vonGerhard Dilger 15.01.2021

Latin@rama

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Von Franziska Albrecht, Johanna Bussemer, Jörn Schütrumpf und Uwe Sonnenberg, Rosa-Luxemburg-Stiftung (zur Website ->RSLXMBRG<-)

Zur DNA des Kapitalismus gehört, um den Preis des Untergangs, das ständige Wachstum der Absatzmärkte. Rosa Luxemburg erkannte, dass der – damals noch nicht kapitalistische – globale Süden für die kapitalistische Produktionsweise unverzichtbar ist, sowohl als Absatzmarkt als auch als Rohstoffquelle. Diese »Einbindung in den Weltmarkt« funktioniert jedoch nicht ohne Enteignungen, die die Zerstörung der traditionellen Gemeinwesen bewirken – oft durch militärische Gewalt. Damit hatte Rosa Luxemburg nicht nur das Geheimnis des Kolonialismus, sondern auch das der imperialistischen Kriege gelüftet.

Rosa Luxemburg auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart 1907

Um die kapitalistische Mehrwertproduktion analysieren zu können, hatte sich Marx entschlossen, mit einem vereinfachten Modell zu arbeiten. Er unterstellte eine Gesellschaft, die lediglich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, eine Gesellschaft also, die es so nie gegeben hat – was Marx selbst immer wieder betont hat. Doch nur unter diesen »Laborbedingungen« war es ihm möglich, wichtige Grundzusammenhänge dieser Produktionsweise freizulegen. Er konnte zeigen, wie der Mehrwert entsteht, wie er nicht konsumiert, sondern in die Produktion eingespeist (akkumuliert) wird, um noch mehr Waren herzustellen und noch mehr Profit zu erzielen. Jeder Kapitalist, der sich diesem Spiel verweigere, werde über kurz oder lang niederkonkurriert.

Eine Frage konnte Marx mit seinem vereinfachten Herangehen allerdings nicht beantworten: woher das Wachstum, woher der ständig steigende Absatz, also die gewinnbringende Rückverwandlung des in Waren angelegten Kapitals in mehr Kapital kommt.

Hier setzte Rosa Luxemburg an. Sie ging davon aus, dass in einer Gesellschaft, die nur aus Kapitalisten und Lohnarbeitern bestünde, eine Ausdehnung des Absatzes unmöglich ist. Sie verwarf aber Marx deshalb nicht, sondern nahm seine Erkenntnisse und begab sich auf den Rückweg – von der Abstraktion zur Wirklichkeit. Dort stieß sie auf einen dritten Bereich: die nichtkapitalistischen Absatzmärkte. Ihre Erkenntnis:

»Die kapitalistische Produktion ist als echte Massenproduktion auf Abnehmer aus bäuerlichen und Handwerkskreisen der alten Länder sowie auf Konsumenten aller anderen Länder angewiesen, während sie ihrerseits ohne Erzeugnisse dieser Schichten und Länder (sei es als Produktions-, sei es als Lebensmittel) technisch gar nicht auskommen kann.« [1]

So musste sich von Anfang an zwischen der kapitalistischen Produktion und ihrem nichtkapitalistischen Milieu ein Austauschverhältnis entwickeln, bei dem das Kapital die Möglichkeit fand, den eigenen Mehrwert zu verwirklichen, sich mit nötigen Waren zur Ausdehnung der eigenen Produktion zu versorgen und mit der Zersetzung jener nichtkapitalistischen Produktionsformen neue Arbeitskräfte zu gewinnen.

Diese Auffassung hat Rosa Luxemburg 1913 – in epischer Breite – in ihrem Werk »Die Akkumulation des Kapitals« entwickelt. Doch ihr Buch ist nur teilweise gelungen. Die ersten 200 Seiten lesen sich über weite Strecken wie eine Selbstverständigung. Ganz anders fallen die sieben historischen Kapitel am Ende des Bandes aus – sie sind Weltliteratur.

