vonkirschskommode 24.10.2019

Kirschs Kommode

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Was bisher geschah: Der Pathologe Dr. Siechner wurde bedroht und in sein Telefon geschossen, als er gerade mit Kriminalkommissar Wengath sprach. Wengath, anstatt sich zu fragen, wie er dem bedrohten Dr. Siechner möglichst schnell helfen könne, sieht seinen ganzen Fall, den Fall der 240 Plastikwecker, durch seinen Kopf wirbeln, angefangen mit den Bildern der von Zeitbomben gesprengten sieben Gräber bis zu der Leiche auf dem achten, dem Grab von Ludwig Erhard in Bonn. Nunmehr führt ihn seine Erinnerungsreise in das Haus des Opfers – ein Polizeiobermeister Dellmann aus Berlin. Für einen Moment sitzt er dort allein im Wohnzimmer, die befragte Witwe war aufgestanden, um ihm aus der Küche einen Kaffee zu holen.

Er hörte eine Wasserleitung pfeifen, stand auf und sah sich um. Zwei Minuten würde sie schon brauchen, wenn sie zur Toilette gegangen war. Er nahm den dicken, roten Klotz des Bürgerlichen Gesetzbuches aus dem Regal und hob den Einband an. Ingeborg Maser stand in jugendlichen Schnörkeln auf der Seite vor dem Schmutztitel. Er blätterte zwei Seiten weiter, die Ausgabe war aus den frühen Sechzigern. Aber auch die Nachtrags- und Änderungsbände standen im Fach des Regals. Hatte Dellmann also eine studierte Frau. Passend zur Hauseinrichtung. Aber wie hatte sich Dellmann da hinein gepasst? Seinen Lebenslauf kannte er aus den internen Unterlagen der Polizei: Volksschule, einfache Laufbahn bei der Uniformierten Polizei, in vielen Jahren sich hochgearbeitet bis zum Kontaktbereichsbeamten, dreizehn Lehrgänge, davon einer für Gesprächspsychologie. Fünf dienstliche Auszeichnungen, die letzte vor anderthalb Jahren für besondere Leistungen bei der Bekämpfung von Ausländerkriminalität: Ein Händchen zum Auffinden illegaler Einwanderer musste er gehabt haben. War am Ende genau das, mit dem er den Pennern so leutselig auf die Schultern klopfte – kein zu hoher Preis für den einen oder anderen Tipp. Ferner: Verheiratet und eine Tochter. Wengath vermisste zu diesen Angaben das Echo in der Einrichtung, die brauneichene Schrankwand, die Familienfotos im Standrahmen, den repräsentativ aufgebauten Fernseher auf seinem mit Spitzendeckchen verzierten Thron, die Tapete aus Schilfpapier und den Couchtisch mit Rauchglasplatte vor der Sitzgruppe. Ein bisschen mehr wie bei anderen Kollegen zu Hause könnte es schon aussehen: Wenn sogar in seinem eigenen Haushalt der Polizeidienst sich zwischen den Erbstücken Platz zu verschaffen wusste, ihm ulkiges Zeug in die Vitrine müllte. Grün-weiße Einsatzwagen aus Plastik zum Beispiel. Oder etliche Elefanten, geschenkt in Anspielung auf sein Gedächtnis. Aber dies hier war ein Akademikerhaushalt ohne jeden Bruch. Hier präsidierten nur die Bücher und ein sorgfältig angelesenes Wissen über Antiquitäten.
Ein Schnaufen und Fiepen hinter der Tür zum Nebenzimmer. Dann geschäftiges Scharren und Kratzen am Türblatt. Doch ein Hund! Natürlich, in diesem Zimmer dürfte die Tür zum Garten sein und das Haustier sein Körbchen haben. Wengath griff zur Klinke und drückte sie nach unten. Eine lange braune Schnauze hebelte im Türspalt, ein Ruck, der Dackel stürzte an seine Beine, wickelte sich durch sie hindurch und hüpfte mit einem freudigen Aufkläffen in Richtung Küche davon. Vor Wengath lag das Gartenzimmer, nachtgrau, aus einem Spalt der heruntergelassenen Jalousie ein Riss von Licht über schemenhafte Möbelbeine. Er tastete neben dem Türrahmen nach dem Lichtschalter, eine Leuchtstoffröhre pulste unrhythmisch, dann war sie da. Wengath fuhr zurück: Schwarze Umrisse stachen vom Weiß der gegenüberliegenden Wand ab, Knäufe links, Läufe rechts, metallisch glänzend. Pistolen. Mindestens vierzig verschiedene Modelle auf kleinen Plexiglaskonsolen, immer eines über und neben dem anderen. In der Ecke ein Tisch, zur Werkbank umfunktioniert, eine Waffe in Einzelteilen lag dort. Rechts von ihm eine Vitrine, in der säuberlich polierte Munition ausgestellt war, eine Patrone stets stehend, ein paar der selben Sorte wie zufällig um sie herum gelegt. Alle scharf. In einem Hängeregal Fachzeitschriften mit Titelthemen wie Die Handfeuerwaffen der Wehrmacht, Die Revolver der Pioniere oder Luger im Wandel der Zeit.
Interessiert Sie das Hobby meines Mannes?
Die Kaffeetassen schlugen klirrend aneinander, als Frau Dellmann das Tablett hart auf dem Tischchen absetzte.
Entschuldigen Sie, der Hund. Er war dort eingesperrt.
Wengath löschte das Licht und schloss die Tür wieder. Frau Dellmann musterte ihn, einer ihrer Mundwinkel zog sich langsam nach unten:
Um den Hund kümmere ich mich schon.
Wengath hob beschwichtigend die Hände:
Ich nehme an, es hat alles seine Ordnung mit den Waffen. Ein Mann wie der Ihre wird keine Schwierigkeiten gehabt haben mit den Genehmigungen.
Nein, das hatte er nicht. Aber Sie gehen jetzt.
Wengath nahm sein Notizbuch vom Tisch:
Eine Frage noch.
Ich mag nicht, wenn bei mir herumgeschnüffelt wird.
Er folgte ihrer Handbewegung Richtung Haustür:
Die Adresse Ihrer Tochter. Dort, wo sie gemeldet ist, wohnt sie nicht.
Ein Schulterzucken:
Wozu sind Sie Kriminalbeamter?
Frau Dellmann, wir können Sie auch ganz offiziell vorladen lassen.
Sie langte an ihm vorbei und zog die blaue Haustür auf:
Ich werde es zu schätzen wissen. Auf Wiedersehen.
Ein Schritt nach vorne auf die Treppe, schon füllte hinter ihm das Blau den Türrahmen wieder vollständig aus. Schneeregen peitschte sein Gesicht. Warum hatte ihm das Leben eigentlich einen Chauffeur ausgeschlagen? Jetzt könnte er einen gebrauchen. Und es war schließlich einer für ihn vorgesehen gewesen: In die Fußstapfen des alten Herrn und ab dafür. War aber außer seinen Möbeln kaum etwas geblieben von dieser für ihn bestimmten Biografie. Nur eben die Leichtsinnigkeit, mit der er Mantel und Schirm im Auto liegen ließ, als würden sie ihm nachgetragen. Gut, auch das: Wein. Exzellenter Wein. Und in handfesterer Form als in der Erinnerung an den Duft des Gute-Nacht-Kusses seiner Mutter. Einen ganzen Keller davon hatte er geerbt. Und fast schon ausgetrunken. Bestimmt nicht zu seinem Schaden. Schrieben sie doch neuerdings auch in den Zeitungen, wie gut Mammas Duft dem Herzen tat, Lafite, Pesquera, Barolo, etwas in der Preislage.

