vonkirschskommode 13.09.2022

Kirschs Kommode

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Bei der Arbeit an meinen Erinnerungsgedichten habe ich bald bemerkt, dass es erklärende, erzählende Teile geben könnte und hin und wieder wohl auch müsste. Das erste und manchmal auch einzige Gedicht zu einer lange zurückliegenden Begegnung ruft diese auf und arbeitet sich an ihrer Einordnung und Neubewertung ab; das Gedicht ist ein Versuch, nachträglich genauer und besser zu verstehen. Aber in einigen Fällen bleibt es nicht dabei, mir werden weitere Fragen nach Hintergrund und Fortgang des Geschehens dringlich und unumgänglich und das Bedürfnis wächst, das Bild zu vervollständigen. Im besten Fall kann ich danach, nach Vervollständigung des Bildes, den Versuch machen, das verflossene Verhältnis ein zweites Mal in einem Gedicht zusammenzufassen.

Exemplarisch lässt sich das oben Gesagte an dem folgenden kleinen Zyklus sehen. Auf seine Überschrift lässt sich ein Reim machen, die mit Bedacht (und Tücke) gewählten Initialen „L. K.“ würden damit zur ängstlich dampfenden Pellka, vom Kenner Ringelnatz zerdrückt, mit Quark und Leberwurst gestampft und schließlich verschlungen. Mir war diese Anspielung ganz recht, weil im ersten der Gedichte tatsächlich Angriffslust spürbar wird, das brutale, aber auch befreiende Zurückstutzen eines lang gehegten inneren Bildes auf ein realistischeres Maß, gleichsam von diotimischer Wolken-Erhabenheit zum kartoffeligen Stampf. Das Ich braucht anschließend drei lange erzählerische Strophen, um doch noch herausarbeiten zu können, welchen Genuss das bzw. die „ungleich Runde“ ihm wohl beschert hätte, wenn.

Erinnerungsgedichte zu schreiben, ist selbstkritische Arbeit, mein Ich macht darin nicht unbedingt die beste Figur. Einzig die Leichtigkeit der Form macht die Arbeit erträglich und ihr Ergebnis, wie ich hoffe, auch.

Abschiedsworte an L. K.

I
Kurze Beine, lange Glieder,
lange Glieder, schwerer Tritt,
denk ich an das Mädchen wieder,
seh ich seinen Wankeschritt.

Seh wie seine Arme fliegen,
wie es hoppelt, stoppelt, tappt,
seh des Oberkörpers Wiegen,
wenn in ihn der Gang aufschwappt.

Ich hätt das gesehn mit siebzehn?
Ich sahs nicht. Sahs nicht mit dreißig.
Sie? War schön. Das stand und blieb stehn:
Ein Altarbild ehrt ich fleißig.

Treu wie die Penelope
hab ich lang an ihm gehangen,
zelebriert mein Ach, mein Weh
und Geschichten angefangen.

Halbe Ehen, ganze Kinder,
ganze Kinder, halbes Glück;
lieb ich heut das Bild auch minder,
ich bekomme nichts zurück.

II
Organisiert hab ichs. Den Kummer.
Ihn wortreich uns herbeigeführt.
Es war ein Auftritt, eine Nummer,
mit ihm war alles eingerührt:
Ich liebe viele. (Erst viel später
begriff ich, was mich damals ritt.
Ich gab, verzichtend, den Verräter,
gewann mir das, woran ich litt …)
Wir taten so, als obs uns freue,
wer liebt, der gönnt dem andern Glück.
Und warn dabei nur überscheue
Novizen auf dem Weg zurück.
Uns freie Liebe zuzuschwören,
es hieß, uns beide zu verstören.

Vielleicht wars das, wo wir gut passten,
vom Körperlichen abgesehn:
nicht halten können, was wir fassten,
sich selbst beim andern nicht verstehn.
Denn, wenn ich meine Nase frage,
ihr herber Atem, dickes Haar,
war Stoff, nach dem ich Sehnsucht trage,
in allem, was ich bin und war.
Und die paar endlos-großen Male,
da ich sie mir umfangen hielt,
(das äußerlich so ganz triviale
Geknutsch, das Pubertät befiehlt),
es hat uns doch recht eng verbunden.
Danach wars möglich zu verwunden.

Wie tief? Ich ging zu Psychologen.
Sie klopfen mir die Seele ab.
Zu oft hatt ich mich selbst betrogen
und dacht, ich nehms nicht mit ins Grab.
Sie fällt mir ein, mein Gott, wir waren
noch halbe Kinder, ewig her,
was war uns schon groß widerfahren?
Und find heraus, doch, es gab mehr.
Denn einmal bei mir in den Kissen,
sie wühlte sich an meine Brust,
war selbstvergessen hingerissen –
ich lachte blöd und brach die Lust.
Berührt am Ursprung meiner Ängste
ließ ich sie los und sagte: Denkste.

III
Sie, aus der Hüfte, locker, tief gebückt,
sortiert am Boden vor sich sieben Sachen
mit leichter Hand, die Beine durchgedrückt.
Ihr schien die Haltung wenig auszumachen.

Ich stutze kaum. Und hab das Bild entrückt.
An diesem Anblick mocht ich nicht erwachen:
Ich kann, von meiner Freundin ganz entzückt,
doch ihre Proportionen nicht belachen.

Verpasster Spaß! Allein die langen Zehen!
Mit denen spielte sie, na ja: Klavier.
Jedoch, anstatt das Spiel an mir zu sehen
und auszukosten jedes Maß an ihr,
zog ich es vor, in Trauer mich zu retten,
dass bloß die Körper nichts zu lachen hätten.

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