„Die Schmach von Córdoba” – mit diesem Ausdruck verbinden Millionen deutscher Fußballfans die WM 1978. In der zweitgrößten Stadt Argentiniens schieden die bundesdeutschen Kicker nach ihrer 2:3-Niederlage gegen Österreich aus. Kaum jemand wusste damals, dass zur gleichen Zeit im Konzentrationslager „La Perla”, nicht weit vom Stadion entfernt, Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden.
Die Fußball-WM der Männer wurde in einem Land gespielt, in dem eine blutige Militärdiktatur herrschte. „Das ist die wirkliche Schmach, die größte Schande in unserer Fußballgeschichte”, sagt der argentinische Anwalt und Journalist Pablo Llonto. Daran könne der Titelgewinn Argentiniens nichts ändern.
Am 24. März 1976 hatten sich in Argentinien die Generäle an die Macht geputscht. Menschenrechtler:innen zufolge wurden bis 1983 rund 30.000 Menschen aus politischen Gründen ermordet. Kurz vor dem Jahrestag des Staatsstreiches häufen sich im Lande die Gedenkveranstaltungen. Die Wunden, die das zivil-militärische Regime hinterließ, sind noch lange nicht verheilt.
Nie sei der Rückhalt der Diktatur in der Bevölkerung größer gewesen als während der WM im Juni 1978, sagt Llonto, der zu dem Thema ein viel beachtetes Buch geschrieben hat. „Die Medien und sogar Intellektuelle förderten dieses Klima. Die Fußballszene wiederholte die Lügen der Diktatur. Die einzigen, die ihre Stimmen gegen den Völkermord erhoben, waren die Mütter der Plaza de Mayo.”
„Für uns war die WM grauenvoll”, erinnerte sich Hebe de Bonafini, Vorsitzende der „Madres” im Jahr 2006, „es gab noch mehr Entführungen, mehr Repression.” Nur einige ausländische Medien durchbrachen die Propaganda-Kampagne der Diktatur. Während des Eröffnungsspiels zeigte das holländische Fernsehen live, wie die Mütter Dutzender „Verschwundener” vor dem Präsidentenpalast auf der Plaza de Mayo protestierten.
Anders als die holländischen Nationalspieler, die den Militärs den Handschlag verweigerten, konnten sich die Deutschen zu keiner Geste gegen die Diktatur durchringen. „Ich kann nicht akzeptieren, was da los ist”, sagte etwa Karl-Heinz Rummenigge, „trotzdem möchte ich gerne mitspielen.”
Hermann Neuberger, damaliger Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) und zugleich Vorsitzender des FIFA-Organisationskomitees, gab den Ton an. „Wir interessieren uns für Fußball, nicht für Politik”, sagte er Tage nach dem Putsch. Selbst als die deutsche Theologiestudentin Elisabeth Käsemann nach mehrmonatiger Haft ermordet wurde, blieb er seiner Linie treu.
Dabei wusste er sich im Einklang mit der damaligen Bundesregierung. Um ein Freundschaftsspiel der DFB-Auswahl in Argentinien nicht zu beeinträchtigen, gab der deutsche Botschafter die Nachricht vom Tod Käsemanns im Juni 1977 erst nach dem Spiel bekannt.
Bis heute hat sich der DFB für sein damaliges Verhalten nicht entschuldigt. Im Juni 2005 wollten Aktivisten der Nürnberger Menschenrechtler „Koalition gegen Straflosigkeit” bei einem Länderspiel Argentiniens Transparente mit den Aufschriften „Wahrheit”, „Gerechtigkeit” und „Wo sind sie?” auf den Rängen des Frankenstadions ausrollen. Daran wurden sie mit der Begründung gehindert, politische Äußerungen seien nicht erlaubt.
epd, 14.3.2006
Heute greift der ultrarechte Präsident Javier Milei die vorbildliche Erinnerungskultur Argentiniens offen an. Mehr dazu in diesem aktuellen Artikel von Malte Seiwerth.