vonlukasmeisner 19.07.2021

Kriterium

Die Rechnung 'Krise vs. System' geht nicht auf. Was wir brauchen, ist eine Kritik am System der Krise.

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Wir leben in Zeiten der Insta-Politisierung. Die Neo-Öffentlichkeiten der (a-)sozialen Medien sind zunehmend weniger pluralistische denn anti-öffentliche, ademokratische, segmentierte Echokammern – deren kollektiver Narzissmus ihr einziger gemeinsamer Nenner ist. Von Rechts über Mitte bis Links bildet sich mensch nur mehr in Blasen, die denen des Finanzmarkts homolog sind: je mehr in eine Blase investiert wird, desto wertvoller, wirkmächtiger, aufgepumpter, selbstentbettender wird sie. Bloß kollabieren die Blasen der Meinungsbildung nicht so leicht wie jene der Finanz – in erstere nämlich sind Innenleben investiert. Sie sind Orte direkter Subjektivierung. Die Subjektivierungsform der Blase aber ist die der Monadologie: Verkapselung heißt der neue Fetisch. Niemand will mehr mit niemandem reden, und darauf ist mensch auch noch stolz. Jeder Identität ihre Ingroup, jeder Sprechakt reguliert, jede Erlaubnis ein Akt des Erteilens: wer dazu gehört, erhebt sich moralisch über die anderen, deren normative Abwertung mit Selbstkonstitution synonym bleibt.

In dieser zerlegten Anti-Öffentlichkeit der Insta-Politisierung gibt es keine Argumente mehr, sondern nur mehr Identitäten. Die Position bestimmt restlos über die Validität einer Auffassung. Dass mensch mit bestimmten anderen Menschen nicht mehr spricht, von sich aus weder sprechen kann noch gar sprechen will, wertet sich um und damit auf: von Borniertheit zu Progressivität. Nicht länger auf den Gehalt einer Rede zu hören, sondern auf das Aussehen der sprechenden Person, erklärt sich selbst zum neuen Vorrecht. Den Kontakt mit Andersdenkenden zu scheuen gilt in Folge nicht als gefährlich kleingeistig, sondern als erhabenes Empowerment. Das alte Freund-Feind-Politikverständnis wird so postmodernisiert zum subkulturellen Lifestyle. Minderheiten geraten in den Schein der Mehrheit durch technologisch erzeugte Schizophrenie – durch psycho-spatiale Disassoziation –, als welche sich das Ressentiment voll ausleben darf und soll. Der Separatismus universalisiert sich. Eine unendliche Multiplikation der Parallelgesellschaften etabliert sich ‚von unten‘, um die letzten Reste öffentlicher Ratio zu kapern.

In all dem summiert sich die konsequente Regression des politischen Liberalismus – als privatisierendem Relativismus der ‚Meinungen‘ – in seine kapitalistische Grundlage. Was sich summiert, worein regrediert wird, sind Atomisierung, Antagonismus, Krieg aller gegen alle und Zerstörung der Vernunft. In der Vefallsform der bürgerlichen Diskursivität ist somit angekommen, was ökonomisch längst herrschte. Was sich hierin aber abzeichnet, ist das Divide et Impera des diversifizierend marodierenden Kapitals: das Teile und Herrsche einer synkretisierenden Verwertung der Welt. Konfrontiert mit der Notwendigkeit solidarischen gemeinsamen Handelns im Angesicht des Klimawandels ist wohl kaum eine Ideologie so verheerend wie jene – derzeit hegemonial werdende – der totalen Partikularisierung. Insta-Politisiertheit ist die neueste Version der liberalen Apolitizität.

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