vonGerhard Dilger 07.07.2014

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Wer keine Karten für Kolumbien-Spiele hatte, war im Goethe-Institut São Paulo am besten aufgehoben. Fußballbuch-Koautor Martin Ling (u. r.) berichtet:

Die räumliche Nähe gibt den Ausschlag: Direkt gegenüber dem Goethe-Institut in São Paulo ist ein kleines kolumbianisches Café angesiedelt, in dem landestypische Leckereien wie Arepas (gefüllte Maisfladen) und Patacones (frittierte Kochbananenfladen) zu moderaten Preisen feilgeboten werden. Im Goethe-Institut, das sich bekanntlich der Förderung der deutschen Sprache und Kultur widmet, werden alle WM-Spiele live übertragen, nebst begleitendem Kulturprogramm mit fußballerischen Bezügen. Das trifft sich optimal für die kolumbianische Gemeinde in Sampa, wie São Paulo von den Einheimischen auch genannt wird.

Martin LingJeweils mehrere Hunderte pilgerten zu den Spielen der Cafeteros und sorgten für Stadionatmosphäre. Lautstärke, Begeisterung und Besucherzahl lagen sogar noch über den Deutschland-Spielen. Das war auch am späten Freitagnachmittag beim Viertelfinale gegen Gastgeber Brasilien nicht anders. Geschätzt zwei Drittel KolumbianerInnen sangen gegen ein Drittel BrasilianerInnen an, ob im Hof oder in den Übertragungssälen. Auch vom Rückstand ließen sich die Fans nicht entmutigen.

Nach dem Anschlusstreffer von Publikumsliebling und sechsfachem WM-Torschützen James (Chames ausgesprochen) rund zehn Minuten vor Schluss erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt: Sí, se puede tönt es lautstark aus hunderten Kehlen, spanisch etwa für »Yes, we can« oder »Wir packen es«. Sie packten es nicht, doch die bitteren Tränen, die James, getröstet vom brasilianischen Matchwinner David Luiz, auf dem Spielfeld vergoss, waren im Goethe-Institut nicht zu sehen.

Stattdessen überwog der Stolz auf die Mannschaft, die es erstmals in der Geschichte in ein WM-Viertelfinale geschafft hat und damit die 90er-Mannschaft um Carlos Valderrama übertraf, die damals als einzige dem späteren Weltmeister Deutschland in der Gruppenphase ein Unentschieden abtrotzte, um dann im Achtelfinale knapp an Roger Milla und Kamerun zu scheitern.

Aus Sicht der KolumbianerInnen steht die Nationalmannschaft für all das, was dem Land de facto fehlt: Einheit und Frieden. Unidos por un país (Einig für ein Land) steht bei der WM 2014 auf der Rückseite des Trikotkragens. Das ist neu und politisch motiviert, erzählt mir Germán Escobar, nicht verwandt oder verschwägert mit dem legendären Drogenboss Pablo Escobar, 1993 von Sicherheitskräften erschossen und auch nicht mit dem Fußballer Andrés Escobar, 1994 nach dem Ausscheiden in den USA in Medellín vermutlich im Auftrag der Drogenmafia ermordet, weil sein Eigentor einem Kartell hohe Wettverluste verursacht hatte.

Unidos por un país – auf alle Fälle eint Kolumbien nichts so sehr wie der Fußball. Sowohl Präsident Juan Manuel Santos als auch die Unterhändler der Farc-Guerilla zeigten sich im Nationaljersey. Seit über einem Jahr verhandeln sie in Kubas Hauptstadt Havanna über die Beilegung des seit 1964 andauernden bewaffneten Konfliktes, der zigtausende das Leben gekostet und Millionen zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht hat.

Abgesehen vom Fußball sind sich die Kolumbianer freilich oft ebenso wenig einig wie andere Gesellschaften in der Welt oder in Lateinamerika, wo der Slogan un pueblo unido jamás ser vencido (ein einiges Volk wird niemals besiegt werden) ebenso verbreitet wie unerreicht ist. Einig waren sie sich freilich wiederum darin, dass das Ausscheiden kein Grund zum Trübsalblasen ist: Es wurde mit einer mehrstündigen Party friedlich verarbeitet, Cumbia, Salsa und Vallenato brachten die Fans zum Tanzen – nationenübergreifend und gemischt.

Kolumbien hat in Brasilien nicht nur auf dem Fußballfeld Pluspunkte gesammelt. Auch den Klischees von Drogen und Gewalt wurde etwas entgegengesetzt. Die schwere Verletzung von Brasiliens Superstar Neymar nach dem Foul des Kolumbianers Zúñiga hatte sich bei den Feiernden noch nicht herumgesprochen. Sie ist ein trauriger Schlusspunkt von Kolumbiens großartigem Auftritt.

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