vonericbonse 25.06.2022

Lost in EUrope

Eric Bonse, EU-Korrespondent der taz in Brüssel, schreibt hier all das über Europa und seine Krise(n), was die EU gerne verdrängen würde | Bild: dpa

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Das Ölembargo der EU gegen Russland erweist sich als Desaster. Es treibt den Ölpreis, führt zu russischen Repressalien beim Gas und wird von allen Seiten kritisiert – nun wollen die USA gegensteuern.

US-Finanzministerin Yellen hatte frühzeitig gewarnt. Ein Ölembargo in Raten, wie von der EU beschlossen, sei keine gute Idee – denn es würde den Ölpreis in die Höhe treiben und damit letztlich Russland nützen.

Genau das ist passiert. Die Ölpreise sind seit Jahresbeginn um 40 Prozent gestiegen, Russland meldet Rekordgeschäfte. Jetzt wird das Land sogar zum Hauptlieferanten für China, auf Kosten der EU.

Gleichzeitig drosselt Moskau die Gaszufuhr nach Europa – und löst so eine Gaskrise in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden aus. Wirtschaftsminister Habeck ruft den Notstand aus.

“Das ist ein ökonomischer Angriff auf uns”, empört sich der Grünen-Politiker. Dabei hat er den Streit selbst vom Zaun gebrochen – indem er beim Ölembargo vorpreschte und erklärte, Deutschland sei bereit.

Schon damals dämmerte Habeck, dass das unangenehme Konsequenzen haben könnte. Wenn der Ölpreis steigt und Russland profitiert, “haben wir mit Zitronen gehandelt”, erklärte er. Nun ist der Fall da.

Ausbaden müssen das nicht nur Deutsche und Europäer, sondern auch die Amerikaner. Die USA bringen nun einen Preisdeckel für russisches Öl ins Gespräch, um die schlimmsten Folgen des EU-Embargos zu lindern.

Eine größere Klatsche für eine verfehlte Politik kam es kaum geben. Doch ausgerechnet Deutschland leistet Widerstand. Der US-Plan könne die Sanktionen gefährden, heißt es in Berlin!

Erstaunlich, dass Habeck immer noch der beliebteste deutsche Politiker ist. Er macht nicht nur das Gegenteil von dem, wofür er angetreten ist – Stichworte LNG und Kohlevestromung.

Er hat nun auch noch eine Krise ausgelöst, sogar in bzw. mit den USA…

Mehr zu den EU-Sanktionen hier

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https://blogs.taz.de/lostineurope/2022/06/25/angriff-mit-ansage/

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kommentare

  • Es ist für mich nicht ausgemacht, dass die Preissteigerungen am Embargo liegen. Denn Russland verkauft sein ganzes Öl weiterhin – wenn auch mit Preisabschlag – per Tanker insbesondere an China und Indien. Ich fürchte eher, dass im Hintergrund der 2015 großmäulig totgesagte Peak Oil lauert, nur merken wir es wegen des lauten Kriegslärms gerade nicht so richtig: Das US-Shale-Oil hat bis auf wenige Monate praktisch nie die Gewinnmarge erreicht, und die Investoren springen jetzt sogar noch schneller ab, als die Vorkommen selbst zurückgehen. Die OPEC kann wegen Bürgerkriegs in Libyen und Ecuador momentan tatsächlich kaum mehr liefern, es gibt nur etwa 3 Mio Barrel Reservekapazität bei den Saudis. Und Russland selbst hat mit knapp 11 Mio Barrel schon vor Jahren sein Maximum erreicht, die Förderung geht tatsächlich seither zurück. Auf der Verbraucherseite kommen aber mit der Aufholjagd Chinas und Indiens bei der Motorisierung laufend Millionen weiterer Konsumenten hinzu.

  • „Erstaunlich, dass Habeck immer noch der beliebteste deutsche Politiker ist. Er macht nicht nur das Gegenteil von dem, wofür er angetreten ist – Stichworte LNG und Kohlevestromung.“

    Was wäre denn die Alternative für D und die EU gewesen?
    Mit Russland unverändert weiter Öl und Gas handeln und vielleicht Putins Angriffskrieg tollerieren, um den Ölpreis zu stützen?
    Öl und Gas komplett abbestellen?

    Mir persönlich ist die Rhetorik des Autors hier zu billig.
    Wir haben ein globales Problem in der Energie- und Rohstoffversorgung und gleichzeitig geopolitische Verwerfungen großen Ausmaßes. Das das nicht ohne gravierende Folgen bleibt, sollte klar sein.

    Immerhin, und das ist eine positive Folge des Konfliktes, wird endlich mal über Energieeinsparungen nachgedacht. Auch die Transformation der Energieversorgungssysteme von fossil auf regenerativ wird beschleunigt und das ist ein Verdienst vom Wirtschaftsminister. Die Kollateralschäden für den Naturschutz (national wie global) sind allerdings groß.

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