vonPeter Strack 04.09.2020

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Von SIMONA BÖCKLER

Kinderarbeit ist ein Thema weltweit, wobei insbesondere in Lateinamerika dieses Phänomen sehr sichtbar ist. Bolivien gehört zu den ärmsten Ländern des Kontinents und oft müssen hier Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen.

2008 gab es in Bolivien laut Schätzungen von UNICEF etwa 800.000 arbeitende Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren.[1] Die Arbeit findet primär im informellen Sektor statt, beispielsweise im Straßenverkauf, als SchuhputzerInnen, oder auf dem elterlichen Acker.

In einer Studie weist terre des hommes darauf hin, dass die COVID-Epidemie dazu führen könnte, dass in Zukunft Millionen Kinder arbeiten müssen.[2] Umgekehrt beklagen manche Kinder in Bolivien, dass sie wegen den Quarantäne-Bestimmungen nicht mehr arbeiten können und deshalb Schulden machen müssen.[3] Beide Positionen machen ein Grunddilemma beim Thema deutlich, das von der Corona-Krise nur verschärft wurde.

Im Jahr 1999 wurden zum ersten Mal mit dem „Código del Niño, Nina y Adolescente“ Jugendlichen ab einem Alter von 14 Jahren Rechte eingeräumt und somit deren Arbeit legalisiert. Im Jahr 2014 folgte dann mit dem neuen bolivianischen Jugend- und Kindergesetz eine Legalisierung der Kinderarbeit – unter bestimmten Voraussetzungen – schon ab einem Alter von 10 Jahren. Diese Bestimmungen wurden später von der Regierung Morales, nach einer Verfassungsbeschwerde und auch auf Druck der USA und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) wieder rückgängig gemacht.

  • Die Debatte um die Kinderarbeit

Die ILO setzt sich für eine nachhaltige Abschaffung der Kinderarbeit weltweit ein.

Organisationen arbeitender Kinder, wie beispielsweise CONNAT`SOP („Consejo de Niños, niñas y adolescentes trabajadores organizados de Potosí“) in Potosí, die Bergbauregion Boliviens, vertreten eine Gegenposition und setzen sich aktiv für eine Legalisierung ihrer Arbeit und die Anerkennung ihrer Rechte als Arbeiter ein.

Luz Rivera, Mitarbeiterin und Mitgründerin bei CONNAT´SOP, erklärt wieso eine Neubewertung der Kinderarbeit notwendig ist.

„Ich weiß, dass das, was ich gleich sagen werde aus einer westlichen Perspektive befremdlich erscheinen mag. Denn jedes Kind sollte zur Schule gehen, spielen und lachen können. Und das ist natürlich gut und erstrebenswert. Aber in unserer Lebenswirklichkeit funktioniert das nicht so. Bolivien ist ein Land von arbeitenden Kindern und Jugendlichen. Die Kinder müssen oft selbst ihr Geld verdienen, um sich die Schulbücher und was zum Anziehen kaufen zu können. Sie sind die ersten, die ihr Recht auf Arbeit und Selbstbestimmung fordern und Arbeit genauso wie Schule als Teil ihrer Entwicklung betrachten. Auch wenn mit bester Absicht, kann man nicht einfach etwas ausrotten, das tiefe Wurzeln in der Gesellschaft und eine strukturelle Notwendigkeit für die Alltagsbewältigung darstellt. Wir können die Kinderarbeit nicht einfach durch ein Gesetz unterbinden, wie es die ILO gerne hätte. Die Kinderarbeit wird dadurch nicht weniger, sondern unsichtbarer, weil illegal. Und somit wird es zunehmend schwierig, den Schutz der Rechte dieser Kinder zu garantieren.“

  • Die Organisation und ihre Arbeit
Banner CONNAT´SOP (credit: Simona Böckler)

Seit 1998 setzt sich CONNAT´SOP für die Rechte arbeitender Kinder in Potosí ein. Die Organisation zählt mehr als 800 Mitglieder und hat sich aktiv bei der Gestaltung des neuen bolivianischen Kinder- und Jugendgesetz eingebracht.

Standort der Organisation ist die „Casa Nats“, ein Haus der Begegnung und Ort der Zuwendung. Für viele der Kinder wie ein zweites Zuhause.

CONNAT´SOP verfolgt mit ihrer Arbeit mehrere Ziele.

Eine der zentralen Aufgaben ist die Bildungsförderung und die Vereinbarkeit von Arbeit und Schule. In der „Casa“ bekommen die Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben und ggf. Nachhilfe. Durch das Angebot haben viele Kinder trotz Arbeit den Anschluss nicht verpasst. Hinzu bietet das Team Workshops zum Thema Menschenrechte, Gewaltprävention, Friedenskultur, Selbstbewusstsein usw.

