vonkirschskommode 29.09.2021

Kirschs Kommode

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Wenn ich die Dichter und Schriftsteller aufzählen sollte, die in meinen Lehrjahren wirklich prägend waren, dann käme ich auf fünf. In der Reihenfolge ihres Erscheinens in meinem Leben: Friedrich Hölderlin, César Vallejo, Heinrich Heine, Irmtraud Morgner und Peter Hacks. Über Hölderlin ließ sich die Antike erschließen, über Vallejo der freie Rhythmus, über Heine die Liedform, über Morgner der Montageroman, über Hacks schließlich das Theater. Es gibt eine zweite Reihe, in der Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler und, zeitlich zuletzt, auch Arno Schmidt sich kurz zeigten, als Dichter und Schriftsteller, deren Gestus mich beeindruckt und deshalb sicher auch zeitweise beeinflusst haben dürfte. Aber an mehr stilbildende Begegnungen kann ich mich nicht erinnern. Irgendwann war ich dafür zu gefestigt und zu bewusst. Leseerlebnisse hörten auf, mich zu formen, und wurden Auseinandersetzungen. Ich las alle, auf die ich später stieß, als Freunde, Feinde, zeitweilige Verbündete, Vorgänger oder Nachfolger meiner ersten fünf bis acht. Ich verstand die von ihnen bevorzugten Verfahren, sah, was sie gut machten, was nicht ganz so gut und sah es auch bei mir selbst. Ich war kein Lehrling mehr.

Unbekannt geblieben sind mir die Mechanismen, die bewirkt haben, dass ich, jung und ignorant, bei einem Buch, das ich dem Bücherschrank entnahm, hängenblieb und mich beeinflussen ließ, während bei vielen anderen nichts verfing. Doch völlig zufällig zustande gekommen sieht meine Reihe der großen Vorbilder nicht aus, meine fünf bis acht Leute hätten sich, nicht in allen Einzelheiten, aber doch über einiges ihrer geistigen Grundlagen verständigen können, auch wenn sie sich wahrscheinlich nicht in jedem Fall persönlich gemocht hätten. Meine Vorbilder fangen mich zuerst mit Klagen über große Niederlagen und verlorene Revolutionen ein, um mich, im Lauf meines Erwachsenwerdens, in den sozialistischen Optimismus der DDR, an einen „Ort des Wunderbaren“ (Morgner), mitzunehmen; den Heine in der Mitte. (Die Vorbilder der zweiten Reihe blieben derweil traurig oder skeptisch.) Ich würde – denn ich lebe in einer Umgebung, in der die Antikommunisten das Sagen haben – es nicht wagen, mich zu diesen Ahnen zu bekennen, wenn ich noch jung wäre und auf Chancen rechnete, mich im Literaturgeschäft zu behaupten. Ich habe es mit dreißig einmal getan und es war ein schwerer Fehler. Doch nun bin ich nicht mehr jung und weiß, dass jede denkbare Karriere für mich vorbei ist, ich kann mich bekennen, wie ich will, mich beheimaten, wo ich will. Es interessiert kaum jemanden außer mich selbst.

Aber die Folgen sind, was mich angeht, dennoch weitreichend. Dem Aufbau verpflichtet, kann ich in meinen Gedichten schlecht verneinen, noch schlechter pessimistisch oder zerstörerisch werden, nicht einmal angreifen oder schimpfen. Wenn ich spotte, dann sanft, wenn ich klage, dann mit Maß. Und meine Themen werden mit jedem Tag heimeliger, häuslicher, während draußen, so unfassbar für mich wie (hoffentlich nur scheinbar) unaufhaltsam, die große Verwertungsmaschine alles Lebende frisst oder nach ihrer eigenen unerbittlichen Logik gefügig macht. Als Dichter wüsste ich daraus gerne einen Ausweg.

Lange habe ich gedacht, der Ausweg läge in der Liebe, in Liebesgedichten. Doch die Liebe, nicht immer, aber öfter, macht es sich gern gemütlich, vor allem auch im Glück, dann, wenn sie gelingt. Sie richtet sich ein, um zu überleben, und ist schnell überfordert, wenn sie außerdem die Welt retten muss. Mehr als ein Hinweis darauf, dass diese Rettung lohnen würde, kann sie kaum sein. Ist das genug? 2015 oder 2016 habe ich mein Dilemma einmal so zu fassen versucht:

Beschränkung

Ich war zum Loben auf die Welt gekommen,
zum emsigen Bejahen und, zum Teil,
zum liebenden Verstehn, warum derweil
manch schönes Ziel an Glanz hat abgenommen.

Was fand ich vor! Wie karg die Nahrung! Zum
Bejahen Ideelles bloß, zum Loben
Versuche, Stoff. Mich hielten einzig oben
die Absichten und mein Kontinuum,

ein Trott des Versemachens auf die Welt.
Das, freilich, gründlich mich nur packte,
verließ das Ideal das Hochabstrakte
und ließ mit Händen sich begreifen. Fällt
euch auf, ich schweige, bitt ich zu verzeihn:
Nur Liebesglück lässt mich noch Verse reihn.

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