vonGerhard Dilger 17.07.2022

Latin@rama

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Von Bruna Bernardes

Im Oktober entscheidet sich, wer der nächste Präsident Brasiliens wird. Es ist wohl „die wichtigste Wahl in der Geschichte Landes“, meint Niklas Franzen, der unter anderem für die taz und nd aus Brasilien berichtet. Sein packend geschriebenes Buch Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte führt uns mitten hinein in die Widersprüche des lateinamerikanischen Riesenlandes, von der Megametropole São Paulo bis nach Amazonien. Vor allem erklärt er, wie es zum Duell zwischen dem gemäßigten Linken Luiz Inácio Lula da Silva und dem Rechtsextremisten Jair Messias Bolsonaro kam – und worum es dabei geht.

Anhand eigener Beobachtungen und Begegnungen, die sich mit zielgenauen Analysen abwechseln, gelingt Franzen ein überzeugendes Porträt des heutigen politischen Brasilien. Er lässt viele Menschen verschiedenster Milieus zu Wort kommen, Aktivist*innen der Landlosenbewegung oder Indigene, die sich dem Raubbau im Regenwald entgegenstellen. Eine liberale, vom Präsidenten und seinem Mob bedrohte Journalistin ebenso wie einen selbstsicher agierenden Sojafarmer. Oder eine lesbische Landärztin, die sich aus der engen Welt der Pfingstkirchen befreit hat. Einen 70-jährigen Ultra von Corinthians São Paulo, der sich gegen eine neue Diktatur stemmt. Sogar auf ein Stelldichein des Präsidenten mit seinen fanatischen Fans hat er sich gewagt.

Er ruft den Werdegang des charismatischen Ex-Gewerkschafters und zweimaligen Staatschefs Lula in Erinnerung, der dank seines politischen Geschicks und hoher Rohstoffpreise nach acht Jahren mit Zustimmungsraten von gut 80 Prozent aus dem Amt schied. Und er schildert den Niedergang von Lulas Arbeiterpartei PT, die sich dabei stetig von ihrer Basis entfernte, korrupte Praktiken übernahm und nach vier gewonnenen Wahlen brutal vom Establishment gestürzt wurde. Ein reaktionäres Parlament servierte Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff ab, hohe Richter gaben ihren Segen dazu. Der Star der Linken selbst landete nach einer Justizfarce sogar für gut 18 Monate im Gefängnis, was Bolsonaros Sieg überhaupt erst möglich machte.

Äußerst detailliert wird der Aufstieg des langjährigen Hinterbänklers nachgezeichnet. Der oft als „Tropen-Trump“ verspottete frühere Soldat wurde und wird unterschätzt – wovor Franzen zu Recht warnt. Er verstand es, inmitten einer medial verstärkten Anti-PT-Stimmung Evangelikale und Agroindustrielle, wohlsituierte Bürgerliche und Waffenfans, Banker und sogar Millionen Menschen zusammenzuschweißen, die Lulas Sozialprogramme einen prekären sozialen Aufstieg verdankten. Konsum für alle, ja, doch politische Bildung war keine Priorität der Regierungslinken. Bolsonaros Fake-News, höchst professionell über Tausende von Whatsapp-Gruppen verbreitet, fielen auf fruchtbaren Boden.

Der international gut vernetzte, wenn auch auf Gipfeltreffen zunehmend isolierte Staatschef versteht es, sich als „ganz normaler Brasilianer“ zu inszenieren. Trotz katastrophalen Corona-Managements und einer Wirtschaftskrise, die Millionen in die Armut zurückgestoßen hat, stehen immer noch rund 30 Prozent des Wahlvolks fest hinter dem „rechtsradikalen Rüpel“. Antilinke Ressentiments, die er so meisterhaft zu schüren wusste, machen der PT und ihrem Kandidaten noch heute zu schaffen. Auch, dass sie letztlich zu wenig gegen die unmenschlichen Zustände in Elendsvierteln, Indígena-Reservaten oder Großgefängnissen unternahm, die der Reporter plastisch schildert.

Dem Wunsch des Autors, die brasilianischen Linke möge aus ihren Fehlern lernen, kann man sich nur anschließen. Ob Lula – der sich weiter noch als 2002 und 2006 hin zur moderaten Rechten geöffnet hat – dafür der Richtige ist, lässt er offen. Nach der wünschenswerten, ja wahrscheinlichen Niederlage Bolsonaros jedenfalls bleibt viel zu tun. Die „neue“ Linke um Feministinnen und Queer-Aktivist*innen, Schwarze und Indigene, und nicht zuletzt um die jüngere Politiker*innengeneration in und jenseits der PT müssten eine größere Rolle spielen als bisher.

Zur besseren nachträglichen Orientierung wären ein Register und ein Literaturverzeichnis hilfreich gewesen, ebenso könnte man sich eine sorgfältigere Korrektur wünschen. Doch den vielen Stärken des schön gestalteten Buches, das passenderweise mit einem informativen Überblick über die widerständigen, progressiven Kräfte des Landes schließt, tut dies keinen Abbruch. Kurz: Wer Brasilien anno 2022 verstehen will, kommt an Franzen nicht vorbei.

Niklas Franzen, Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2022, 207 Seiten, 18 €.

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