vonkirschskommode 31.03.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

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Ich hatte im Herbst 2002 einige Schwierigkeiten, den folgenden Artikel zum Schlagwort „Mensch“ in meinem im Frühjahr darauf erschienenen Restekochbuch unterzubringen. Das ist verständlich, Redaktion und Lektorat haben mein Buch als kulinarische Kuriosität, nicht als Krisenkochbuch gelesen, meine Beiträge sollten Appetit wecken, nicht verstören. Die Welt war überwiegend gut, zumindest die mittleren Klassen befanden sich wohl in ihr – so wohl, dass der von mir vorgesehene Buchtitel Kirschs Krisenkochbuch  mit der Bemerkung abgelehnt wurde, beim Stichwort Krise würde doch keiner je an Ökonomisches, sondern jeder immer an Beziehungskrise denken.

Ich nehme an, das Virus mit seiner Macht, Millionen von Erwerbstätigen von Erwerb und Erwerbsleben einfach abzuschneiden, ändert das Empfinden des eigenen Wohlbehagens mitten im rundrum Unbehaglichen gerade gründlich. Und wieder fühle ich mich neben der Spur: Die große Krise ist doch nicht erst seit diesem Frühjahr da! Die ungeheure Fragilität dessen, was mich vorm Kannibalismus des Wirtschaftssystems bewahrt, ist doch nicht erst seit ein paar Tagen oder Wochen spürbar! Wie kann und konnte man es nicht wahrnehmen?

Aber man konnte und kann. Der Artikel Mensch in meinem Restekochbuch ist ein Hinweis darauf, dass der kannibalistische Geschäftssinn eines Salvini, auf den ich in zwei meiner letzten Beiträge eingegangen bin, nicht aus dem Blauen kommt. Das Menschenfressen ist der normale Geschäftsgang. Zu dem freilich auch gehört, darüber nicht zu sprechen. Wenn ich etwas getan haben sollte, um den Erfolg meines Kochbuchs zu verhindern, dann waren es vielleicht genau diese Zeilen:

Mensch. Kulturpessimisten werden aus der Tatsache, dass Menschenfleisch im Laufe der Geschichte – zumindest im Rahmen der christlichen Kirchen – zuerst durch Brot, dann durch Oblaten ersetzt worden ist, keinen anderen Schluss zu ziehen wissen, als dass halt alles immer fader würde auf Erden. Marxleser wissen das natürlich mal wieder anders und, wie immer, besser. Finden sie doch in einer Fußnote im Kapital folgenden Hinweis über gewisse Praktiken im alten Rom: „Das Geld, das die römischen Patrizier dem plebejischen Schuldner vorgeschossen, hatte sich vermittels seiner Lebensmittel in Fleisch und Blut des Schuldners verwandelt. Dies Fleisch und Blut war daher ihr Geld. (…), dass die patrizischen Gläubiger von Zeit zu Zeit jenseits der Tiber Festschmäuse in gekochtem Schuldnerfleisch veranstalteten, bleibe (…) dahingestellt.“ Freilich liegt es verdammt nahe. Sah doch das römische Recht als Strafe für einen zahlungsunfähigen Schuldner neben der Einsperrung oder Versklavung ausdrücklich auch die Zerstückelung seines Körpers vor. Und wozu sich derlei Mühen machen, wenn man ihn nicht essen wollte? Es ist nicht so lange her, da wurde im Vaterunser noch ganz konkret die Vergebung der Schulden erfleht, und dieses Gebet zusammengenommen mit der für jeden Vegetarier zu Recht irritierenden Abendmahlformel: „Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib …“ machte aus dem frühen Christentum wahrscheinlich kein schlechtes Angebot für Menschen fressende Gläubiger bzw. gläubige Menschenfresser: Esst statt der Schuldner den Jesus und euer ist das Himmelreich. Wir haben es bei der Verwandlung von Menschenfleisch in Brot und von Brot in Oblate also zuerst mit einem Fortschritt – Veränderungen in den Produktionsverhältnissen, die gestatteten, das Verspeisen von Menschen unmoralisch zu finden – dann mit seiner technischen Rationalisierung zu tun, als dieser Fortschritt allgemein zu werden begann. Seit ich das weiß, nehme ich die Oblate gegen den Vorwurf der Fadheit in Schutz: Er mag geschmacklich zutreffen, aber historisch ist er falsch. Es ist von daher für mich nichts als erfreulich, unter dem entsprechendem Stichwort tatsächlich ein paar Anregungen geben zu können, was mit diesem dem Papier nicht unähnlichen Gebäck in der Resteküche anzufangen sei (siehe: Oblaten). Freuen würde mich auch, stieße ich einmal auf einen Buchtitel wie diesen: Wir die Jesusesser, ihr die Menschenfresser. Religiöse Sublimierung und Projektion anthropophager Traditionen auf Andere als konstituierendes Element der europäischen Kriegs- und Raubkultur. Der historisierende Blickwinkel sollte im Übrigen aber nicht dazu verleiten, die Schuldnerverspeisung in der christlich-westlichen Welt für abgelegt und überwunden zu halten. Solange Auflagen des Weltwährungsfonds verschuldete Länder dazu zwingen, ihr bestes Ackerland für die Exportproduktion herzugeben, ist sie es nicht. Da die Erträge solcher Felder meist in die Massentierhaltung wandern, wandeln wir das Fleisch, das den Schuldnern auf den Rippen zu fehlen beginnt, statt in Oblaten in tierisches Fleisch, vor allem in Schweinefleisch um, bevor wir es zu uns nehmen. Schweinefleisch, für alle, die das schon immer nicht wissen wollten, sei es gesagt, soll dem menschlichen zum Verwechseln ähnlich schmecken.

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