vonGerhard Dilger 25.04.2022

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Von Thomas Fatheuer

Anfang des Jahres machte mal wieder in den Schlagzeilen der Welt ein bedrohlich wirkendes Szenario die Runde: der sich nähernde „tipping point“ (Kipppunkt) für Amazonien, also einem Zusammenbruch des gesamten Ökosystems des Regenwaldes. Amazonien nähere sich einem solchen tipping point, so oder so ähnlich hieß es in zahllosen Überschriften, nachdem eine neue Studie veröffentlicht wurde. Die Studie legte einen besonderen Fokus auf die Regenerierungsfähigkeit abgeholzter Wälder und konstatierte, dass diese abnähme. Solche Warnungen sind wichtig, kein Zweifel. Aber mich besorgt es, dass ich immer mehr Stimmen höre, gerade in meinem Freundeskreis, der nicht primär mit Waldthemen beschäftigt ist, die behaupten zu wissen, dass der Amazonaswald wohl eh verloren sei. Über drei Jahre katastrophaler Politik der Bolsonaro-Regierung, die von der Presse ausführlich dokumentiert wurde, bekräftigen diesen pessimistischen Blick auf Amazonien. Aber nichts könnte falscher sein.

Zunächst: Seit mindestens zwanzig Jahren findet der drohende tipping point seinen Weg in die Überschriften. Aber keiner weiß genau, wann er kommt und ob er wirklich das gesamte Amazonas-Gebiet betrifft. Daraus erwächst eine große Gefahr. “Our scientific debates don’t translate very well into pop culture memes like tipping points. It’s sort of a mischaracterization that the scientists are certain that the Amazon is going to die, “ schreibt Scott Denning, ein Klimawissenschaftler der Colorado State University.

Und leicht wird auch übersehen, dass alle bisherigen Warnungen vor dem tipping point auch eine andere Nachricht enthalten. Der tipping point ist noch nicht erreicht! Wir können noch etwas machen. Meistens schafft es leider nur die negative Seite der Studien, die Warnung, in die Überschriften, die gute Botschaft hingegen eher nicht. Klar, angesichts der Meldungen der letzten Jahre ist für Optimismus wohl kaum Platz. Dennoch möchte ich hier für einen Optimismus ohne Illusionen plädieren, für einen vorsichtigen Optimismus, der die Gefahren nicht leugnet, aber auch ein Schlaglicht auf realistische Optionen wirft. Drei Gründe möchte ich für diesen Optimismus anführen.

Der Widerstand der indigenen Völker ist von der Regierung Bolsonaro nicht gebrochen worden – im Gegenteil. Die traditionell im April stattfindende Mobilisierung Acampamento indígena Terra Livre (ATL) war in diesem Jahr die größte in ihrer achtzehnjährigen Geschichte. Die indigenen Völker sind zu einem der wichtigsten und sichtbarsten Akteure der Opposition gegen Bolsonaro geworden. Ihre Territorien sind bedroht wie nie zuvor, aber sie sind nicht ausradiert worden. Und sie sind nach wie vor ein Bollwerk gegen die Entwaldung. Die letzten Erhebungen, am 19. April veröffentlicht, zeigen, dass in den letzten zwanzig Jahren in den indigenen Territorien nur 1% der Waldfläche verloren ging, auf privatem Land waren es 20%.

Unterstützt werden die Indigenen auch von einer aktiven Zivilgesellschaft und vielen bekannten Künstler*innen.

Rechtsstaatliche Institutionen haben Resilienz gezeigt und sich auch Entscheidungen der Regierung widersetzt. Zwar ist hier das Bild durchaus widersprüchlich, aber das heißt eben auch, es ist nicht alles unter Kontrolle der Regierung. Forderungen indigener Völker und nach Schutz des Regenwaldes sind partiell von der Justiz unterstützt worden.

Bolsonaro kann im Oktober dieses Jahres abgewählt werden. Ex-Präsident Lula führt alle Umfragen an. Zwar ist das Rennen keineswegs gelaufen und nichts ist sicher, aber immerhin stehen die Chancen gut, dass die Schreckensherrschaft Bolsonaros dieses Jahr ein Ende findet.

Klar, mit einem Regierungswechsel werden nicht alle Probleme mit einem Schlag gelöst – und vor allem wird nicht die Macht des Agrobusiness gebrochen. Aber unter der Regierung Lula ist es gelungen, die Entwaldung radikal zu reduzieren und Lula weiß, wie wichtig Amazonien nicht nur für die Zukunft Brasiliens (und des Planeten) ist, sondern auch, wie sehr die ungebrochene Entwaldung dem Ansehen Brasiliens schadet.

Entscheidend ist, dass die Wahlen (einigermaßen) fair und sauber verlaufen und dass Bolsonaro seine Niederlage auch anerkennt. Hier ist internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung der demokratischen Kräfte wichtig!

Eine demokratische Regierung in Brasilien eröffnet neue Chancen für internationale Kooperation. Die muss aber in die richtigen Bahnen gelenkt werden und darf nicht dem Agrobusiness zugute kommen. Drei Prioritäten lassen sich identifizieren:

  • Schutz und Stärkung der Territorien und Lebensräume indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften.
  • Stärkung der Umweltbehörden und die Wiederherstellung der Kapazitäten, illegale Entwaldung, illegalen Bergbau und alle Übergriffe auf geschützte Territorien wirksam zu bekämpfen.
  • Start für ein großes Programm, Agrarökologie in Brasilien zu fördern.

Hier sind wir gefragt. Eine neue Regierung in Brasilien öffnet immense Chancen dafür, internationale Kooperation und Solidarität neu aufzustellen. Auch hier fehlt es nicht an positiven Ansätzen, sie müssen aber zu nationalen und internationalen Prioritäten werden.

Wir stehen also vor einer historischen Chance für fundamentale Änderungen! Die Kräfte des Widerstandes in Brasilien verdienen jetzt unsere Unterstützung, nicht unseren Pessimismus.

 

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