Tief saß der Schock im Lager von Luiz Inácio Lula da Silva nach der überraschenden Niederlage im ersten Wahlgang gegen den lange unterschätzten Flávio Bolsonaro im, der mit 47 Prozent knapp zwei Punkte vor dem Amtsinhaber lag. Die Aussichten für die Stichwahl am 25. Oktober sind finster. Auch unter den Gouverneuren und im Parlament von Brasília sind die Ultrarechten zur führenden Kraft geworden. Nur ein Wunder könne Lula retten, heißt es selbst unter seinen Anhänger:innen, sie hoffen auf Millionen zusätzliche Stimmen aus dem Lager der Nichtwähler und auf mehr Power in den “sozialen” Netzwerken. Auch das erste TV-Duell konnte ein nervöser Lula nicht zu einem klaren Punktsieg nutzen.
20 Jahre nach der “rosaroten Welle” in Südamerika, als progressive Staatschefs wie Lula, der Argentinier Néstor Kirchner oder der rote Volkstribun Hugo Chávez aus Venezuela das Geschehen auf dem Subkontinent prägten, hat sich das politische Koordinatensystem dramatisch nach rechts außen verschoben. Seit dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps verloren die Linken alle Präsidentschaftswahlen, mal denkbar knapp wie Mitte 2026 in Kolumbien oder Peru, meist aber deutlich wie 2025 in Ecuador, Bolivien, Chile und Honduras. Hinzu kommt der Sonderfall Venezuela, das nach der Entführung des linksautoritären Präsidenten Nicolás Maduro zum US-Protektorat geworden ist. Die Chavistin Delcy Rodríguez hat US-Firmen den Zugriff auf den Ölreichtum des Landes überlassen – im Gegenzug bleibt das Regime an der Macht. Alles spricht dafür, dass mit dem absehbaren Sieg von Bolsonaro junior auch die Regionalmacht Brasilien von der “braunen Welle” der Ultrarechten überrollt wird. Die Gründe dafür variieren von Land zu Land, noch größer sind die Gemeinsamkeiten.
Lateinamerika bleibt vor allem Rohstofflieferant. Bereits vor zehn Jahren war erstmals vom Ende der “rosaroten Welle” die Rede, als nach einem parlamentarischen Putsch gegen Dilma Rousseff und der Inhaftiererung Lulas wegen angeblicher Korruption der Boden für den Wahlsieg von Jair Bolsonaro bereitet wurde. Auch in Argentinien, Chile, Peru oder Kolumbien regierten rechtsliberale oder konservative Präsidenten. Schon damals war klar, dass die progressiven Regierungen der Nullerjahre den durch eine enorme Nachfrage aus China beflügelten Ressourcenboom für umfangreiche Sozialprogramme nutzten, Strukturreformen aber nicht umsetzen wollten oder konnten.
Die reformistische Linke ist verbraucht. Lulas Arbeiterpartei oder Argentiniens zerstrittene Peronisten tun sich bei alter und neuer Arbeiterklasse schwer. Gerade junge prekär und meist unorganisierte Beschäftigte setzen weniger auf Solidarität als auf den Glauben an einen möglichen sozialen Aufstieg als Einzelkämpfer, die Ultrarechte umwirbt die Jungwähler mit rebellischer Attitüde. Lange Phasen an der Regierung begünstigten bei den Progressiven Bürokratisierung, Vetternwirtschaft und Korruption. Nach der Kooptierung ihrer besten Leute sind die sozialen Bewegungen geschwächt. So konnte Bolsonaro jubeln: “Wir sind der Wandel”.
Besonders abstoßend sind die Autoritären. Kräfte mit ehemals emanzipatorischem Anspruch wie die Chavistas oder Nicaraguas Sandinisten errichteten Diktaturen. Proteste wie 2018 in Nicaragua oder nach dem Wahlbetrug in Venezuela 2024 wurden blutig niedergeschlagen, Oppositionelle wie Unbeteiligte inhaftiert, gefoltert und ins Exil getrieben. Daniel Ortega verkündete vor kurzem: “Hier gibt es keine Wahlen mehr”. Acht Millionen Venezolaner:innen flüchteten vor Misswirtschaft und Autokratie ins Ausland, in nahezu jedem Land profitieren Rechte mit Erfolg von solch abschreckenden Beispielen. In Bolivien provozierte der einstige Hoffnungsträger Evo Morales 2019 seinen Sturz, nachdem er das Ergebnis eines selbst angesetzten Referendums missachtet hatte, das ihm die Wiederwahl untersagte. Sechs Jahre später wurde seine “Bewegung zum Sozialismus” an den Urnen abgestraft.
