vonKnut Henkel 07.12.2020

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Kuba-Öffnen oder Schließen?
Kuba-Öffnen oder Schließen? Dass ist die zentrale Frage, die sich immer wieder stellt. Auch in der Kunst – Objekt in der Altstadt von Havanna
Michel Matos, Sie sind seit Mitte 2018 Teil des Movimiento San Isidro (Bewegung San Isidro). Wofür steht die Bewegung und wie ist Ihre aktuelle Situation?

Wir haben uns gegründet, um gegen ein Gesetz zu protestieren, das freie, kritische Kunst zu kriminalisieren sucht: das Gesetz 349. Wir haben mit einer Kampagne auf dieses Gesetz national und international aufmerksam gemacht. Das hat dazu geführt, dass das Gesetz ausgesetzt wurde, dass Umsetzungsbestimmungen erlassen werden sollten. Doch die sind nie gekommen – Kunst in Kuba ist durch staatliche Regulierung bedroht. Ich sass beispielsweise in Hausarrest, dürfte meine Wohnung nicht verlassen. Das verhindert die Polizei, die unten am Eingang steht.

Gibt es dafür eine rechtliche Grundlage?

In Kuba stellt die Polizei und die Staatssicherheit keine Dokumente aus, gegen die sich rechtlich vorgehen lässt. Sie agiert und sie kriminalisiert unseren friedlichen Protest. Genau dagegen wehren wir uns. Fordern unser Recht auf freie Meinungsäßerung und freie Kunst ein, die in der Verfassung garantiert sind, aber durch das Gesetz 349 und weitrere Gesetze beschnitten werden. Das ist der Kern des Protests.

Nach der gewaltsamen Räumung der Wohnung von Luis Manuel Otero Alcántara, dem Sitz der Bewegung San Isidro, am 27. November, kam es zu einer Demonstration vor dem Kulturministerium mit je nach Quelle zwischen 300 und 700 Künstler*innen. Welchen Effekt hatte das?

Die Demonstration hat erst dazu geführt, dass die Kulturverantwortlichen einlenkten und sich mit uns an einen Tisch setzte. Das ist eine historische Zäsur, so etwas hat es in Kuba noch nie gegeben – weder eine Demonstration von Künstler*innen in dieser Größenordnung noch einen Dialog mit den politisch Verantwortlichen.

Hatten Sie die Hoffnung, dass der direkte Dialog etwas bewirken würde?

Ja und nein. Aus unserer Perspektive ist die politische Führung in Kuba fraktioniert. Es gibt die einen, die dialogbereit sind und die anderen, die auf Kontrolle setzen. Das lässt sich zwar nicht belegen, ist spekulativ, aber wahrscheinlich. Mit dem Bruch des Dialogs ist aber deutlich geworden, dass diejenigen, die sich mit uns an einen Tisch gesetzt haben und zu einer Fortführung des Dialogs bereit waren, nicht, diejenigen sind, die politische Entscheidungen dieser Tragweite treffen. Der Abbruch des Dialogs und die Kampagne, die nun gegen uns in den staatlichen Medien läuft, wo wir als Söldner im Dienst der USA, als Terroristen, die das System destabilisieren wollen, dargestellt werden, ist dafür Beweis genug. Wir sind Künstler*innen, die für die Freiheit der Kunst und für freie Meinugnsäußerung eintreten. Nicht mehr und nicht weniger – dadurch stellen wir anscheinend die staaltiche Kontrolle in Frage.

Die Regierung hat in einer Presseerklärung erklärt, dass die kritischen Künster*innen den Dialog abgebrochen haben, hat sich mit gesprächsbereiten Künstler*innen am Samstag in Havanna zum Gespräch getroffen – droht eine Spaltung der Kunstszene?

Es ist schlicht falsch, dass der Abbruch des Dialogs von uns ausging. Wir sind gesprächsbereit und das seit Beginn unseres Protests gegen das Gesetz 349. Wir suchen den Dialog, um den Konflikt beizulegen. Aus unserer Perspektive verfolgt die Regierung jedoch eine Maxime, in der sie die Spielregeln festlegt. Innerhalb der Revolution alles, gegen die Revolution nichts, lautet der Satz, den Fidel Castro 1961 an die Intellektuellen richtete und so den Spielraum für die künstlerische Auseinandersetzung definierte. Seitdem sind 60 Jahre vergangen, die Welt hat sich geändert und wir fordern unsere Grundrechte ein. Wir wehren uns gegen willkürliche Repression gegen Andersdenkende wie Denís Solís. Der Rapper wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, hatte keinen Anwalt und seine Familie wurde noch nicht einmal informiert. Das widerspricht auch kubanischem Recht und das war der Auslöser für unseren Protest von Mitte November. Der hat in Kuba etwas verändert, denn Solidarität in diesem Ausmaß für kritische, protestierende Künstler*innen hat es noch nicht gegeben. Darunter auch etablierte Künstler wie der Regisseur Fernando Pérez oder Silvio Rodríguez, beides international bekannte Künstler der kubanischen Revolution.

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https://blogs.taz.de/latinorama/kubawir-werden-zu-terroristen-gemacht/

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