vonkirschskommode 07.05.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

Mehr über diesen Blog

Was bisher geschah: Alle sind tot, der Polizist Dellmann wie seine Frau, wie seine Tochter, wie sein Schwiegersohn, wie sein Dackel. Kriminalkommissar Wengath weiß, wie jeder von ihnen um sein Leben gekommen ist und warum, er ist zu spät gekommen, um die letzten Tode zu verhindern. Im Wohnzimmer der Dellmanns liegen die leblosen Körper von Frau und Tochter Dellmann, im Nebenzimmer, erschossen, der Dackel. Es ist vorbei. Wengath sucht das Telefon und ruft die Polizei zum Tatort.

Alle glaubten ihm: Engagierter Kommissar war zu spät gekommen, um eine junge Frau zu retten, hatte entsetzliche Ängste auszustehen gehabt. Eine wertvolle Zeugenaussage, ein schreckliches Drama. Punkt. Und bei jedem Einzelpunkt gab es fassungsloses Kopfschütteln: Manche Familien. Die hattens. Aber dicke. Mit dem blindwütigen Schicksal. Mann offenbar verrückt. Opfer von Terroristen. Schwiegersohn Afrikaner. Opfer der Drogenmafia. Und Mutter bringt Tochter um. Wollte kein schwarzes Enkelkind. Dann sich. Letzter Punkt: Auch den Dackel hatte sie zuvor. Selbst den Dackel! Ein Ausrufezeichen: ! . (Ein ! = 20.000 Berliner begleiteten Wuffis kleinen Sarg bis zum Tierfriedhof in Lankwitz.). Die letzten Aussagen von Monika Dellmann-Nwgabe zum Dienstagschießclub gaben endlich die plausible Erklärung dafür ab, weshalb die S.A.F. ausgerechnet den unwichtigen Dellmann umgebracht hatte. Kaum dessen obskuren Kampfbund, sondern einer noblen Vereinigung von Juristen und anderen Funktionsträgern aus Polizei, Verwaltung und Wirtschaft hatte der Anschlag gegolten. Die gefährlichen Terroristen liefen noch frei herum, die Drogenmafia war eine Gefahr für uns alle, einige Mitglieder des Dienstagsclub, wie er ab der ersten Presseerklärung halboffiziell hieß, bekamen Polizeischutz gestellt. Die Welt befand sich einen Tag nach der Familientragödie von Lichtenrade in schönster Ordnung, sie war ganz und gar so wie in Presse, Funk und Fernsehen seit Jahr und Tag, also seit Menschengedenken dargestellt, dass sie es sei. Wengath wusste ein paar Dinge anders, stellte aber nichts richtig: Widerspruch hätte keinen Sinn gehabt, dazu bräuchte er mehr Beweismaterial. Noch einen Tag später wurde er vom Dienst suspendiert.

Bertsch hatte ihn gleich in Frühe zu sich gerufen. Mit erstickter Stimme am Telefon, unter vielem Räuspern, als hätte er sich an seinem Brötchen verschluckt und könnte gerade noch um Hilfe krächzen. Und sagte lange nichts, als Wengath dann vor seinem Schreibtisch stand, sondern sah durch das große Doppelfenster in den grauen Himmel. Wies nur mit der Hand mehrmals auf den Besuchersessel, bis Wengath sich setzte. Dann erhob er sich, um vor seinem Fenster auf und ab zu gehen, konnte seine Stimme auf drei Kilometer nicht wieder finden. Endlich blieb er stehen:
Knaast kann Nebelung nicht ausstehen. Das ist bekannt. Nur, er kann sich das leisten, als Ermittlungsrichter sitzt er auf der sicheren Seite. Aber ich muss mit der Staatsanwaltschaft zurechtkommen, Daniel.
Er schaute wieder lange hinaus:
DroOrg hat bei Nebelung nichts gefunden. Nebelung hat getobt und hat disziplinarische Maßnahmen gegen dich verlangt. Der Weg war verstellt, du hast formal keinen Fehler gemacht. Aber inzwischen gibt es ein Gutachten. Sowohl über die eidesstattliche Erklärung, die zur Durchsuchung führte, als auch über deine Aussagen, als sie dich neben dem Afrikaner betrunken von der Straße aufgehoben haben. Es tut mir sehr leid für dich. Es ist ein psychologisches Gutachten. Hermann Lochner hält alles, was du gesagt hast, für Einbildung und dich für einen Paranoiker.
Bertsch setzte sich ihm gegenüber an seinen Tisch, die Ellbogen aufgestützt, seine kurzen und kräftigen Hände gefaltet, beide Zeigefinger auf ihn angelegt:
Daniel, leider arbeiten wir mit Beweisen, nicht mit Thesen. Ich muss also Lochner Recht geben. Vielleicht nicht in der Diagnose. Aber es stimmt, du hast fatal überreagiert. Du hast darauf gesetzt, dass DroOrg bei Nebelung die Beweisstücke findet, wie auch immer du darauf kamst, da könnten welche sein. Und hast jetzt nichts in der Hand, aber allerhand behauptet. Unter anderem, dass der die Ermittlungen leitende Staatsanwalt mit mutmaßlichen Killern zusammenarbeitet. Ich kann nichts mehr machen.
Das habe ich nicht behauptet. Ich habe nur behauptet, sie seien in Nebelungs Zimmer gewesen.
Handbewegung Bertsch, bring mich jetzt nicht raus, war schwer genug, in Schwung zu kommen, Einwand weg:
Du bist bis auf Weiteres beurlaubt. Es wird ein Verfahren geben, ein Zweitgutachter muss dich sehen, deine psychologische Eignung für den Polizeidienst wird überprüft. Je nachdem, wie das Verfahren ausgeht, behältst du deine Bezüge oder nicht. Wenn sie dir nachweisen, dass du aus persönlichen Motiven gegen Nebelung vorgegangen bist, Niedertracht aus Hass oder Rache, behältst du sie nicht. Wenn sie dir den Ausfall als psychotischen Schub werten, bist du von Amts wegen verrückt. Wenn du Pech hast, auch gefährlich verrückt. Das werden sie dir alles schreiben. Dienstwaffe und Marke bitte ich mir auszuhändigen.
Und ließ die gefalteten Hände sinken, die Doppelzeigefingernase stieß mit ihrer dicken Spitze auf den Tisch:
Ich begreife nicht, Daniel, wie du dich dermaßen reinreiten konntest. Du wirst einen verdammt guten Anwalt brauchen.

