vonkirschskommode 30.04.2020

Kirschs Kommode

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Was bisher geschah: Kriminalkommissar Wengath befindet sich in einer äußerst unbequemen Lage. Er hat die Hände erhoben, nachdem er seine Pistole fallen lassen hat. Und die fiel ihm auf den Fuß. Natürlich geschah es unter Zwang. Frau Dellmann, zu der er eiligst gefahren war, nachdem er erfahren hatte, dass ihr Tochter Monika sie besuchen wolle, Frau Dellmann zielt noch immer Pistole auf ihn. Wo ist Monika?, will Wengath wissen. Monika, die ihm zuvor im Krankenhaus erzählt hatte, was er noch wissen musste, um das Wie und Warum des Mordes an ihrem Vater zu verstehen: Wo ist sie? Gehen Sie in Wohnzimmer, lautet der Befehl ihrer Mutter. Und als Wengath das Zimmer erreicht, befiehlt sie: Setzen Sie sich neben sie. Ans Fußende.

Es war das alles nicht mehr wahr, es war nur noch Super 8, ein Heimvideo Lichtenrade ohne Wiederkehr war das. Nur seine Zehen schrien: Wir sind noch in der physischen, dreidimensionalen Welt, wir tun weh, wir sind zerschmettert, wir schwellen, dass der Arzt dir den Schuh mit der Schere ausziehen muss. Doch das Zimmer, die Gegenstände in ihm, alles leuchtete von innen heraus, bestand aus von einer hellen Lampe in einen dunklen Raum geworfenen farbigen Schatten. Er würde durch Monika Dellmann-Nwgabe hindurchfassen, wenn er versuchte sie zu berühren, seine Hand durch sie zu Boden sinken, durch das Sofa, auf dem sie lag, mit gekreuzten Armen und zugedrückten Augen. Vor ihr auf dem antiken Teetischchen aus Kirschholz, Kerzenleuchter, aber die Wärme, die er von ihnen spürte, war bestimmt nur seine eigene, denn ihm war schreckheiß, obwohl er gleich, es lag schon auf der Haut, anfangen würde zu frieren wie ein Schneider.
Das Sofa trug erstaunlicherweise. Er saß stocksteif, die Knie spitz zusammen, die Schultern hochgezogen, zu Monikas Füßen, schmalen Füßen in weißen Socken. Und als er ängstlich über ihren mageren Körper blickte, entdeckte er auch den roten Fleck im Pullover unter ihren gekreuzten Armen. Es war nur wenig Blut ausgetreten, sauberer Hausfrauenschuss ins Herz, dass die Pumpe sofort stoppte und nicht noch schwallweise roten Dreck auf den Teppich spie, mutmaßliche Täterin die Mutter, Ingeborg Dellmann, geborene Maser, Geliebte des Staatsanwalts Nebelung, wie er annahm und nie erfahren würde. Da hockte sie auch schon im Sessel ihm gegenüber, seine und eine zweite auf ihn gerichtete Pistole in den Händen, mit glasig verweinten Augen, verschluckte sich fast an ihrem Satz:
Das haben Sie angerichtet, Sie haben sie getötet.
Vom Augenschein her handelt es sich hier nicht um Töten sondern um Morden. Strafrechtlich macht das erheblichen Unterschied, wie ich Ihnen nicht erklären muss.
Sie starrte ihn aus vier Pupillen an, die Mündungen der Pistolen mitgezählt, die sie vor ihre Brüste hielt: Alle Achtung! Was kannst du herumlabern, Wengath. Wenn das hier Super 8 ist, bist du Super 9. Und wenn sie ihn gleich erschösse, dann käme es von Herzen, bummerbumm, aus der Mutterbrust käme es geschossen: Wärst du nicht, Wengath, mein Kind hätte ich im Griff gehabt und es würde leben:
Und?
Nichts. Ihre Handlungsweise ist außerdem eine Art Geständnis für den Tod Ihres Mannes.
Sie nickte resigniert:
Das können Sie haben, mein Geständnis. Was wird es Ihnen noch nützen?
Wenn ich nur verstünde, worum es bei dieser Metzgerei geht. Der Tod Ihres Mannes war ein Racheakt. Aber für was und wozu? Ihr Streit um den Schwiegersohn kann nicht das Motiv gewesen sein , Ihren Mann umzubringen. Und außer Ihrem Mann müssen später noch der Schwiegersohn selbst, dann Ihre Tochter und der werdende Enkel sterben. Mir ist das zu gründlich, dieses Ausmerzen bis ins letzte Glied: Das bisschen Hautpigment, das der Schwiegersohn in die Familie gebracht hätte, kann so schwer doch nicht wiegen.
