vonlukasmeisner 23.01.2023

Kriterium

Die Rechnung 'Krise vs. System' geht nicht auf. Was wir brauchen, ist eine Kritik am System der Krise.

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Weit verbreitet ist heute die Vorstellung – insbesondere in konservativen und verschwörungstheoretischen Kreisen – dass Medien, Kultur, Wissenschaft usw. dieser Tage links seien, dass also eine linke Hegemonie die letzten Jahre heraufgezogen sei, der sich heute kaum noch wer widersetzen könne. Diese Vorstellung könnte falscher nicht sein. Gewiss, die Mainstream-Medien informieren großenteils oberflächlich pro-ökologisch und anti-rassistisch; im Kultursektor fliegen die Preise verstärkt zu jenen, die sich mit Identitätspolitik einen Namen machen; und der Genderstern ist aus kaum einer wissenschaftlichen Publikation mehr wegzudenken. Doch all das ist eben nicht links. Es ist liberal. Denn auch „Linksliberale“ sind Liberale. Aber Linksliberale sind keine Linken. Das Adjektiv frisst das Substantiv. Die beiden sind nicht zu vereinen.

Warum, ist einfach zu erklären. Spätestens seit Marx wissen wir, dass der Liberalismus die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft und damit die der besitzenden über die besitzlosen Klassen ist. Daran hat sich nichts verändert. Verändert hat sich lediglich, dass heute auch Frauen, PoC, Queere und andere marginalisierte Menschen häufiger bis in Machtpositionen vorrücken können als früher. Hinter der neuen Leitkultur stecken also die Ideale der Meinungsfreiheit, der Chancengleichheit, der Leistungsgerechtigkeit, des Minderheitenschutzes und dergleichen mehr. Das alles mag nicht verkehrt sein, aber es sind keine linken, sondern liberale Ideale. Ihre faktische Funktion ist, das kapitalistische System mit scheinlegitimatorischer Deko zu versehen.

Linke Ideale derweil wären so etwas wie: Freiheit nicht nur der Meinung, sondern substanziell demokratisches Mitspracherecht; Gleichheit der Menschen untereinander und nicht nur ihrer Chancen; Gerechtigkeit gegenüber den Bedürfnissen von Lebewesen statt gegenüber dem Performanzprinzip; Durchsetzung der Interessen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minoritären – wobei manche Minoritäten schlicht abgeschafft werden sollten: nicht nur Xenophobe, Misanthropen und Sadisten, sondern auch Reiche, Ausbeuter und Kapitalisten.

Derweil mag man durchaus sagen, dass linke Ideale liberale Phrasen ernst und beim Wort nehmen und sie aus ihrer ideologischen Funktion befreien wollen, um wirklich den Menschen und nicht den gegebenen Strukturen zu dienen. Schon Marx wusste: der Schein der Verwirklichtheit bürgerlicher Ideale – Freiheit, Gleichheit, Bentham – täuscht hinweg über die Ausblendung des Produktionszusammenhangs mittels des einseitigen Fokus auf die „Wunder“ des Konsums. Während Rechte also völlig zurecht Liberale dafür kritisieren, dass diese heuchlerisch, arrogant und zynisch seien, wiederholen sie zwar nicht das liberale Selbstverständnis oder seinen Habitus, aber doch sein grundsätzliches Ausblenden der Wurzeln der Probleme. Stattdessen gibt es dann Scheinvendetta gegen die Schwächsten, die größten Opfer des Bestehenden. Darum sind Liberale und Rechte eine Wahlverwandtschaft, die das kapitalistische System trotz ihrer Widersprüche eint. Dass Kirchen ein Schisma trennt, heißt nämlich nicht, dass sie soziologisch nicht dieselbe Funktion ausübten.

Der Überbau, um mit Marx zu sprechen, spaltet sich heute kurzum vor allem in zwei Lager, die aber gleichermaßen kapitalistische Ideologeme sind: ins liberal-identitätspolitische und ins konservative bis rechtsextreme Lager. Die Linke fehlt da weitläufig und ist, was Zeitungen angeht – außer vereinzelten Stimmen – höchstens noch im Freitag, in der jW oder im ND anzutreffen. Die Vorstellung, dass die heutigen Medien, die heutige Kultur, die heutige Wissenschaft links seien, ist also die genaue Verkehrung der Realität. Sie sind alles, nur nicht links. Klassisch Ideologie eben… Wer anderes behauptet, müsste inzwischen davon sprechen, dass das Militär links sei, weil es diverser wird, oder dass der Kapitalismus links sei, weil er die Regenbogenflagge fürs Image hisst. Das wäre schlicht widersinnig. Wer die Standardmedien oder die Grünen oder die SPD im Jahr 2023 für links hält, irrt objektiv genauso wie alle, die meinen, 1 und 1 ergäben nicht 2. Wir müssen die Rationalität der Begriffe in ihrer angestammten Bedeutung verteidigen, denn sie sind die einzige Orientierung in einer Welt, die sprachlos macht, um mit den taubstummen eigenen Gefühlen in Bezug aufs Schlimme und Schöne adäquat umzugehen. Dazu gehören die Begriffe Links, Rechts und Mitte. Die Medien, die Kultur, die Wissenschaft sind nicht links, und genau weil sie es nicht sind, sind die Wähler dieses Landes in politische Obdachlosigkeit gezwungen. Hierin und in nichts anderem liegt der Erfolg der Rechten, die den Liberalen den Stab aus der Hand nehmen, um ans selbe Ziel zu gelangen. Nur mit mehr Verheerung auf dem Weg dorthin.

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