In der „Casa“ gibt es einen Mittagstisch für arbeitende Kinder, die alleine sind oder einen weiten Weg nach Hause haben. Die Kinder zahlen hierfür symbolisch 1 Boliviano. Wer den Mittagstisch nutzt, muss auch an den Aktivitäten teilnehmen. Das ist der Deal.

Schließlich ist auch der Austausch mit den Familien der Kinder integraler Bestandteil der Arbeit von CONNAT´SOP, da der familiäre Kontext eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Kinder spielt.

  • Die Komitees

Ein Meilenstein der Arbeit der Organisation sind die Kinderkomitees. Hierbei handelt es sich um 24 Basisorganisationen in 4 Munizipien (Uyuni, Betanzos, Puna und Potosí). Insgesamt nehmen 730 Kinder daran teil.

Die TeilnehmerInnen sind normalerweise 3 bis 5 Jahre in den Komitees. Sie sind in „sectores“ (Sektoren) aufgeteilt und jeder Sektor hat eigene „Lideres“ (Sprecher), die die Gruppe koordinieren und jährlich neu gewählt werden.

„Wir wollen, dass sich die Kinder zu Führungspersönlichkeiten entwickeln, Eigeninitiative ergreifen. Die Organisation will nicht passive Kinder, sondern aktive, selbstkritische und bewusste Persönlichkeiten bilden. Die Kinder sollen aber nicht in der Kritik verharren, sondern konstruktiv und lösungsorientiert handeln“ erklärt Luz. „Das Entwickeln einer Führungspersönlichkeit ist zentral für die Zukunft der Kinder und Jugendliche. Sie werden durch ihr Wissen empowert, lernen ihre Rechte kennen und deren Respekt einzufordern.“

Luz fährt fort: „Es geht uns darum, mit unserer Arbeit die Haltung der Kinder zu verändern und durch sie auch ihr familiäres und soziales Umfeld. Denn eine gesunde Gesellschaft und eine gesunde Familie schaffen wiederum gesunde Kinder.“

Festival de Derechos de los niños, niñas y adolescentes, November 2019, Potosí (credit: Simona Böckler)
Festival de Derechos de los niños, niñas y adolescentes, November 2019, Potosí (credit: Simona Böckler)
  • Interview Kinder

Alicia (fiktiver Name) ist 13 Jahre alt. Ihre Mutter lebt nicht mehr, also musste sie früh anfangen zu arbeiten. Seit 3 Jahren besucht sie die „Casa“ und ist aktuell als Sprecherin des „Sector Villa Colón“ bei den Komitees dabei.

Unter der Woche geht sie zur Schule und macht ihre Hausaufgaben in der „Casa“. Am Wochenende, in den Schulferien und wenn sie mal früher aus der Schule kommt arbeitet sie. Sie verkauft Essen und Getränke auf der Straße, zusammen mit ihren kleinen Brüdern. Sie ist somit finanziell autonom.

Frage: Liebe Alicia, wie gefällt es dir hier in der „Casa“? Welche Rolle spielt die Organisation arbeitender Kinder für dein Leben?

Seitdem ich hier bin läuft alles gut. Ich kann am Mittag hier im Speiseraum essen, so habe ich mehr Freizeit. Vorher musste ich immer nach Hause gehen und kochen, und dann musste ich wieder zur Schule. Das waren sehr lange Tage. Jetzt habe ich sogar Zeit zum Spielen.

Ich bin deutlich motivierter und bin besser in der Schule geworden seitdem ich die „Casa“ besuche. Das Angebot hier hat mich weitergebracht und ich lerne viel für meine Zukunft. Beispielsweise habe ich in den Workshops wichtige Dinge über meine Rechte gelernt. Und das ist sehr wichtig. Denn nur wer seine Rechte kennt, kann diese auch einfordern und verteidigen!

Ich habe als Teilnehmerin im Komitee angefangen und bin dann zur Sprecherin meines Sektors gewählt worden. Ich mache das, weil ich die Rechte von arbeitenden Kindern verteidigen und den anderen Kindern helfen will.

Schön ist auch, dass wir wie eine große Familie sind. Wenn wir traurig sind oder irgendwas nicht stimmt, dann hilft uns das Team. Die Psychologinnen und das ganze Team verstehen uns, sie sprechen mit uns, kümmern sich. Und wir Kinder helfen uns untereinander und lernen jeden Tag was Neues für´s Leben.

Frage: Was denkst du über Kinderrechte und was ist für dich das wichtigste Recht?