Erst in einem weiteren Werk, das unter dem Titel »Antikritik« bekannt geworden ist, kam sie zu ihrem entscheidenden Punkt:

»In den überseeischen Ländern ist die Unterjochung und Zerstörung der traditionellen Gemeinwesen die erste Tat, der welthistorische Geburtsakt des Kapitals und seitdem ständige Begleiterscheinung der Akkumulation. Durch den Ruin der primitiven, naturalwirtschaftlichen, bäuerlich patriarchalischen Verhältnisse jener Länder öffnet das europäische Kapital dort dem Warenaustausch und der Warenproduktion das Tor, verwandelt ihre Einwohner in Abnehmer für kapitalistische Waren und beschleunigt zugleich gewaltig die eigene Akkumulation durch direkten massenhaften Raub an Naturschätzen und aufgespeicherten Reichtümern der unterjochten Völker. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts geht Hand in Hand mit jenen Methoden die Ausfuhr des akkumulierten Kapitals aus Europa nach den nichtkapitalistischen Ländern der anderen Weltteile, wo es auf neuem Felde, auf den Trümmern einheimischer Produktionsformen, einen neuen Kreis von Abnehmern seiner Waren und damit eine weitere Akkumulationsmöglichkeit findet. So breitet sich der Kapitalismus dank der Wechselwirkung mit nichtkapitalistischen Gesellschaftskreisen und Ländern immer mehr aus, indem er auf ihre Kosten akkumuliert, aber sie zugleich Schritt für Schritt zernagt und verdrängt, um an ihre Stelle selbst zu treten.« [2]

Die »Antikritik« verfasste Rosa Luxemburg 1915, als sie wegen erwiesenem Antimilitarismus eine einjährige Gefängnisstrafe im »Weiber-Gefängnis« in Berlins Barnimstraße abzusitzen hatte. Da damals niemand wagte, von der Ausgestoßenen etwas zu drucken, erschien das Buch erst 1921 bei Frankes Verlag in Leipzig, zwei Jahre nach der Ermordung der Autorin.

Über die Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise schrieb Rosa Luxemburg:

»Je mehr kapitalistische Länder aber an dieser Jagd nach Akkumulationsgebieten teilnehmen und je spärlicher die nichtkapitalistischen Gebiete werden, die der Weltexpansion des Kapitals noch offenstehen, um so erbitterter wird der Konkurrenzkampf des Kapitals um jene Akkumulationsgebiete, um so mehr verwandeln sich seine Streifzüge auf der Weltbühne in eine Kette ökonomischer und politischer Katastrophen: Weltkrisen, Kriege, Revolutionen.« [3]

Verstand Rosa Luxemburg die Unterwerfung nichtkapitalistischer Produktionsweisen unter die Logik der Kapitalverwertung noch als einen einmaligen Vorgang, so hat die Entwicklung gezeigt, dass es sich in Wirklichkeit um eine immer tiefere Durchdringung aller gesellschaftlichen Beziehungen handelt. Luxemburgs Vorstellung, die Durchkapitalisierung der Welt werde an eine ökonomische Grenze stoßen, war also zu kurz gedacht.

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Rosa Luxemburg beeinflusste mit ihren Analysen den späteren Dritte-Welt-Diskurs und die Frauenbewegung der 1970er-Jahre. David Harvey zeigte zu Anfang der 2000er-Jahre, wie die »Akkumulation durch Enteignung« – so auch der deutsche Untertitel seines wichtigsten Buches (2003) – nun auch auf öffentliche Güter übergreift: in Form der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, des Gesundheits- und Bildungswesens, des Kulturbetriebs und weiterer Bereiche.

Heute wird die Akkumulation auch unter den Gesichtspunkten der »inneren Kolonien«, der »Landnahme«, des Haushalts als kostenlosem Produktionsort der Ware Arbeitskraft und der unterbezahlten Care-Arbeit diskutiert.

Auf andere Weise taucht Rosa Luxemburgs Gedanke von den Grenzen der Durchkapitalisierung, darauf hat die brasilianische Forscherin Isabel Loureiro aufmerksam gemacht, im ökologischen Diskurs wieder auf:

»Das aktuelle Modell der ›Akkumulation durch Expropriation‹ ist neben anderen Problemen mit landwirtschaftlichen Problemen verbunden, die nicht nachhaltig sind: Expansion von Monokulturen, Anwendung von Pestiziden, Bodendegradation, Entwaldung, Zerstörung der Biodiversität, Verschwendung von Wasserressourcen, Verschmutzung der Wasserquellen, Gefahr für die Nahrungssicherheit, Anstieg der Nahrungsmittelpreise.«

Das Kapital, so Loureiro, könne nicht ewig akkumulieren. »Allerdings nicht, weil die gesamte Welt einst durchkapitalisiert sein wird, sodass der Kapitalismus wie bei Luxemburg seine logische und historische Grenze finden würde, sondern wegen der natürlichen Grenzen unseres Planeten.« [4]

 

Fußnoten

1 Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik [1915/1921] in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin 1975, S. 429.
2 Ebd., S. 429 f.
3 Ebd., S. 430.
4 Isabel Loureiro: Die Aktualität von Rosa Luxemburgs »Akkumulation des Kapitals« in Lateinamerika, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2013 (II), S. 121.

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