Aber es war doch merkwürdig, wie die ungeliebte Dienstpistole ihn ansah, als er sie Bertsch über den Tisch hin reichen wollte: Du gibst mich doch nicht so einfach weg, bin ich nicht auch eine Frau mit Gefühlen? Mein Doppelname, Heckle-Rundkoch, klingt nach verheiratet, ein Sekretärinnenname ist das, für eine mausgraue Schreibkraft im Kostüm, so unkörperlich steif, dass du nach zwanzig Jahren Betrachten nicht heraus hast, was sich zwischen ihrer strengen Brille oben und Kreppsohlen ihrer Schuhe unten eigentlich befindet. Aber fass mich doch nur einmal an: Ein bisschen Fingern und ich bin scharf. Und auf Zehntausend Schuss erlebst du mit mir nur drei Rohrkrepierer. Wo hast du das, welche Andere kann dir das bieten? In den fünf Jahren, die ich bei dir bin, hast du mich nie beachtet, kaum aus dem Halfter gezogen hast du mich, die vorgeschriebenen Reinigungen und Probeschüsse regelmäßig versäumt. Und trotzdem habe ich immer an dich geglaubt. Auf dich gewartet habe ich. Du brauchst mich. Genau heute ist der Tag, an dem du mich brauchst. Hau dem Bertsch eins über den Schädel. Da ist mein Hecklerund-unrundes Heck, unweiblich eckig, aber dick und schwer in deiner Hand. Wenn er nur zwei Stunden schläft unter dem Glockentonsummen seines alten Brummschädels: Zwei Stunden Vorsprung würden uns reichen, um die Welt ins Lot zu bringen. Wie schnell sind wir an der Volksbühne. Wie schnell haben wir Knut Speichert aus seinem verglasten Schwalbennest unter dem drückenden Theaterhimmel gerissen, treiben ihn vor uns her, klappen ihn ins Auto hinein, auf den Beifahrersitz, fahren mit ihm zu Schöne Alte Fahrzeuge, schubsen ihn in den Wohnwagen: Zu Barbara Jakomir, fauchen sie an:
Gib Speichert den Schlüssel vom Nissanbus und mir den Schlüssel vom Wohnwagen!
Wir reißen ihr das Telefon aus der Wand, schließen sie ein, werfen Wohnwagenschlüssel und Telefon ins wintergelb und graue Gras. Wir lassen Speichert in den Nissan klettern, starten, losfahren. Wir hocken zusammen hinten drin, zwischen Grabgebinde und Gartenwerkzeug und zielen auf ihn, dass er ja keinen Scheiß macht:
Fahr zu! Lade deine Auftraggeber ein! Du weißt, wo sie stecken, die beiden Arschgeigen. Denen du nämlich deine Berichte über die Saff abgeliefert hast und damit geholfen, den Polizisten Dellmann auf dem Grab von Erhard umzubringen.
Und da stehen sie schon an der nächsten Ecke, Kommissar Zufall will es: Bodybuilder, paarweise antreten zur gerechten Strafe. Wir zwingen Speichert zum Halten, sie aufzufordern, sich vorne neben ihn auf die schmalen zwei Sitzplätze zu quetschen. Sie werden ihn erstaunt ansehen, aber gehorchen. Denn wir haben Speichert, durch mich, mein starrer Blick genügt, gelehrt zu sagen:
Pläne in letzter Sekunde geändert, Befehl vom Boss.
Doch kaum sitzen Kolbe und Breker springen wir auf von hinten aus der Deckung, schnarren nur:
Gebt eure verdammten Schießeisen dem üblen Spitzel da und eure Ausweispapiere gleich mit!
Und zu Speichert sagen wir, und dabei wedele ich mit meinem schwarzen Spuckloch kurz zu ihm hinüber:
Steig aus und bring Waffen und Ausweise dem Leiter der Kriminalpolizei Bertsch, sag ihm, das sind die Tatwaffen, Fall Nwgabe, und das sind die Täter. Er wird verstehen, obwohl er Kopfschmerzen hat. Und du Wanze kannst was gutmachen, bevor du hoffentlich bald nach Australien abhaust!
Dann drehe ich zurück auf die Bodybuilder:
Der links, rüberrutschen, ans Steuer, und über den Berliner Ring bis Abzweig Drewitz und von da zum Waldfriedhof und zwar zügig und ohne Zicken!
Der links Sitzende, Kolbe oder Breker, wird behaupten, er habe keinen Führerschein. Aber du lässt mich zweimal kommen, zwei Luftlöcher stanze ich ins Autodach, dass uns gleich die Weihnachtsluft umweht. Da stöhnt er dann nur noch beklommen. Und wir höhnen:
Mach dich mal bloß nicht nass, mein Engel!
Sobald wir fahren, starten die Hubschrauber, aus der Polizeikaserne in Spandau rasen die Einsatzwagen los Richtung Zehlendorf, Scharfschützen treffen auf dem Waldfriedhof ein, nehmen um Karajans Grab herum Aufstellung. Der Himmel ist voller Rotorengedröhn, wenn du an der Einfahrt zum Friedhof Halt! rufst und rückwärts nach hinten hinaus aussteigst. Ich ziele stur weiter auf die Verängstigten. Doch kaum fallen die Flügeltüren des Nissanbusses hinten zu, gebe ich mein Letztes für dich, entleere mein Magazin, treibe das Auto mit Schüssen vor mich her, den Hauptweg hinunter, bis die Scharfschützen es in Sieb verwandeln. Dann darfst du mich in die nächste Gießkanne versenken und zum 211er Bus gehen, glücklich werde ich verrosten. Die Saffler werden so erfahren, mit wie viel Blei in der Luft ihre Festnahme geplant war. Und sich über die grüne Grenze vom Acker machen, wenn sie einigermaßen bei Verstand sind. Und Nwgabes Mörder sind entweder tot oder fertig zusammengeschossen fürs Gericht: Liebst du mich immer noch nicht?

