Vom 11. bis zum 13. Februar diesen Jahres fand in Marokko die VI. Konferenz der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO/ILO) zur Abschaffung ausbeuterischer Kinderarbeit statt. Auf der Schlusskonferenz sprach der marokkanische Minister Younes Sekkouri von einem Paradigma-Wechsel. Dabei wiederholten sich jedoch weitgehend Muster vergangener Konferenzen, die sich an den ILO-Konventionen 138 zum Mindestalter und 183 zu den schlimmsten Formen von Kinderarbeit orientieren.
Mehr Länder sollten die Konventionen ratifizieren und ihre nationale Gesetzgebung in Einklang bringen, so Sekkouri. Aber ob damit auch Staaten wie Kanada gemeint sind? In denen gelten flexiblere Bestimmungen, für die ein Land wie Bolivien in der Vergangenheit mit Sanktionen belegt wurde, wie der Sozialforscher Edward van Daelen aufgezeigt hat.
Auch Schulpflicht bis zum gesetzlichen Mindestarbeitsalter, Qualitätsbildung, Arbeitsplätze für Erwachsene, Bekämpfung der Informalität (Schwarzarbeit) und Ausbau der Sozialversicherungssysteme sind klassische Ansätze der Internationalen Arbeitsorganisation. Hinzu kommt diesmal allerdings die Betonung der Bekämpfung von Kinderarbeit in den lokalen und internationalen Lieferketten. Darauf hatte auch die Staatssekretärin im deutschen Arbeits- und Sozialministerium Lilian Tschan auf der Konferenz hingewiesen. Allerdings ohne zu erwähnen, dass die Bundesregierung das Lieferkettengesetz aufgeweicht und sein Inkrafttreten verzögert hat. Es gilt nur noch für etwa 150 deutsche Unternehmen mit über 5000 Beschäftigten, während von zehntausenden Unternehmen die Rede ist, die Waren nach Deutschland importieren.

Laut Schätzungen der ILO geht Kinderarbeit seit der COVID-Pandemie wieder zurück
Ob die Aufweichung des Lieferkettengesetzes bei der Beschleunigung der Maßnahmen zur Reduzierung ausbeuterischer Kinderarbeit hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Eine Vervierfachung des Tempos sei nötig, um ausbeuterische Kinderarbeit bis zum Jahr 2060 abzuschaffen, so die ILO. Die ursprünglich in den Zielen zur nachhaltigen Entwicklung (SDGs) angestrebte Marke von 2025 war gerade verfehlt worden. Immerhin: Nach dem zwischenzeitlichen Anstieg während der COVID-Pandemie sei das Ausmaß der ausbeuterischen Kinderarbeit weltweit zwischen 2021 und 2024 laut Schätzungen der ILO auf 138 Millionen Kinder und Jugendliche deutlich zurückgegangen. Davon gingen 54 Millionen gefährlichen Arbeiten nach. 79 Millionen seien im Alter zwischen 5 und 11 Jahren. Der hohe Anteil der jüngeren erklärt sich schon aus der Tatsache, dass die ILO Arbeit von Kindern im Alter von unter 15 Jahren per Definition als „Labour“ (ausbeuterische Kinderarbeit) versteht, wie der Soziologe Manfred Liebel kritisiert. Da spielen die Umstände keine Rolle, etwa ob Kinder auf dem Familienacker mitarbeiten.
So ist auch nicht verwunderlich, dass die Zahlen der ILO für den landwirtschaftlichen Sektor und afrikanische Staaten mit ihrem höheren Anteil der Landbevölkerung besonders hoch ausfallen. Andere Tätigkeiten, wie Hausarbeit von Mädchen, würden bei den Schätzungen der ILO allerdings gar nicht erfasst, so Liebel. Auch würden die Schätzungen auf Erhebungen in gerade einmal 107 Staaten beruhen, dies zudem ohne eine gemeinsame Methode, gibt der Kinderrechtsexperte zu bedenken. Er begleitet und unterstützt seit Jahrzehnten die Organisationen arbeitender Kinder.

Die betroffenen Kinder blieben wieder einmal ausgeschlossen
Mit ihnen teilt er auch seine Hauptkritik: Dass entgegen vorheriger Ankündigungen die betroffenen arbeitenden Kinder mal wieder von den Debatten ausgeschlossen blieben. Noch im Februar des Vorjahres hatte die ILO festgestellt: „Kinder haben das Recht, ihre Sichtweisen zu Themen und Entscheidungen, die sie betreffen, auszudrücken. Und auch, dass ihre Ansichten Berücksichtigung finden.“ Deshalb werde man für die Konferenz in Marokko genauso wie für die vorangegangene Konferenz den Input von betroffenen Kindern einfordern. Das sei eher eine symbolische Beteiligung gewesen, kritisiert Liebel. Aber dieses Mal habe es nicht einmal das gegeben. Zumindest findet sich auf der langen Liste der Rednerinnen und Redner kein einziges Kind.
In einigen Regionen habe es eine Anhörung von Kindern gegeben, räumt ein Netzwerk von Nicht-Regierungsorganisationen, Wissenschaftler*innen und Organisationen arbeitender Kinder ein. „ Doch das reicht nicht aus, um das Recht auf Gehör gemäß Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention vollständig umzusetzen“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme. Dafür müssten sie auch in den wichtigsten Gremien und in die Entscheidungsprozesse der Konferenz einbezogen werden.

Forderungen der Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher
Was sie beizutragen hätten, zeigt eine gemeinsame Stellungnahme von Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlichen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die auf der Homepage des PRONATS Netzwerks von Unterstützerinnen und Unterstützern auch auf Deutsch im Wortlaut wiedergegeben wird.
Sie kritisieren die auf der Konferenz propagierte Kampagne „Rote Karte gegen Kinderarbeit“ als „symbolisch und rein dekorativ“. Um ihre Situation der arbeitenden Kinder zu verbessern, müssten solche Kampagnen „unser tatsächliches Leben als arbeitende Kinder und Jugendliche widerzuspiegeln“ und dürften „die Gründe, warum wir arbeiten, nicht mehr übermäßig vereinfachen“. Sie fordern, „dass die globale und nationale Politik echte Optionen für menschenwürdige Arbeit, flexible Bildungsmöglichkeiten, kompetenzbasierte Ausbildung und Programme zur Kompetenzentwicklung vorsieht, die es uns ermöglichen, zu lernen, Geld zu verdienen und uns weiterzuentwickeln.“
Dekorative Symbolpolitik verdeckt die Sicht auf diverse Lebenswirklichkeiten
Die Stellungnahme beginnt mit der Forderung, Dass „dass alle Übereinkommen, Gesetze, Richtlinien und Programme, die darauf abzielen, die Rechte arbeitender Kinder und Jugendlicher zu gewährleisten, einfühlsam, inklusiv und sensibel für unsere unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Realitäten sind.“ Vielleicht wäre es wichtig gewesen diesen Punkt auf der Konferenz in Marokko mit den Kindern und Jugendlichen zu diskutieren.

Bei der Präsentation des Abschlussdokumentes nannte der marokkanische Minister Younes Sekkouri, als er vom Paradigma-Wechsel sprach als vielleicht wichtigsten Punkt, dass ausbeuterische Kinderarbeit (child labour) in jeder Kultur beendet werden müsse. Aber anders als für die ILO haben die Organisationen arbeitender Kinder oder auch die andinen Kulturen, dort wo die Arbeitssphäre noch nicht von der Familie getrennt ist, andere Kriterien dafür als vor allem das Alter.