vonGerhard Dilger 09.04.2026

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Von Tony Phillips, Buenos Aires

Bereits am Tag vor der großen Gedenkveranstaltung am 24. März zum 50. Jahrestag des Staatsstreichs von 1976 wurde vor dem Präsidentenpalast auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires eine schwarze Bühne aufgebaut. Ein ungewöhnlich junges Publikum kam am Abend des 23. zusammen, um teilweise recht intimen Gesprächen zuzuhören. Am nächsten Tag nahmen sie und viele andere – Schätzungen gehen bis zu einer Million – an der Demonstration in der Hauptstadt teil.

Die Veranstaltung wurde von der sozialen Bewegung „La Poderosa“ organisiert. Die Vorsitzende der trotzkistischen Front der Linken und der Arbeiter:innen, Myriam Bregman, hielt eine Rede (und gestern noch eine: Die Plünderung geht weiter), doch die meisten Redner waren Medienschaffende. Einige arbeiten mit Jugendlichen in den Elendsvierteln der Stadt, den Villas Miseria, wo extreme Armut immer mehr Jugendliche in die Arme des lukrativen Drogenhandels treibt. Andere wollen Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit voranbringen. Sie alle sehnen ein Ende der Regierung Milei herbei.

Milei stellt die Zahlen der von der Junta verschwundenen Personen offen in Frage und hat wiederholt erklärt, dass 30.000 eine erfundene Zahl sei. Seine Hintermänner und Geldgeber nehmen das als selbstverständlich hin. Mileis Vizepräsidentin Victoria Villarruel vertritt noch extremere Ansichten. Sie ist eine „Tochter der Militärs“ – sowohl ihr Vater als auch ihr Onkel waren während der Schreckensherrschaft der Junta Militäroffiziere.

Ihr Onkel wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Villarreal hat verschiedene Organisationen gegründet, um das „Nie-Wieder“-Urteil aufzuheben, mit dem ihr Onkel und andere für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortliche Militärangehörige verurteilt wurden. Sie ist eine rechtsextreme Konservative, doch anders als Milei zieht sie dem Judentum den Traditionskatholizismus vor.

Viele Redner:innen warnten vor einer schleichenden Krise, die nicht nur die Wirtschaft zerstört, sondern auch jene Menschen, die in den Villas Miseria leben. Sie arbeiten in der Regel in der Bargeldwirtschaft, und Mileis Kürzungen haben der Wirtschaft das gesamte Bargeld entzogen, um es der internationalen Carry-Trade-Spekulation zuzuführen.

Dies verlangsamte zwar die Abwertung, zerstörte jedoch die lokale Wirtschaft und führte zu allgemeiner Armut – mit Ausnahme einiger weniger Auserwählter, die Milei als la gente de bien (die Guten) bezeichnet. Diese Clique regiert Argentinien. Sie legt Preise fest und finanziert Wahlkampagnen.

Julia Mengolini, eine feministische Radiojournalistin und Anwältin, wurde von Milei offen bedroht, weil sie sich zu Mileis Beziehungen zu seinen geklonten Haustieren und zu seiner Schwester Karina geäußert hatte. Mileis hob die Bestimmungen gegen Vetternwirtschaft auf, um seine Schwester, eine ehemalige Konditorin und Tarotkartenleserin, zur Generalsekretärin des Präsidenten zu ernennen und sie gleichzeitig zur Vorsitzenden seiner politischen Partei zu machen. Immer wieder behauptet er: „Wir hassen die Journalisten nicht genug!“

Mengolini macht den Präsidenten für ein pornographisches Deepfake-Video verantwortlich, das sie und ihren Bruder bei inzestuösen Handlungen zeigt. Mileis Fans und seine Trollfabriken haben dieses Video weit verbreitet. Letztes Jahr hatte Mengolini Milei deswegen wegen unrechtmäßiger Vereinigung, Veruntreuung öffentlicher Gelder und Nötigung verklagt.

Nun ist auch sie Gegenstand eines von Milei wegen „Verleumdung“ angestrengten Gerichtsverfahrens. Mengolini hat das zerbrechliche männliche Ego des Hasspredigers auf eine harte Probe gestellt: „Milei hat eine sehr niedrige Toleranzschwelle. Die geringste Kritik an ihm treibt ihn in den Wahnsinn“, sagte Mengolini gegenüber der New York Times. In ihrer Rede erinnerte sie das Publikum auch an den Journalisten Pablo Grillo, der nur knapp überlebte, nachdem die Polizei ihm eine Tränengasgranate in den Schädel geschossen hatte.

