Die Landkreise Guanay und Teoponte in der Andenfussregion von La Paz sind seit vielen Jahren Zentren des Goldbergbaus. Der verändert Flussläufe und zerstört Landschaften. Ende Dezember kam es erneut zu schweren Überschwemmungen. Davon wurden die Häuser von 600 Familien in Guanay erfasst. Der Bürgermeister machte dafür lokale Organisationen verantwortlich, die sich mit illegalen Bergbauakteuren verbündet hätten. Sogar von einer möglicherweise nötigen Umsiedlung war die Rede. Doch vielleicht gibt es Alternativen, auch wenn sie noch Zeit benötigen, um zu wirken: 2024 hatte man beschlossen, einen Schutzkorridor von 66.831 Hektar Fläche zu schaffen, der die Artenvielfalt und Wasserreserven vor weiterer Zerstörung bewahren soll. Die Initiative ging von Gemeinden aus dem Volk der Leco aus. Sie verbindet Satellitentechnologie mit lokalem Recht und Selbstorganisation, berichtet die bolivianische Online-Zeitschrift Nómadas.
Von Revista Nómadas
Der Schutzkorridor von 66.831 Hektar ist eine wichtige Allianz zum Schutz der Wasserquellen der Landkreise von Guanay und Teoponte. Mit althergebrachtem Recht, Satellitentechnologie und der Stärkung der Identität des Volkes der Leco begegnen die Gemeinden der Bedrohung durch die Bergwerkswirtschaft und die Waldbrände. “Burua rik´a chi´iyahu, chiraya Ndoua, Yá-bitaka-taka”, ist Leco und bedeutet: “So wie wir Wald sind, sind wir auch Wasser und Leben“. Das Motto inspiriert Tausende von Familien im Norden von La Paz, die sich anschicken, der Zerstörung ihres Territoriums Einhalt zu gebieten.

Die Schaffung des „Área Natural de Manejo Integrado Municipal (ANMIM) Puerta Amazónica“ (des munizipalen Schutzgebietes zur integralen Nutzung des Tors zum Amazonas) von Guanay und des „Área Dowara Kanda Tech Uyapi“, des angrenzenden Schutzgebietes in Teoponte bedeutet einen Paradigmenwechsel in einer der Regionen Boliviens, in denen die Bergwerkwirtschaft die Natur zerstört. Ulises Javier Ariñez Flores ist der für Guanay und Teoponte zuständige Mitarbeiter der Stiftung Natura Bolivien. Für ihn handelt es sich bei den Schutzgebieten um ein wirksames und legitimes Instrument des Selbstschutzes der Lokalregierungen und der Bewohner*innen. „Dowara Kanda Tech Uyapi“, so Ariñez Florles, bedeute: “Der Ort der lebendigen Wälder und Gewässer der Leco“.
Eine legale Schutzmauer: Das Kommunalgesetz gegen den Extraktivismus
Der 2. April 2024 markiert einen Wendepunkt für den Landkreis Guanay. Denn an jenem Tag wurde das Kommunalgesetz 002 verabschiedet. Es verleiht 42.650 Hektar Land einen unveränderlichen Schutzstatus und sieht Ordnungsgelder oder sogar Strafen gegen diejenigen vor, die das Ökosystem schädigen.

Das Gesetz teilt das Territorium in zwei große Blöcke auf: 23.275 Hektar, mit denen die Wassereinzugsgebiete strikt geschützt werden sollen, sowie mehr als 19.000 Hektar Land, auf dem sich die Natur regenerieren soll. Beides zielt direkt auf die Übeltäter: die Goldgewinnung in den Flussläufen und die unkontrollierte Abholzung für Landwirtschaft.
Spiegel des Waldes: Wenn die kulturelle Identität die beste Kontrolle ist
Im Unterschied zu anderen Schutzprojekten, die von einem Schreibtisch in der Stadt aus bestimmt werden, wurde hier mit dem Konzept der „Aneignung des Territoriums“ gearbeitet. Und dies mit einer starken Prämisse: Der Mensch lebt nicht im Wald, der Mensch ist der Wald.
Dabei wird ein visueller Mechanismus angewandt, in dem der Bewohner oder die Bewohnerin in eine Art Spiegel schaut, aber nicht sein oder ihr Gesicht sieht, sondern das Dickicht des Waldes oder einen brüllenden Jaguar. Damit konnten die Jugendlichen und die traditionellen Autoritäten sich wieder mit ihren Wurzeln in Verbindung bringen. Das Volk der Leco und auch die Verbände der Zugewanderten haben dabei verstanden, wie sehr ihre eigene Identität mit dem Wohlergehen dieser Berglandschaften in Verbindung steht. Wenn der Wald verschwindet, stirbt auch die Kultur der Leco.