Keine Reaktion. Nur ihre Füße fuhren plötzlich aus ihrem Kleid und plumpsten vor den Sessel, rosa Rüben, die aus einem Sack hervorpurzelten – denn was hatte sie überhaupt an? Ein komisches Gewand, Tusnelda im Brautkleid, autochthon altgermanisches Knitterleinen. Sie biss die Zähne zusammen, lehnte sich zurück, ihr Hände krampften um die Waffen. Ohne dass sie aufhörte, ihn vieräugig-schwarz zu fixieren:
Sie werden es nie verstehen.
Die Weingrimasse sah der ihrer Tochter ähnlich, die Art, wie sie gegen ihr Entstehen ankämpfte war die selbe, Monika die Ältere. Bloß, was sollte die ganze Nummer? Was schluchzte sie ihm noch lange viel vor, anstatt ihre Zeigefinger durchzukrümmen, um sein Ende im Doppelrückstoß zur Brust zu nehmen: Musste er da durch, musste er das Häuflein Elend dieser Frau erfassen? Und würde sich am Ende genau dadurch Joãos Himmelreich verdienen: Das fehlte noch! (Doch was war überhaupt mit ihren Füßen los? Die lagen abgestorben unter ihrem Stuhl, zwei hell-lila angelaufene Kohlrüben.) Also, auf jeden Fall auch dem Nicht-Gesagten erst einmal weitläufig widersprechen. Denn was immer das war, was in ihr vorgegangen war und vorging, ihm roch es hier nur nach dem mit eigenen Fleisch und Blut verkochten Heldensago von der Notwendigkeit rassehygienischer Maßnahmen im engsten Familienkreis. Und das war die Vorlage, die er jetzt brauchte, dazu fiel ihm etwas ein, die passenden letzten Worte, umsonst ist der Tod:
Nein, ich werde es nie verstehen. Denn selbst wenn der Unsinn wahr wäre und gewisse genetische Merkmale, die sich bei gewissen Gruppen der Menschheit ausgebildet haben, in der Vermischung mit anderen genetischen Merkmalen anderer Gruppen der Menschheit zu einer einseitigen oder beidseitigen Degenerierung führten, also in diesem Sinne Krankheit wären, warum sollte daraus folgen, dass man die Träger dieser Krankheit wegoperieren muss? Die Möglichkeit, mit Krankheit, mit körperlichen Mängeln oder Verfallserscheinungen einigermaßen vergnügt zu leben, nennt man Zivilisation. Schließlich ist keiner von uns vor Krankheit und Verfall geschützt. Wenn Sie mich fragen, im Grunde sind wir dann erst wirklich zivilisiert, wenn bei uns noch die Komakranken Anspruch auf Kammermusikkonzerte am Krankenbett und auf tägliche Massagen haben.
Ihre Füße waren jetzt eindeutig violett, verfluchter Kerzenschein, er sah wohl nicht richtig. Die Pistolen in ihren Händen zitterten: Nimm Abschied, Wengath, und gesunde! Und ein traurig-höhnischer Blick auf seine Rede:
Das Königreich der Krüppel und Unnützen.
Alles andere ist Steinzeit. Aber wahrscheinlich wollen Sie Steinzeit. Genau deshalb glaube ich eben nicht, dass Ihre familiären Motive mehr als die halbe Wahrheit sind. Ihr Mann ist am 24. Oktober gestorben, einem Dienstag. Als Verräter hingerichtet. Oder so war es wenigstens geplant. Diejenigen, die ihn auf das von der S.A.F. mit der Bombe präparierte Grab gestellt haben, standen hinter den Zypressen und zielten auf ihn. Ihr Mann jedoch durchkreuzte den Plan, indem er sich mit einer Pistole erschoss, die er ohne Wissen seiner Henker bei sich hatte. Er ahnte die Bombe unter seinen Füßen. Ihre Tochter hätte mir jeden einzelnen der Bande bezeichnen können, deshalb liegt sie jetzt hier. Sie kannte die Mitglieder des Dienstagsschießclubs.
Sie hob die Waffen an, ein, zwei, drei Sekunden, dann ließ sie sie wieder sinken:
Ja? Und wenn er ein Verräter war, warum hat man meinen Mann nicht einfach irgendwo anders erschossen und unauffällig beseitigt?
Aus Gründen der Tarnung, ihn so zu ermorden, war unauffällig. Außerdem, weil man die Saff so zu Mördern machen konnte. Aber auch, um sagen zu können: Dellmann, du hast bis Mitternacht Zeit, es dir zu überlegen.
Was zu überlegen?
