Was für ein Abend – oder (in Europa): was für eine Nacht!
Verlauf der direkt übertragenen Auszählung
Lula, der morgen seinen 81. Geburtstag feiert, schreibt Geschichte: Als erster Politiker Brasiliens wird er zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt – und als erstem gelingt es ihm, eine Präsidentschaftswahl zwischen den beiden Urnengängen zu drehen: 51,79 Prozent, 4,4 Millionen Stimmen mehr als der Ultrarechte Flávio Bolsonaro und über 10 Millionen mehr als im ersten Wahlgang vor drei Wochen.

Wie ist ihm dieses Kunststück gelungen?
André Janones, ein grüner Bundesabgeordneter, stellte die Kampagne in den sozialen Netzwerken vom Kopf auf die Füße. Sein Whatsapp-Kanal „O exército do Lula“ (Lulas Armee) hatte zuletzt fast 11 Millionen „Soldat:innen“, von denen viele die „Befehle“ des „Generals“ sogleich weiterverbreiteten. Er zeigte, wie die Linke die Ultrarechte mit ihren eigenen Waffen schlagen kann (ja, sogar in der Terminologie, bei der sich mir alles im Magen umdreht). Podemos-Veteran Pablo Iglesias sinngemäß: „Wenn du wie die Polen mit Pferden gegen die Panzer der Nazis losziehst, hast du keine Chance“.
Lula konnte Nichtwähler:innen und Unentschiedene quer durch die Bevölkerung mobilisieren. Im ersten Wahlgang lag trotz Wahlpflicht die Beteiligung nur bei 79 Prozent, gestern zwei Prozent höher – und das, obwohl u. a. in Salvador da Bahia und São Paulo Hunderte von Busse ausfielen, wofür die Bolsonaro-nahen Bürgermeister mitverantwortlich sind. Besorgte Lula-Anhänger:innen sprachen von einem Putschversuch, der von Bolsonaro senior eingesetzte Vorsitzende Kássio Nunes Marques ignonierte entsprechende Beschwerden stundenlang. Cristiano Zanin vom Obersten Gerichtshof, ein früherer Anwalt Lulas, ordnete schließlich an, die Wahllokale zwei Stunden länger offenzuhalten. Diese Mobilisierung war nur erfolgreich, weil sich Millionen Brasilianer:innen in Einzelgesprächen Überzeugungsarbeit leisteten.
Letztlich erwies sich Flávio Bolsonaro als schwacher, nicht nur in den beiden direkten TV-Duellen überforderter Kandidat. Durch ständiges Lügen diskreditierte er sich selbst. Anstatt sich auf die Stichwahl zu konzentrieren, führte er bereits Gespräche mit Kandidat:innen für die vermeintlich kommende Regierung. Schließlich zeigte er sich als schlechter Verlierer und erkannte das Wahlergebnis nicht an. Dabei war Lulas Vorsprung jetzt doppelt so groß wie vor vier Jahren gegenüber seinem Vater.
Lula selbst hingegen gab den Kampf nie auf und war fähig, aus den Fehlern des Wahlkampfs zu lernen. Hätte Iván Cepeda in Kolumbien nur ebenso entschlossen umgesteuert!

Glückwünsche kamen bis Montag Mittag (Ortszeit) von zahlreichen, auch ultrarechten Kollegen wie dem Chilenen José Antonio Kast, nicht aber von Donald Trump oder Javier Milei. Abelardo de la Espriella aus Kolumbien erkannte zumindest das Ergebnis an und ist zur Zusammenarbeit bereit.