vonkirschskommode 26.08.2020

Kirschs Kommode

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Wenn nicht alle Monate, so doch mehrmals jährlich erscheinen Gedichtsammlungen, in denen Zeitgenossenschaft eine untergeordnete Rolle spielt: Die hundert schönsten Gedichte der Deutschen, Gedichte, die glücklich machen, Gedichte zum Abschiednehmen, Mondgedichte, Liebesgedichte, Herbstgedichte, Blumengedichte. Es ist der Kanon von den Merseburger Zaubersprüchen bis heute, immer wieder neu und unter anderen Vorzeichen zusammengestellt, öfter geschmackvoll illustriert – zum Glück der Herausgeber und den um ein Buchmitbringsel Verlegenen.

In meine Regale verirren sich wenige dieser Bände und Bändchen. Aber drei Sammlungen komischer Gedichte, eine Sammlung alter Balladen und eine Sammlung „der schönsten“ Kindergedichte besitze ich dennoch. Das meiste geschenkt. Ich kaufe zwar keine nach Themen zusammengestellten Anthologien, aber sie gehen nicht ganz an mir vorbei.

Wenn mir ein solches Buch irgendwo begegnet, auf dem Gabentisch eines Beschenkten oder auf dem Tisch mit Neuigkeiten in einer Buchhandlung, dann schaue ich nach, wer der mir bekannten Neueren Gnade vor den Augen der Herausgeber oder Herausgeberinnen gefunden hat und wer nicht. Genauer: Ich prüfe, ob die von mir seit Jahren beobachtete Hackslücke weiterhin besteht. In den meisten Fällen tut sie das. Bei gesammelten Kindergedichten ist die Chance am größten, dass auch einmal Verse von Peter Hacks mit dabei sind. Sonst sind die Chancen klein.

Ich weiß nicht, woran es liegt. Sind es Hacks Erben oder Verleger, die nicht möchten, dass seine Gedichte neben dem Kram von Biermann, Kunert oder Rathenow erscheinen? Das wäre, wenigstens aus ihrer Sicht, nicht nur unverständlich. Sind es, umgekehrt, die Herausgeber, die es als schlechte Gewinner für politische Hygiene halten, den Mann als einen Mann der DDR möglichst nirgendwo zu drucken? Ist es schlicht Unkenntnis und mangelnder Überblick? Oder ist es doch die herausragende Qualität der Gedichte?

Die Lücke kann nicht ewig bestehen bleiben. Peter Hacks ist vor siebzehn Jahren pünktlich zu Goethes 254. Geburtstag gestorben. In noch einmal siebzehn Jahren wird man auf antiquarische Gedichtsammlungen, in denen wider Erwarten nichts von ihm vorkommt, wahrscheinlich mit Befremden schauen. Denn Hacks wird Kanon sein und seine Lyrik ganz sicher auch in hundert und zweihundert Jahren in keiner Sammlung deutscher Gedichte fehlen.

Eine kleine Verbeugung vor dem Meister gibt es deshalb an dieser Stelle schon jetzt:

Zum 28. August

Geburtstag von: von Goethe.
Was Hacks die Ruhe gab,
für immer einzuschlafen.
Er stand schon halb im Grab.

Was stiftet Hacks-Gedenken?
Kalenderpolitik:
1 Tag vereint 2 Dichter!
(Mehr Schnippchen als ein Sieg.)

Sie sind zwei von den größten.
Zwei sehr illustre Herrn.
Wenn ich was Gutes reime,
stehts unter ihrem Stern.

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kommentare

  • Als Hacks-Verleger interessieren mich besonders die Mutmaßungen zu Hacks-Veröffentlichungen und -Lizenzen. Ich kann das einigermaßen klarstellen. Konkurrenzscheu kennen wir nicht; Hacks wirkt und strahlt immer und in allen Zusammenhängen. Deshalb gibts nach meiner Kenntnis auch keine Verweigerung einer Abdruck- bzw. Publikationsgenehmigung. Als Autor für Kinder ist Hacks auch nicht „umstritten“; er steht in manchem Schulbuch, und das seit vielen Jahren. Selten färbt mal eins seiner politischen statements aufs Hirn eines Herausgebers ab. Vielmehr ist es so: Anthologien hecken Anthologien. Mancher Anthologist bedient sich bei seinen Vorgängern. Haben die Hacks, hat er ihn auch; haben die ihn nicht, fehlt er eben in der neuen Anthologie. Überblick und Kenntnis sind es also, die fehlen und eine kleine (keine große) Hackslücke hervorbringen. Die wahre Hackslücke ist so groß wie die größte Bühne Deutschlands: Sie brüllt in den Zuschauerraum und will auf sich aufmerksam machen. Einer der größten Dramatiker wird nicht gespielt! – Tja, Hacks selbst hat über diese Theater so ziemlich alles gesagt. Sollen sie es ihm nun nicht heimzahlen? Sie tuns. Zum Schaden des Publikums, dem der Verlust unbekannt ist.

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