Der Tuichi hat vor Gericht eine Schlacht gewonnen. Der majestätische Fluss wurde zum Rechtssubjekt erklärt, um seiner Zerstörung vorzubeugen. Doch 42 Bergbaubetriebe im Madidi-Nationalpark vergiften weiter das Wasser. 
Am 14. März ist der Welt-Aktionstag für die Flüsse. In La Paz organisierte die Aktionsgruppe Lucha por la Amazonía unter dem Motto „Lasst uns auf das Wasser hören“ ein dreitägiges Festival mit Debatten, Vorträgen, Musik und Informationsständen. Im folgenden Text (hier das Original auf spanisch) berichtet die Online-Zeitschrift Nómadas von den Versuchen indigener Gemeinden in Bolivien, den Fluss mit juristischen Mitteln vor der Verschmutzung mit Quecksilber zu schützen.
Von Revista Nómadas
Über den Tuichi zu schippern bedeutet, sich in die Tiefen der bolivianischen Amazonasregion zu begeben. Es ist nicht irgendein Wasserlauf, der vom Andengebirge bis zum tropischen Regenwald fließt. Der Fluss ist eine der Lebensadern des Nationalparks Madidi. Doch die Wasser sind nicht mehr gesund. Illegale Bergwerke zerstören diesen Zufluss des Beni. Die Menschen vor Ort, deren Bemühungen um den Schutz des Tuichi seit Jahren unbeantwortet bleiben, berichten von 42 Bergbauaktivitäten am Fluss zum Jahreswechsel.
Dabei war der fünfte Dezember 2025 ein historisches Datum. Nach diversen Ortsterminen und Befragungen der lokalen Bevölkerung, erklärte das Oberste Agrargericht den Tuichi zu einem Rechtssubjekt und ordnete an, dass am Fluss keinerlei extraktive Tätigkeit erlaubt sei, auch kein Bergbau. Das Urteil ist die Antwort auf eine Klage, die der Umweltanwalt Rodrigo Herrera im Auftrag der indigenen Autoritäten der Region und von Umweltaktivist*innen im März 2025 eingereicht hatte. Es ist die zweite Gerichtsentscheidung des Agrargerichts zum Schutz von Amazonasflüssen. Die erste wurde 2023 erlassen und ordnete den sofortigen Stopp für alle Bergbauaktivitäten am Tuichi, dem Madre de Dios und dem Beni an, die nicht über eine Genehmigung der Bergbaubehörde AJAM verfügen.
Gegenüber der Zeitschift Nómadas erklärte Anwalt Herrera, dass zu den im Urteil des Agrargerichts vom November 2025 erwähnten Schäden die Umleitung des Flusses durch den Einsatz schweren Geräts, die Zerstörung von Waldflächen am Ufer und in der Nähe des Flusses sowie die Kontaminierung des Wassers durch Quecksilber gehören.
Die Bergbaugifte fließen im Fluss und in den Adern von Unschuldigen

“Wir haben in der Klage alle diese Vorfälle und deren lange Vorgeschichte aufgeführt. Und trotzdem schaden die Bergbauaktivitäten weiter dem Tuichi und einem erheblichen Teil des Madidi-Nationalparks. Es wird Zeit, dass die staatlichen Stellen sich der Sache annehmen und diese illegalen Aktivitäten bestrafen“, bekräftigt Herrera.
Der Tuichi ist die natürliche Verbindung zwischen dem Andengebirge und der Amazonasregion. Sein Wasser entspringt oben in den Bergen der Kordillere von Apolobamba, die ebenfalls zum Madidi-Nationalpark gehören. Der Fluss windet sich dann über 265 Kilometer durch alle ökologischen Zonen. Er fliesst vorbei an zahlreichen indigenen Dorfgemeinden, in denen der Ökotourismus den Bedrohungen der Bergwerkswirtschaft noch widersteht. Und er führt bis in die Regenwälder des Madidi. Dort, mitten im Urwald, durchquert das Wasser die beeindruckende Flussenge des Bala, um dann in den Beni zu münden, der weiter flussabwärts jenseits der bolivianischen Grenze in den Madeira fließt. Es ist einer der wichtigsten Arterien, die den größten Fluss der Welt ernähren: Den Amazonas.
Der Tuichi hat auch die Literatur und Filmproduktion inspiriert. Denn 1990 fiel der israelische Tourist Yossi Ghinsberg bei einer Flussfahrt aus dem Boot und war drei Wochen lang vom Urwald verschluckt. Nach einer langen körperlichen und mentalen Schlacht gegen die Naturgewalten, Moskitostiche, Hunger und Erschöpfung, wurde er von Anwohner*innen gerettet. Dieses Abenteuer hat Ghinsberg in seinem Buch „Zurück vom Tuichi“ beschrieben. Es wurde 2014 mit Daniel Ratcliffe in der Rolle von Ghinsberg auch verfilmt und hat viele Tourist*innen motiviert, diese Gewässer zu befahren.
Aber genau dort richtet der Bergbau immense Schäden an. Sie haben kein Nachsehen. Die Bergleute töten den Tuichi trotz seines juristischen Schutzschildes. Guido Alfaro ist der Präsident des Dachverbandes der indigenen Völker von La Paz (CPILAP). Gegenüber der Zeitschrift Nómadas erklärte er, wie sie über Jahre versucht haben, den Tuichi zu retten. Und er ist sauer: “Es kann doch nicht sein, dass der illegale Bergbau den Fluss weiter zerstört, obwohl er zu einem Rechtssubjekt erklärt wurde”.