Bertsch musste aufgestanden sein und um ihn herumgegangen. Seine kurze Hand drückte ihm die Schulter:
Gib her, Daniel. Ich weiß, es klingt albern, aber es ist wie eine Kastration. Oder wie wenn dir eine die Frau wegnimmt. Oder beides. Ich weiß.
Er nahm ihm die Waffe aus der Hand und reichte ihm eine vorbereitete Empfangsquittung:
Und heb das gut auf. Für alle Fälle.
Er wiegte sich bedauernd hin und her, Wengath verstand: Jaja, ansteckende Zerknirschung unter Kollegen und er, der gerade Suspendierte, war hier der Hauptzerknirschte. Alles furchtbar traurig. Aber das war es eigentlich nicht. Nicht wirklich. Verblüfft war er, verwundert, ungläubig: Dass ihm ein Fall weggenommen wurde, ohne dass ihm noch einer seiner Tricks blieb, die Akte gegen alle Widerstände offen zu lassen, bis er genug belastendes Material zusammen hatte. Daran musste er noch etwas drehen, scheiß auf die Übermacht der andern. Oder noch besser destruktiv werden: Wenn er Dellmanns wirkliche Mörder nicht bekommen sollte, dann sollte wenigstens auch niemand anderes seine vorgeblichen Mörder bekommen: Ja, er war längst Partei. Geschenkt. Er sah zu Bertsch hoch:
Und nun? Ich habe mich gerade in eine Großmutter verliebt, wie du bestimmt schon gehört hast. Wie sollen mir denn die Enkel glauben, dass ich Kriminalist bin, ohne Marke und Pistole?
Bertsch hörte auf Zerknirschung zu wiegen, beugte sich, großes Fragezeichen, zu ihm vor: Was sollte denn das jetzt?
Kannst du mir nicht wenigstens von der Abteilung für Tarneinsätze einen falschen Bart organisieren? So ein falscher Bart ist bestimmt beeindruckend für so ein Kind.
Ein Schniefen, Bertsch wischte sich den Augenwinkel aus, rang sich sogar ein Zitat ab:
Du bist unglaublich, Daniel. Aber neue Liebe, neues Leben.
Und schluckte dran, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen:
Da hast du Glück im Unglück. Ich hoffe –
Eine lange Pause, viel Ventilation, zittrig, Tonnengewicht auf den kleinen Lungenbläschen, bis er seinen Satz fortsetzte:
– du behältst den Kopf oben. 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kirschskommode/keine-kunst-31/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.