Viele andere Redner konzentrierten sich auf die Jahre des Staatsterrors von 1976 bis 1983 sowie auf die ersten beiden Jahre der Amtszeit von Milei. Einige warnten vor dem alarmierenden Machtzuwachs der illegalen Drogenindustrie und deren Einfluss auf Mileis Politik. José Luis Espert, der die Finanzen kontrollierte, musste nach der letzten Wahlkampagne zurücktreten, als er Hunderttausende Dollar an gewaschenem Kokain-Geld von einem Mann erhielt, der ihm sein Flugzeug für den Wahlkampf geliehen hatte. Lorena Villaverde, eine Abgeordnete von Mileis Partei “Die Freiheit schreitet voran”, wurde verhaftet, weil sie in Florida ein Kilo Kokain von einem verdeckten Ermittler gekauft hatte.

Neben mir wurde ein junges Mädchen ohnmächtig, während sie den Reden lauschte. Wie in Zeitlupe rutschte die 20-Jährige langsam an ihren Nachbarn vorbei, die ihren Körper auffingen, dann verlor sie das Bewusstsein. Die Menschen legten sie vorsichtig auf den Rücken und riefen nach Sanitätern, während wir eine Absperrung um sie herum bildeten. Die Sanitäter kamen und sie kam wieder zu sich, wobei sie den Helfer, der sie festhielt, verwirrt anstarrte.

War sie wegen der Schilderungen von Folter in Ohnmacht gefallen? Hatte sie vielleicht Familienangehörige, die davon betroffen waren? Möglicherweise hatte sie eine Panikattacke oder litt unter einer Krankheit? Die junge Frau war sehr dünn – vielleicht war sie einfach nur sehr hungrig. Was auch immer der Grund für ihren Zusammenbruch war, die 20-Jährige hatte Glück. Sie stürzte. Man fing sie auf. Man kümmerte sich um sie. Sie war in Sicherheit.

Vor fünfzig Jahren, als der Terror begann, schnappten Regierungsagenten Jugendliche in ihrem Alter und noch jüngere auf der Straße, in den Häusern ihrer Eltern und sogar in Schulen. In geheimen Haftanstalten folterten sie sie wochen- oder monatelang, um dann viele von ihnen – mit Seilen gefesselt, aber noch am Leben – aus Hubschraubern in den darunter liegenden Río de la Plata zu werfen. Ihre Leichen wurden Wochen später an Stränden angespült.

Von verängstigten lokalen Beamten wurden sie hastig begraben. Keine Befragung, keine DNA-Tests, keine Ermittlungen, Vertuschen. Anonymität war das Ziel; sie waren verschwunden, ein Begriff des Staatsterrors für Opfer, die niemals von Freunden und Familie gefunden oder identifiziert werden, was die Angehörigen dazu zwingt, für immer mit vergeblicher Hoffnung zu warten.

In La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, wurden zehn Teenager aus einer Klasse gefoltert, inhaftiert und neun von ihnen schließlich getötet. Einige waren schwanger im Gefängnis. Ihr Vergehen bestand darin, dass sie sich über die Erhöhung der Busfahrpreise beschwert hatten. Wenn schwangere Gefangene ihr Kind zur Welt brachten, wurden die Babys zur „Adoption“ an Polizeifamilien übergeben, und die jugendlichen Mütter verschwanden kurz darauf.

Das Verschwindenlassen von 30.000 Argentinier:innen durch Angehörige der Streitkräfte oder der Polizei zeugt von der besonderen Brutalität der argentinischen Junta. Dies war zum Teil das Ergebnis der militärischen Ausbildung durch die USA an der School of the Americas in Fort Benning, Georgia, die inzwischen in Western Hemisphere Institute for Security Cooperation umbenannt wurde.

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Doch Argentinien kann die USA nicht für die Gewalt seiner De-facto-Regierung verantwortlich machen. Die Schuld liegt auch bei einer brutalen und habgierigen lokalen herrschenden Klasse. Die Elite setzte drei Militärs als Teil der Junta an die Macht: Jorge Videla (Armee), Emilio Eduardo Massera (Marine) und Orlando Ramon Agoto (Luftwaffe). Der Staatsterror wurde 1976 mit dem Gesetz zur Ausrufung eines „Prozesses der nationalen Reorganisation“ gesetzlich verankert. Doch El Proceso war kein Prozess, sondern eine Diktatur.