Das Heer der Wächterinnen und Wächter und die intelligente Technik
Aber die tiefe innere Erfahrung allein bremst die Bagger nicht. Dafür gibt es einen strategischen Plan der Landkreise mit einem hohen Maß von Sicherheitskontrollen durch die Gemeinden. Ulises Javier Ariñez Flores weist darauf hin, dass der Erfolg dieses Schutz- und Monitoringplans darauf beruht, die Wächterinnen und Wächter der Gemeinden direkt im Organisationsschema der Lokalregierungen zu berücksichtigen.
Damit bekommen sie institutionellen Rückhalt und fachliche Begleitung.
Bei den Wächterinnen und Wächtern wird auch nicht improvisiert. Es geht um strategische Gemeinschaften wie im Dorfverband von Horizontes. Dem sind vier Gemeinden angeschlossen, die ausschließlich ökologisch produzieren und über reiche Wasserquellen verfügen. Dort wurden in einer Dorfversammlung Jugendliche ausgewählt, die nun Teams bilden, die bei Bedarf schnell reagieren. Dafür verwenden sie folgende Monitoring-Instrumente: Zunächst gibt es eine intelligente Software bei der mit Hilfe von Satellitenbildern Vorfälle in Echtzeit registriert werden können. Zum anderen wurden Foto-Fallen installiert, mit denen die drei wichtigsten Indikatoren des Zustandes des Waldes beobachtet werden: Der Jaguar (Panthera onca), der Tapir und der mythische Jukumari (Kragenbär), die einzige Bärenpopulation Südamerikas, die in den Nebelwäldern Zuflucht gefunden hat. Schließlich werden regelmäßig die Menge und die Qualität des Wassers in den Bächen und Flüssen untersucht. Es ist die wertvollste Ressource, die von der Kontamination durch Schwermetalle der Bergwerkswirtschaft beeinträchtigt wird.
Ein Korridor des Lebens gegen die Apokalypse des Feuers
Die Relevanz dieses Projektes für die Region ist groß. Mit der Verbindung der beiden Schutzgebiete, wird ein biologischer Korridor geschaffen, der bis zum Nationalpark Madidi reicht. Es ist ein grüner Schild, der die Wälder der Andenfussregion schützt. Es sind Ökosysteme, auf die jährlich mehr als 3000 mm Regen fallen. Sie funktionieren wie Wasserfabriken für den Konsum, aber auch die Bewässerungsanlagen der Menschen.
Doch die Gefahren sind offensichtlich. Am westlichen Rand gibt es kritische Zonen, in denen die Waldbrände in den Jahren 2023 und 2024 tiefe Narben hinterlassen haben. Auch lässt der Druck des sich ausweitenden Goldbergbaus nicht nach. Die Antwort von Teoponte und Guanay war, die Schutzmaßnahmen institutionell zu verankern.

Die wichtige Rolle der Frauen
Besonders auffallend ist dabei die führende Rolle der Frauen. Sowohl bei der Öffentlichkeitsarbeit als auch bei der Arbeit im Feld stehen sie im Zentrum der Entscheidungen. Es sind Mütter und Jugendliche, die heute in den Lokalradios zum Mikrofon greifen und WhatsApp-Gruppen geschaffen haben, um über Rauchschwaden über dem Schutzgebiet oder illegale Eindringlinge zu informieren.
In Guanay und Teoponte ist der Naturschutz kein leeres Wort mehr. Es ist eine funktionierende Struktur zur Sicherung des Überlebens. Weil man beschlossen hat, dass die Zukunft nicht im Glanz des zerstörerische Goldes liegt, sondern in der Klarheit des Wassers, das aus den gebirgigen Schutzgebieten ins Tal fließt. Die Wächterinnen und Wächter stehen bereit, die Kameras sind montiert und das Kommunalgsetz ist verabschiedet. Die Wälder haben endlich Rückendeckung.
Der redaktionelle Beitrag der Revista Nómadas vom 6. Januar 2026 wurde von Peter Strack leicht bearbeitet und übersetzt. Wir danken für die Abdruckgenehmigung.