Die bürgerliche Rechte steckt ebenfalls in der Krise, Brandmauern gab es nie. In Argentinien gelingt es dem libertären Ultra Javier Milei, große Teile seiner Austeritätspolitik von einem konservativ dominierten Parlament absegnen zu lassen. Pinochet-Verehrer José Antonio Kast siegte in Chile mit 58 Prozent, die konservative Kandidatin schaffte es nicht einmal in die Stichwahl. Ganz ähnlich blieb in Kolumbien die rechte, immerhin von Ex-Präsident Álvaro Uribe unterstützte Kandidatin chancenlos. Und in Brasilien sind die früher dominierenden Mitte-Rechts-Parteien in die Bedeutungslosigkeit abgesackt – Gerardo Alckmin, Lulas Rivale bei der Stichwahl 2006, ist heute sein Vizepräsident.
Der klassische Neoliberalismus wird mit der Kettensäge auf die Spitze getrieben. Bolsonaro nimmt sich Mileis Sparkurs bei Rentnern oder im Bildungs- und Gesundheitswesen zum Vorbild und will im kommenden Jahr 45 Milliarden Euro einsparen. Staatsabbau und Austerität stehen auch auf der Agenda des Kolumbianers Abeladro de la Espriella, der Peruanerin Keiko Fujimori oder von Kast im neoliberalen Musterland Chile.
Der Kulturkampf der Ultrarechten funktioniert. Evangelikale Kirchen mit ihrer “Theologie der Prosperität” sind nicht nur in Brasilien auf dem Vormarsch und beherrschen viele Armenviertel. Zusammen mit den lautstarken Ultras befeuern sie zudem einen antifeminischen Backlash und den Kampf gegen eine angebliche “Genderideologie”. Progressive werden als kommunistische Verbrecher (so Milei über Lula) oder “Kulturmarxisten” verteufelt, Informationen durch Fake-News ersetzt.
Die Menschen haben Angst vor Alltags- und organisierter Kriminalität, deren Ausmaß medial noch verstärkt wird. Nayib Bukele hat mit seinen Megagefängnissen für Bandenmitglieder für Ordnung auf den Straßen El Salvadors gesorgt und damit auch Ultras wie Bolsonaro jr. oder de la Espriella inspiriert. Organisierte Kriminalität, auch eine Folge von Washingtons gescheitertem “Krieg gegen die Drogen”, nimmt allerorten zu, besonders dramatisch in Ecuador. Dort regiert jetzt der Rechtsaußen Daniel Noboa.
Trumps “Donroe-Doktrin” wird rasend schnell Wirklichkeit. In ihrer Sicherheitsstrategie vom Dezember 2025 rechtfertigt die US-Regierung Interventionen aller Art in Lateinamerika, als größter Konkurrent wird China genannt. Bereits vorher hatte Trump durch die Zusage von Milliardenkrediten Milei zu einen Erfolg bei den Zwischenwahlen verholfen, in Honduras stützte er Nasry Asfura. Argentinien und Kolumbien ordnen ihre Außenpolitik völlig den USA unter und geben sich als Verbündete Israels – Bolsonaro will es ihnen gleichtun und Brasilien als 20. Land in den Militärpakt “Shield of the Americas” führen.
Was macht Hoffnung? In Uruguay, Guatemala und Mexiko regieren noch progressive Staatschefs. Der Soziologe Emiliano Terán Montovani, der als Wesen des Ultrarechtsrucks eine “hypermakulinistische, autoritäre, zu Bestrafung neigende, nihilistische, empathiefreie Subjektivität” ausmacht, plädiert für ein Projekt, das “zum Mitmachen einlädt und begeistert, solidarisch, divers, horizontal und ökologisch”. Der monatelange Bürgeraufstand in Chile 2019 oder die in Kolumbien unterlegene Linke gingen in diese Richtung. Nicht alle Reaktionäre sitzen fest im Sattel, das zeigt sich bereits in Chile und auch in Argentinien. Und vielleicht gelingt dem alten Lula doch noch ein Wunder – dann aber müssen wirklich Jüngere ran.