Plakat zu Kinderrechte auf dem Festival (credit: Simona Böckler)

Wir haben viele Rechte, sie stehen aber oft nur auf dem Papier. Daran muss sich dringend was ändern.

Das wichtigste Kinderrecht in unserem Fall ist der Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung. Der Schutz für Kinder über 14 Jahre ist im bolivianischen Gesetz verankert aber die Realität ist eine andere. Kinder werden für ihre Arbeit immer weniger als vorgeschrieben bezahlt. Es werden uns sogar Fälle geschildert in denen Kinder gar nicht bezahlt wurden. Wir machen uns Gedanken wie wir das unterbinden können.

Die Autoritäten sagen, dass es ja ein Gesetz gäbe, das uns schütze. In Wirklichkeit sind wir schutzlos, insbesondere die Kinder jünger als 14 Jahre. Für sie gibt es nicht mal ein Gesetz. Wir versuchen mit den zuständigen Institutionen, mit der „Defensoria del pueblo“ (Ombudsbüro) zu arbeiten, damit unsere Rechte auch garantiert werden.

Auch das Recht auf Bildung ist sehr wichtig. In Bolivien sind viele Familien so arm, dass die Kinder arbeiten müssen und nicht zur Schule können. Ohne Ausbildung arbeiten sie dann in schlecht bezahlten Jobs, als Lohnarbeiter. Und wenn sie Kinder bekommen, geht die ganze Geschichte von vorne los. Bildung würde diese Negativschleife unterbrechen.

Dann gibt es noch das Recht auf Familie und das Recht auf Gesundheit. Aber eigentlich sind alle Kinderrechte wichtig, denn jedes hat einen Grund zu bestehen und respektiert zu werden.

Frage: Gibt es noch etwas, das dir auf dem Herzen liegt? Was wünscht du dir?

Ich hoffe, dass die arbeitenden Kinder jünger als 14 Jahre wieder legalisiert werden. Wir machen oft Straßenmärsche für die Anpassung dieses Gesetzes. Wir entwickeln gerade ein neues Projekt, die „Ruta critica“ („kritischer Weg“). Es soll eine Art Wegweiser für arbeitende Kinder sein, in dem alle Schritte und Ansprechpartner im Falle von wirtschaftlicher Ausbeutung stehen. Denn viele Kinder wissen nicht wo sie sich in solchen Fällen Hilfe holen können. Und wenn sie jünger als 14 sind, bringt es sowieso nichts, sich an die Autoritäten zu wenden.

Ich wünsche mir, dass wir ein größeres Haus bekommen, mit einem größeren Speiseraum, ein Haus in dem viel mehr arbeitende Kinder Unterstützung bekommen können. Denn nur ein Bruchteil der Kinder aus der Umgebung kommt hier her. Wir sind insgesamt 800 Kinder und es gibt hier nicht Platz für alle. Viele dort draußen werden weiterhin ausgebeutet und erfahren keine Hilfe, insbesondere in den Minen rund um Potosí.

Aber derzeit sind alle die Pläne auf Eis gelegt. Kinder und ihre Eltern bekommen online psychologische Beratung, insbesondere um Gewalt vorzubeugen. Für besonders beeinträchtige Familien gibt es Lebensmittelpakete. Aber andere, die bereits vorher an einem Gemüsegartenprojekt beteiligt waren, bekommen online Tipps, wie sie mit natürlichen Mitteln Schädlinge bekämpfen müssen. Die dreizehnjährige Julia zum Beispiel berichtet, dass sie sich während der Quarantäne aus ihrem Familiengarten habe mit Gemüse versorgen können. Auch die Pflege des Gemüsegartens ist Arbeit, selbstbestimmte Arbeit, auf die und deren Produkte die Kinder stolz sind. 

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[1] Im Jahr 2016 verkündete die Regierung von Evo Morales, dass diese Zahl dank Armutsbekämpfung und Sozialpolitik mit 393.000 auf die Hälfte reduziert worden sei. Tatsächlich bezog sich diese Zahl jedoch nur auf die Zahl der arbeitenden unter 18jährigen, die dies unter die Entwicklung hemmenden oder ausbeuterischen Bedingungen (child labour) tun. Mit insgesamt 739.000 erwerbstätigen Kindern (work) lag die Zahl der selben Studie nicht so weit von früheren Schätzungen entfernt.

[2] https://www.sueddeutsche.de/politik/kinderarbeit-coronakrise-entwicklungslaender-armut-terre-des-hommes-1.4932363

[3] http://www.youtube.com/watch?v=hX92eVa_HEc&feature=emb_logo

 

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