vonDu Pham 06.09.2026

Local Legend(s)

Interdisziplinäres Radfahren mit einer Komponentengruppe aus Ausfahrt-Anekdoten, Radfahr-Rants und Schraub-Schnitten.

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(In dieser Woche hat die Muse nur für Asiamarkteinkäufe, Pendelverkehr und nasse Restaurantbesuche gereicht, stellvertretend ein Rant)

Die Amerikanerin Lael Wilcox wollte
29.000 Kilometer
in 78 Tagen fahren
also 386 Kilometer am Tag
dabei sollte es rund um die Welt gehen
Das hat sie 2024 eigentlich
schon in 108 Tagen erledigt
Damit allerdings nur den Rekord
unter den Frauen gebrochen
Und weil es sonst langweilig wäre
sollte es Mark Beaumont ans Lycra gehen

Höher weiter schneller

Weniger Abenteuer
mehr Ausdauerexperiment
Wir sind schließlich im Kapitalismus
ihr scheiss Hippies und Punks
Epische Drohnenaufnahmen
von verlassenen Prärien
Heroische Nahaufnahmen
von staubigen Gesichtern und Beinen
sind trotzdem dabei
Pics or it didn’t happen
oder so

Am 21. Juli unterbricht Wilcox nach etwa
4828,032 Kilometern (oder 3.000 Meilen)
den Rekordbruchversuch
Ihre letzte Fahrt sei die
demütigste ihres Lebens gewesen
Starkregen und Gegenwind in Nordamerika
Extreme Hitzewellen in Europa

Wilcox hat die weibliche Perspektive
im Extremradsport sichtbarer gemacht
Wilcox war unzählige Male
erste Frau
schnellste Fahrerin
Rekordbrecherin

Wie kann es also sein
dass Wilcox inmitten dieser Temperaturausmaße
die geplante Tour überhaupt antritt?
Ist es nicht absolut vermessen
sämtliche Nachrichten bezüglich Hitzetoten
Sturmfluten ausgehungerten Flüssen
zu ignorieren sich zu wundern
und tränenreiche Interviews zu geben?
Meine Ehrfurcht für ihre Leistung ist da
Mein Mitgefühl für ihr Selbstmitleid nicht

Steppenwolf aus Berlin beispieliert
in einem Post
neben Wilcox weitere
Radfahrabbrüche durch Wettereinflüsse
und kennt schulterklopfend
schon seit 2021 einen Schuldigen

Dabei feuert der kommerzielle Radsport den Klimawandel selbst an, wie wir vor genau fünf Jahren in unserem Ethos geschrieben haben. Seine Sponsoren von UAE über Ineos bis UNO X profitieren vom grünen Image unseres Sports, dabei sind sie es, die unsere Zukunft in Flammen aufgehen lassen. Sie sind es, die für Zerstörung sorgen.

Wir stehen ein für einen anderen Radsport. Ein nachhaltiger, wilder Radsport von unten. Offen für alle und kein Spielzeug der Reichen. Einer der für Solidarität statt Ellbogengesellschaft steht.

Seit Radsport vor allem
auf Social Media stattfindet
sind diese Alternativen doch auch nur
eine reinste Inszenierung ihres
krassesten Selbst
bis ins kleinste Detail sind
Siebträgerkaffee Komponenten
Kleidung Stravascreenshots
in filterträchtigen Spiegelreflexfotografien
für den Flex festgehalten
Ja auch bei Fahrten
rund um Berlin und Brandenburg
Und auch in den Subkulturen
der Fahrradszene
ist es längst kein barrierefreier Sport
von unten mehr
Wild sind nur die Preise für die
ganzen unnötigen Kosumgüter
die scheinbar nun nötig sind

Ich willl kein
rhetorisches Ablenkungsmanöver
betreiben
vielleicht ein bisschen
Die Kritik ist angebracht
Klimawandel is real
Aber für uns alle
Sport ist auch niemals unpolitisch
hat eine gesellschaftliche Verantwortung

Dennoch
Den Radsport als grün zu bezeichnen
unterliegt wohl dem Missverständnis
dass er auf zwei Rädern stattfindet
Grün sind doch nur (noch) die Pyrenäen
Carbonfasern Polyesterlycra
Elektrische Schaltung
Von dem ganzen motorisierten Trara
rund um die Grand Tours mal abgesehen

Trotzdem
Eine einzelne Sportart
aufgrund ihrer Sponsoren
als Brandbeschleuniger zu bezeichnen
ist einfach zu einfach gedacht
und statt Ethos lese ich viel Pathos

̶K̶o̶m̶m̶e̶r̶z̶i̶e̶l̶l̶e̶r̶
Professioneller Radsport hat die
seltene Eigenschaft nahbar zu sein
Auch ohne Grand Tour gibt es
unzählige Möglichkeiten
kostengünstig am Streckenrand
zu stehen und mitzufiebern
Es gibt lokale Veranstaltungen
bei denen sich Amateure
mit Profis messen können
Die Barriere den Sport auszuprobieren
ist niederschwellig
wenn man sich von den ganzen
Gruppierungen frei
und einfach mal
macht

Letztlich ist es doch so
Menschen die Radsport schauen
werden eher motiviert mehr Rad zu fahren
und das Auto vielleicht stehen zu lassen
Die Wahrscheinlichkeit dass sie sich
eine Wohnung in den
Vereinigten Emiraten kaufen
und zum Tanken nach Dänemark fahren
schätze ich mal als gering ein
Radsport ist so viel mehr als
das was auf dem Trikot gedruckt ist
Und mal ehrlich
Ich habe schon in sämtlichen Waschbecken
meine Hände gereinigt
Bis mir mal klar war
dass da Hansgrohe steht
und sich mir erschloss
was sie eigentlich machen
Aber ich gebe zu
Mittlerweile mag ich Lidl ganz gern

Soviel Differenzierung muss sein
darf den Fans auch zugetraut werden
sollte in einer Kritik berücksichtigt werden

Und bei den täglichen Nachrichten
bin ich sehr dankbar
dass ich ab den Frühjahrsklassikern
eine Daily Soap habe
die mich in eine ferne weite schnelle Welt bringt

Ausserdem sind die Lycras
der Profis so hässlich
dass das Aufgedruckte keinen
positiven Einfluss auf mich nehmen könnte

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