Und die Pistolenmündungen krochen langsam wieder höher hinauf.
Deinen Schwiegersohn zu beseitigen. Als Zeichen der Unterwerfung unter unsere Ziele. Letzte Möglichkeit zur Umkehr Friedhof Bonn. Weil der Dienstagsschießclub eben längst nicht mehr auf Schweinehälften schießt. Sondern mit einem schwarzen Golf GTI durch die nächtliche Stadt fährt, um ausgesuchte Einwanderer zu liquidieren. Kann man machen, ist keine Kunst. Seit mindestens zehn Jahren gehen alle ermittelnden Behörden regelmäßig davon aus, dass immer nur ein Einwanderer als Täter in Frage kommt, wenn ein anderer Einwanderer umgebracht wird. Alles Mafia und Messerstecherei. So kämpft der deutsche Staat dafür, dass es bei uns zur Freude des Auslands keine Neonazis mehr gibt. Die meisten Mitglieder des Schießclubs wissen das sehr genau. Sie sind aktive Juristen, Richter, Staatsanwälte, Studienkollegen von Ihnen. Ein Deutscher Kampfbund zur planmäßigen und vollständigen Durchrassung des Abendlandes widerspricht ihren Zielen.
Die Kugeln pfiffen ihm über den Schädel, Vermutungen als richtig bestätigt, dankeschön, Wandfarbe und Putz spritzte in seinen Nacken. Er warf sich hinter das Sofa, wenn sie jetzt aufsprang, hatte sie ihn, stemmte sich mit den Ellbogen ab: rollerolle, erreichte das Gartenzimmer mit der Waffensammlung, Licht an, der Dackel lag in einer Blutlache im Körbchen (Wieso lag der Dackel in einer Blutlache im Körbchen?), griff einen Revolver von der Wand, drückte ab, Knall, die Kugel schrillte, das Glas einer Vitrine zersprang. Er nahm Deckung neben dem Türrahmen, den Revolver in der erhobenen Hand.
Nichts. Er hörte sie schwer atmen durch die offene Tür, dann röcheln.
Frau Dellmann, ist Ihnen nicht gut? Ich kann den Krankenwagen rufen. Lassen Sie die Pistolen fallen, eine nach der anderen!
Nichts. Seine Zehen fingen wieder an mit ihrem Weh und Ach, seine Arme stimmten ein, wie nach einem Boxkampf würden sie aussehen, wie konntest du uns nur so behandeln, kaum deinem Alter angemessen, dich hinter das Sofa zu hechten, dich über den Teppich zu wälzen, alles auf unsere Kosten. Im Zimmer nicht mal mehr Atmen, sie musste davon geschwebt sein. Und würde mit Wagnerischem Walkürengesang: Hoitohoh!, von oben angreifen. Er löschte das Licht, blickte über den armen toten Wuffi hinweg zur Glastür, den Ausgang in den Garten, ob es möglich wäre, im Dunkeln durch sie zu entkommen. Er sah zweimal hin: Machinn Mund zu, komm Fliejn rinn, wenndinn bissum Sommer ufflässt. Ähä.
Sie war auch im Spiegelbild so offensichtlich tot, dass er das Licht wieder einschaltete, zur Vitrine ging und die Wand hinter ihr absuchte. Das Projektil steckte in der Fußleiste, ein Querschläger war es nicht, der ihn gerettet hatte. Nee. Sie hatte den Tod des Sokrates mit ihm spielen wollen, so gelehrt ging es zu, Von der Unsterblichkeit der Seele, ein langsam, von den Füßen aufwärts wirkendes Gift zu sich genommen, wahrscheinlich in dem Moment, in dem er die Klingel gedrückt hatte. Wollte noch genießen, dass er nur wusste, dass er nichts wusste. Aber er, Banause im Nichtwissen, der er war, wusste doch etwas, viel zu viel Erschießliches, und hatte es lang und breit erklärt. Nur weil Erklären eben dauert, war das Gift bei ihr ein bisschen höher gekommen als genauem Zielen zuträglich. Warum hatte er es nicht schon begriffen, als er ihre Rübenfüße tot aus ihrem mit Bedacht angelegten Leichenhemd purzeln sah? Hatte er Platons Phaidon nicht gelesen, wo der Giftbechertod beschrieben war? Aua, Wengath, setzen, sechs. Knapper davon gekommen als nötig war er, schwindelig wurde ihm: Deswegen auch Wuffi! Der Kommissar kam in der Sterbestunde. Er ging zurück in das Wohnzimmer, schaltete das Super 8 weg, Deckenlicht ein, nichts sonst berühren: Tatort!, fand ein Telefon. Rief die Polizei an.

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