In den Zeitungen und anderen Medien ging die Bombe erst rund vierzehn Tage nach dem Anschlag auf das Kanzlergrab hoch. An einem Montag. Zwar hatte Ludwig Erhard vom Tag des Attentats an seinen Platz auf den Titelseiten, den Leitartikeln, in Rundfunk- und Fernsehbeiträgen eingenommen. – Die ARD hatten sogar einen 1990 produzierten Zeichentrickfilm, in dem Ludwig als guter Onkel seinem kleinen Hund die Marktwirtschaft erklärt, wieder ausgekramt und ließen die einzelnen kurzen Folgen jetzt nach Tagesschau und Wetterkarte ausstrahlen. Eine Wiedergutmachung in eigener Sache: Der Film war ursprünglich zur Aufklärung der in Sachen Marktwirtschaft unbeleckten Ex-DDR-Bürger gedacht gewesen. Ein Berliner Trickstudio, normalerweise spezialisiert auf Kinderfilme, wie etwa die Reihe von Sandmännchenbeiträgen über einen lieben Löwenwärter Tobias Totz, der einen ebenso lieben Löwen betreut, hatte ihn in aller Eile produziert. Für die Kleinigkeit von einigen Millionen Mark. Leider war dann in den Rundfunkanstalten der Verdacht aufgekommen, zu viel Marktwirtschafts-Unterricht im lieben Löwenwärterton würde ihnen am Ende doch als Überheblichkeit ausgelegt werden können. Und die teure Serie verschwand ungesendet im Archiv. Nun, mit der Schändung seines Grabes, hatte man endlich doch Gelegenheit zu zeigen, was für ein weiser und liebenswerter Mensch Ludwig Erhard gewesen war. Als: …humorvolle Hommage. Um das Entsetzen über die brutale Tat mit einem Lächeln überwinden zu helfen, wie der Sprecher der ARD verlauten ließ. Außer diesem Ausreißer der ARD war einzig und allein noch in der Frankfurter Allgemeinen etwas über den Fall erschienen, das aufs Herz berechnet war. Psychologische Erwägungen über den für die bundesrepublikanische Linke am Ende doch noch ausstehenden Vatermord – : …ein Ansinnen, das ihre mangelnde Fähigkeit, Geschichte als ein vor allem organisches Herkommen zu begreifen, zu Genüge illustrieren dürfte!, wie der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag befand. – Doch im Großen und Ganzen hatten sich die Medien zurückgehalten. Die Motive der Täter lagen zu sehr im Dunkeln. Wer warum etwas gegen Erhard gehabt haben könnte, erschloss sich nicht ohne weiteres. Gegen einen überhundertjährigen Mann, der zudem schon so unendlich lange tot war. Gleichzeitig war im politischen Lager die Zahl seiner Anhänger und Bewunderer unübersehbar groß und wie selbstverständlich über alle Parteien verteilt. Er war also vor und nach dem Anschlag nichts als die selbe unbestrittene, in der Erinnerung des Normalbürgers schon leicht verblassende Gründerfigur. Was ließ sich dazu schon bringen? Fotos vom Grab, vom Ex-Kanzler, von Dellmann, Spekulationen über die Hintergründe des Polizistenmords, Abrisse über Leben und Leistungen Erhards nach 1945, meist einfach Reprints der Jubiläumsartikel zu Erhards Hundertsten, und höchstens noch ein wenig Gerede über ausbleibende Wirtschaftswunder zum Wohlstand für Alle nach 1990, auf das der oder die Täter vielleicht aufmerksam machen wollten. Dann erschien in Hamburg Der Spiegel. Im üblichen hässlich-orangenen Rahmen prangte der beziehungsreiche Titel S.A.F. – Antifa im Todeskampf?

 

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