jahre Ende der 1920er mietete die Jüdische Gemeinde Räume für aus Osteuropa emigrierte Jüdinnen und Juden. 1933 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Vermögen des Vereins, übernahmen das Areal und ließen hier Rüstungsgüter produzieren, bis im Februar 1945 eine Bombe die ehemaligen Schlafsäle der Männer zerstörte und die Wiesenburg für Jahrzehnte in eine Art Dornröschenschlaf versank.

Flucht nach vorn

Zahlreiche Gerüchte und Geschichten ranken sich um die Wiesenburg. Der Hauptmann von Köpenick soll hier gewohnt, Rosa Luxemburg sich versteckt haben. Schlöndorff und Fassbinder haben hier gedreht. Federführend recherchiert, Fakten von Anekdoten getrennt und Material zusammengetragen hat die Künstlerin Heather Allen. Bis 2014 war die Wiesenburg im Schatten der Bahntrasse des S-Bahn-Rings ein weitestgehend „versteckter Ort“, erzählt Thomas bo Henriksson, der sein Atelier hier seit 2004 hat. Bis zu dessen Tod 2019 teilte er sich die einstigen Wäscheräume mit dem Tischler und Holzkünstler Peter Rintsch. Im Nebenraum stehen noch heute die fantastischen Bauten, halb Möbel, halb überbordende Skulptur, deren Entstehung eine eigene Geschichte ist.

Dann wurde die DEGEWO Eigentümerin des Areals. Die Mieter:innen des ehemaligen Verwaltungshauses, der Werkstätten und des Ateliers, die sich bisher um vieles selber gekümmert hatten, durften nichts mehr renovieren. Die Zukunft wurde ungewiss. Sie gründeten einen Verein mit dem Ziel, die Wiesenburg zu erhalten und als Ort für Kultur und Geschichte zu entwickeln. Die Wiesenburg begann sich zu öffnen und aus dem Atelier von Thomas bo Henriksson wurde ein Ausstellungsort. Auch nebenan in der Tanzhalle Wiesenburg von Isabelle Schad gab es nun Veranstaltungen. Der Verein organisierte Kulturfeste und Podiumsgespräche, bot Führungen über das Gelände an. „Die Liebe von den Politikern war sehr groß, es gab viel Presse“, erinnert sich Thomas bo Henriksson. Die Strategie des Vereins ging auf, die Mieter:innen wurden in die Planung einbezogen. Im Herbst 2021, als ich den Künstler besuche, ist es kalt. Durch eines der Fenster wächst Efeu, das Dach ist nicht ganz dicht. Wir trinken Tee. Noch sei nicht ganz klar, wann die Sanierung beginnen soll, erzählt Thomas bo Henriksson. In die Neubauten, die auf einem Teil des Geländes entstanden sind, dort wo einst zwischen den Ruinen ein wildes Wäldchen wuchs, sind bereits die neuen Bewohner:innen gezogen.

Geschehen lassen

Zum Abschluss der Saison 2021 ist in der Wiesenburg eine Retrospektive zu sehen. Viel Abstraktion in den unterschiedlichsten Formaten, ein paar Zeichnungen und Drucke, zwei Installationen. Neben Arbeiten freischaffender Künstler:innen hängen Werke von Autodidakt:innen und von Kindern. Manche Arbeiten sind hier entstanden, wie die meterhohe, in braunem Stoff verhüllte Sektflasche in der Mitte des Raumes. Oder das Gemälde, an dem Thomas bo Henriksson abwechselnd mit Emil Holmer und Sophia Schama gearbeitet hat. Mit der Gruppenschau von insgesamt 28 Künstler:innen will Thomas bo Henriksson zeigen, was los war, seit er sein Atelier geöffnet hat. Und sie gibt einen Einblick in das künstlerische Konzept des Ausstellungsortes, das man mit den Worten geschehen lassen beschreiben kann. Die wechselnden Ausstellungen ergeben sich aus dem wachsenden Netzwerk des Künstlers. Hin und wieder kommen Künstler:innen auf ihn zu und schlagen ihre Arbeiten für eine Ausstellung vor. „Bisher waren alle Vorschläge so gut, ich musste noch nie nein sagen“, erzählt er und lächelt. Im Laufe der letzten Jahre ist die Werkhalle auch ein wichtiger Ort für klassische und improvisierte Musik geworden. Als die Bratschistin Shasta Ellenbogen zum ersten Mal in dem hohen Raum stand, war sie ähnlich beeindruckt wie einst Thomas bo Henriksson – vor allem von der Akustik. Seitdem finden regelmäßig Konzerte statt, die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und improvisierter Musik sind fließend. Auch hier folgt Thomas bo Henriksson der Haltung des Geschehenlassens. Dass hier einer ist, der anderen seine Räume öffnet, hat sich herumgesprochen. 

Wenn die Werkhalle im Winter zu kalt für die Besucher:innen ist, kommt Thomas bo Henriksson zum Malen. Kunst war für ihn schon früh eine Sphäre, in der seine „Welt intakt war. Ich habe immer in Bildern gedacht“. Malerei, erzählt er, ist ein Forschen, ein den Veränderungen folgen, ein Versuch, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen. Darstellendes und Abstraktion, Fülle und Minimalismus, Intellekt und Gefühl. In der oberen Hälfte der Werkhalle hängen ein paar seiner großformatigen Gemälde. Eines davon heißt Souvenir des Sommes. Von 2014 bis 2018 hat er daran gearbeitet. Ein Prozess, voller „ungelungener Momente“. Das Bild sei voller Fehler. Heute ist es sein liebstes. 

Winterernte heißt die Schau, die aktuell zu sehen ist. Thomas bo Henriksson zeigt Bilder, die nach unserem Gespräch im letzten Herbst entstanden sind. Daneben gibt eine von Heather Allen kuratierte Ausstellung Einblick in die bewegte Geschichte der Wiesenburg. Auch Konzerte und die von Shasta Ellenbogen ins Leben gerufene Reihe Classical Sundays finden statt. In diesem Sommer öffnet Thomas bo Henriksson nur am jeweils letzten Wochenende des Monats die Werkhalle. Weitermachen wie bisher konnte er sich nach Beginn des Krieges in der Ukraine nicht vorstellen. Dafür war der Schock zu groß, fehlte die Kraft. Da die Sanierung der Wiesenburg auf 2024 verschoben wurde, wird es noch einen weiteren Sommer in der alten Werkhalle geben. Das Programm hat er bereits geplant, Schwedische Malerei wird man dann sehen können. Thomas bo Henriksson hofft, dass die Sanierungsarbeiten nur einige Monate dauern werden. Die Pläne der Architekten sollen den Mieter:innen im Herbst vorgestellt werden. Mit etwas Glück waren sie bei der ersten Besichtigung der Wiesenburg nur annähernd so angetan wie einst Thomas bo Henriksson und es gelingt ihnen, den verwunschenen Charakter zu erhalten.

Werkhalle Wiesenburg
Wiesenstraße 55
Öffnungszeiten 2022:
Jedes letzte Wochenende im Monat bis Oktober
12 – 21 Uhr

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kaleidoskop/es-ergibt-sich-zu-besuch-in-der-werkhalle-wiesenburg/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.