Juristische Maßnahmen
Alfaro erinnert an den Beginn der juristischen Auseinandersetzungen im Jahr 2023, die seitdem Höhen und Tiefschläge erlebt haben. Und er erinnert daran, dass der ursprüngliche Schutz nicht nur dem Tuichi, sondern auch anderen Amazonaszuflüssen galt. Trotzdem “schädigt der illegale Bergbau weiter unser Territorium. Weiter wird schweres Gerät in den Nationalpark Madidi geschafft. Ziel ist die Gemeinde Vírgen del Rosario am Ufer des Tuichi. Dort gibt es seit vielen Jahren illegalen Goldbergbau“, beklagt der Präsident der CPILAP. Es gebe zu wenig Parkwächter. Die Bergleute befänden sich auch in Regionen, die schwer zugänglich sind. Für den Abenteuer- und Ökotourismus haben sich dadurch die Bedingungen verschlechtert. Der illegale Bergbau schreckt den Tourismus ab und die Dorfgemeinden wurden sogar bedroht. “Immer wieder wollten die Bergleute die Menschen bestechen oder mit Gewalt in die Gemeinden eindringen, um dort Goldvorkommen zu erschließen.Wir haben sie nicht gelassen, zumindest in San José de Uchupiamonas”, berichtet Alex Villca, einer der Sprecher der Nationalen Koordination zur Verteidigung der indigenen und kleinbäuerlichen Territorien (CONTIOCAP).

Jorge Canamari, Präsident des Indigenen Rates der Tacana (CIPTA) erklärt, dass es trotz Insistierens der indigenen Autoritäten wenig konkrete Reaktionen der Behörden zum Schutz der indigenen Gemeinden vor der Vergiftung durch den Bergbau gebe. Das sei Ausdruck von fehlendem Willen. Das Problem gibt es im ganzen Amazonaseinzugsgebiet im Norden von La Paz und in Teilen von Pando und Beni. “Wir hoffen, dass sie uns anhören und Lösungen für unsere Bitten anbieten. Wir hoffen, dass unser Territorium und unsere indigenen Völker respektiert werden“, so Canamari.
Eine der Bitten ist, dass die verantwortlichen staatlichen Stellen vor Ort die 42 Orte überprüfen, in denen es Bergwerksaktivitäten gibt. “Die Lager befinden sich in abgelegenen, schwer erreichbaren Zonen, aber man kann auch dort hinkommen. Manche liegen direkt am Flussufer, andere weiter entfernt. Aber der Flusslauf des Tuichi wird verändert und der Nationalpark Madidi geschädigt,“ so Canamari.
Die Bergbaubehörde AJAM gab der Zeitschrift Nómadas die Auskunft, dass seit November letzten Jahres keine Genehmigung mehr für Bergbauaktivitäten am Tuichi oder anderen Flüssen im Madidi erteilt worden sei. Doch sie bestätigt auch, dass sie selbst im Oktober illegale Bergbauaktivitäten an vier Amazonaszuflüssen entdeckt hätten: Dem Tuichi, dem Kaká, dem Alto Beni und dem Tequeje.
Zur Problematik des Goldbergbaus und des Quecksilbers in der bolivianischen Amazonasregion und den diversen Strategien, den Problemen zu begegnen, siehe aktuell auch den Hintergrundartikel „Es ist nicht immer drin, was draufsteht: Goldkooperativen auf dem Vormarsch“ in der Märzausgabe 2026 der Zeitschrift ila, sowie das ausführliche Interview mit Alfredo Zaconeta vom CEDLA jüngst auf Latinorama.