Die Geschichte einer mörderischen Junta

Bis 1976 hatte es zwar einige Bombenanschläge gegeben und verschiedene Gruppen strebten nach militärischer Macht, doch von einem Krieg konnte keine Rede sein. Ganz im Gegenteil! Diese Junta nutzte den Staat zunächst als eine Art umgekehrten Aufstand, als grausame Axt, die die Gesellschaft spaltete in diejenigen, die zu kämpfen versuchten oder flohen, und die schweigende Mehrheit, die wegschaute. Die Machtasymmetrie führte zu Erpressung von Geld und Eigentum, Folter, Vergewaltigung, Tod und Verschleppungen. Fast alle wohlhabenden Personen, die von den Behörden festgenommen wurden, wurden um Geld erpresst und aufgefordert, Eigentumsurkunden für Häuser und Fahrzeuge vorzulegen, die sie dann an die „Behörden“ abtreten mussten. In Bienos Aires eröffnete das Regime sogar ein Immobilienbüro vor einem der größten Folterzentren, der ESMA, um diese gestohlenen Immobilien zu verkaufen.

Nachdem sie die absolute Macht an sich gerissen hatte, raubte die Junta Milliarden. Lokale Unternehmer führten einen Raubzug durch, der als „die Verstaatlichung privater Schulden“ bezeichnet wurde. Dies führte zu einer massiven Schuldenflut, die durch die besonderen finanziellen Beziehungen gestützt wurde, die Wirtschaftsminister José Martínez de Hoz dank seiner Verbindungen zu David Rockefeller unterhielt.

Am 6. August 1976 gewährte der IWF dem Putschregime seinen ersten Kredit. Der letzte IWF-Kredit an Milei wird die nächste Regierung wahrscheinlich in den Bankrott treiben.

Martínez de Hoz plante den gesamten Raubzug. Er verdiente persönlich mehr Geld als jeder andere Unternehmer, gemessen am Verhältnis der erlassenen „Schulden“, die das Land für ihn bezahlte, im Vergleich zur Größe seines Unternehmens Acindar.

Viele andere Firmeninhaber in Argentinien verdienten sich eine goldene Nase, und die Staatsfinanzen erholten sich nie wieder. José hatte dieses Unternehmen von seinem Vater geerbt. Kurz vor der Diktatur half José dabei, die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter bei Acindar zu massakrieren, dann nutzte er das Unternehmen, um „Schulden verstaatlichter Unternehmen“ (über Wechselkursgarantien) zu stehlen und den Verlust auf den Steuerzahler abzuwälzen.

Martínez de Hoz leitete das Wirtschaftsministerium vom ersten Tag der Diktatur an. Er saugte das Land aus und hinterließ den zivilen Regierungen eine am Boden liegende Wirtschaft. Militärische Drohungen und Hyperinflation geprägt begleiteten die Amtszeit von Raúl Alfonsín.

In den 1990ern vertraute überließ Carlos Menem es seinem Minister Domingo Cavallo, den Staat endgültig zu ruinieren. Der wurde zwar nach dem von ihm verursachten Fiasko aus dem Land gejagt, aber als treuer Vertreter des neoliberalen Systems mit einem Lehrstuhl in Harvard belohnt.

Die daraus resultierende Schuldenkrise ließ die argentinische Wirtschaft wie die in den Río de la Plata geworfenen Leichen zurück, und das gesamte System brach 2002 zusammen. Seitdem schleppt sich die Wirtschaft nur noch mühsam dahin. Heute hat Milei ihr einen Sack über den Kopf gezogen, der sich libertäre Wirtschaftspolitik nennt. Sie verliert das Bewusstsein.

Am 24. März 2026 gingen in ganz Argentinein eineinhalb Millionen Menschen auf die Straße, um an den Staatsstreich zu erinnern, der sieben Jahre brutaler Unterdrückung und schamloser Plünderung einleitete. Viele waren damals noch nicht einmal geboren, doch sie zahlen immer noch die Schulden (zuzüglich Zinsen), die die Eliten vor einem halben Jahrhundert angehäuft haben.

Tapfere Familien wie die Mütter der Plaza de Mayo haben nie aufgehört, unter den Tausenden von Verschwundenen dieser tragischen Ära nach ihren Angehörigen zu suchen. Vielleicht wird irgendwann einmal jemand Ermittlungen gegen die Familien einleiten und sie strafrechtlich verfolgen, die ihren Nachbarn und der Nation so viel Geld gestohlen haben. Vielleicht.

americas.org

*** Milei mag Ámbito nicht.

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