vonkirschskommode 20.01.2026

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12.01.2026
Irgendein witziger Kopf hat einmal bemerkt, dass die Schildkröte ihr Wettrennen mit Achilles auf jeden Fall gewinnt, da sie steinalt wird, während der berühmte Menschenschlächter und Kriegsheld bekanntlich sehr jung stirbt. Ich mag diese Deutung der alten Geschichte. Meine Sympathien gehören dabei, ganz klar, der Schildkröte (einer griechischen Landschildkröte, wie anzunehmen ist) mit ihrer erstaunlichen Fähigkeit, bei widrigen Umständen ihre Lebensfunktionen auf ein kaum noch merkliches Minimum zu reduzieren, um sie so zu überdauern. Sie läuft nur, wenn sie Bedingungen hat, die es ihr mit nicht zu großem Aufwand erlauben – wenn die Temperatur stimmt und der Weg frei ist. Genau deshalb gelangt sie ins Ziel.

Mir ist die Geschichte von der siegreichen Schildkröte und ihrem glücklosen Gegner Achill im Zusammenhang mit einer anderen wieder eingefallen, in der es um Wasserressourcen ging, um kahle Bergkuppen, die mit Wohnsiedlungen bebaut werden sollten, und um die Wein- und Obstproduzenten in den Tälern und auf halber Höhe der kahlen Kuppen. Die Landwirte waren in einer Genossenschaft organisiert und über die im Rat vertreten, der die lokalen Brunnen verwaltete. Sie wussten, wie viel Wasser pro Minute ihre Quellen hergaben, wie viel davon die Landwirtschaft verbrauchte und wie viel darüber hinaus als Trink- und Brauchwasser zur Verfügung stand. Sie waren mithin aus guten Gründen gegen die Bebauungspläne. Was allerdings zur Folge hatte, dass sie als wirtschaftsfeindlich beschimpft und kaltgestellt wurden.

Ihre Erbitterung darüber war selbstverständlich groß. Und auch bei denen, die weniger betroffen waren, löste die Geschichte wenigstens ein ungläubiges Kopfschütteln aus. Tatsächlich habe ich nur einen einzigen Menschen getroffen, der, als er davon hörte, gelassen reagierte. Ein Gemüsegärtner, der eigentlich Anlass genug gehabt hätte, die Sorgen ums Wasser zu teilen. Er meinte jedoch, ohne allzu viel Sarkasmus in der Stimme, im Grunde sei alles in Ordnung, für die Bebauung würden die kahlen Kuppen terrassiert, um die neuen Häuser herum würde Erde für die Ziergärten aufgeschüttet. Sobald es kein Trinkwasser mehr gebe, würden die Bewohner wieder ausziehen und die Häuser verfallen. Aber die Erde bliebe, die Terrassen wie die Mauern der Hausruinen würden sie festhalten, Pflanzen könnten sich ansiedeln und Regenwasser sammeln. Letztlich würden die Berge grüner sein als zuvor, man müsse nur warten. Um bei meiner anfangs zitierten Geschichte zu bleiben: Die Schildkröte würde den Achill schon noch überholen.

An den Gemüsegärtner mitsamt seiner schildkrötlichen Weitsicht hatte ich lange nicht gedacht. Mit den Nachrichten aus dem Iran ist er mir wieder in den Sinn gekommen. Ein Regime, heißt es, komme zu Fall, weniger, weil seine Gegner stark, sondern weil es selbst am Ende sei, weil es nichts mehr in den Händen habe, um seine Macht zu erhalten. Den Demonstrationen im Iran gingen – zeitlich, nicht ursächlich – Meldungen über Erwägungen der iranischen Führung voraus, die rund neun Millionen Einwohner Teherans zu evakuieren, wenn es nicht bald regnen sollte. Es gibt, nahezu im ganzen Land, kein Wasser mehr, die Stauseen sind leer, die unterirdischen Wasserspeicher durch Überausbeutung erschöpft. Näher am Ende kann ein Regime kaum sein, drastischer eine Regierung kaum versagt haben. Wenn es sogar notwendig werden könnte, die Hauptstadt zeitweise oder auch gänzlich aufzugeben! Aber was folgt daraus?

Ich fürchte, was ich immer fürchte: Kampfmaschinen vom Schlag des Achilles. Beziehungsweise eben Krieg oder Bürgerkrieg. Denn an welchem Ort der Welt kann ein Regierungs- oder Regimewechsel die Katastrophe noch abwenden, die ihm vorausging und die ihn begleitet? Anstelle von Neuanfängen sehe ich bewaffnete Kämpfe um schwindende Ressourcen. Ein Eingreifen von außen, wie im Fall des Iran bereits angedroht, ändert an dieser Perspektive nichts, verschlimmert sie am Ende sogar oft, schon weil dadurch mehr Waffen in die betroffenen Regionen gelangen. Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen an entscheidenden Stellen, die in der Lage sind, in ähnlich großen Zeiträumen zu denken wie mein Gemüsegärtner. Wenn ein Land verdurstet, müssen ohne Frage andere seine Menschen aufnehmen. Dann muss es mit gezielten, nachhaltig wirksamen Maßnahmen der Wüste wieder abgewonnen werden, es würde nicht länger als einige Jahrzehnte, höchstens ein Jahrhundert dauern. Die Schildkröte käme schon an ihr Ziel. Aber im Augenblick hat sie gar keine Bedingungen, die ihr das Loslaufen auch nur irgendwie erlauben. Weswegen sie sich eingegraben und ihre Lebensfunktionen auf ein absolutes Minimum reduziert hat. Sie befindet sich in einer Art Starre, mit stark verlangsamtem Herzschlag, und atmet so gut wie nicht.

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