vonChristian Ihle & Horst Motor 11.06.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Fury of the Headteachers – You took a scythe home

Es ist ja nicht so, als habe man auf die nächste Noise- und/oder Punkplatte gewartet. Eigentlich wartet man auf gar nichts mehr. Man bekommt höchstens noch geliefert oder entdeckt (zufällig). Fury of the Headteachers sind eine dieser Bands, die man zufällig entdeckt und dann einfach nicht mehr hergibt.
Zugegeben: Fury of the Headteachers sind genau das, was der Volksmund unter „anstrengend“ versteht. Krach und Punk, Noise und Rock – und über allem der schwere Dunst der „Dekonstruktion“. Dekonstruktion hier: wer sich Melodieseligkeit und Pathos hingibt, gehört exekutiert. Was?
Richtig, „X is for execution“ singt Chris ‚loftus‘ Presland selbst und scharrt beim shouten und kreischen gleich mal eine Horde wahnsinniger Musiker um sich herum (die sich wahlweise Chris ‚Presland‘ Loftus, Adamadamadamadadenton, OJ ‚blood on his hands‘ Conoolley, Warren ‚who the fuck is alice?‘ Myles und Joe ‚the monday belgian‘ Freegard nennen).
Solch eine Band kann ja nur Krach machen. „Like Buzzcocks under water“ oder „Bloc Party if they never met Paul Epworth“ werden sie von der Presse gelobhudelt. Und ich werfe ein: „like Sonic Youth crashing Mclusky„. Schwindelig? Gut so… (Robert Heldner)

Anhören!
* Optimism (hier)
* Farewell Comrade (hier)

Im Netz:
* MySpace

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Hot Chip – DJ Kicks

Die hohe Kunst des Platten-Auflegen ist es, eine gehörige Party in Gang zu bringen und dabei möglichst wenig Bekanntes, aber durchaus Exquisites abzufeuern. Der Pegel des Erfolgs lässt sich nicht nur dadurch errechnen, wie viele Leute wie sehr auf der Tanzfläche ausflippen, sondern auch daran, wie oft Gäste vor dem DJ stehen, um zu erfragen, von wem dieser Song denn gerade ist. Der Zeremonienmeister diktiert dann gelangweilt Titel und Interpret, während der Gast ehrfürchtig Selbiges in seinen Handy-Notizspeicher (wahlweise: PDA) eingibt. Danach legt der DJ einen altbekannten Popsong nach, mit dem -gerade jetzt- niemand gerechnet hätte (der Gast, der gerade eh schon seinen Handyspeicher füllt, tippt natürlich auch diesen Song ein, um ihn am nächsten Morgen im Internet als Vinylsingle zu ersteigern).
Die Nacht liegt dem DJ nun zu Füßen. Er kann jetzt machen, was er will. Die da unten nehmen ihm jetzt alles ab.

Die DJ Kicks-Reihe des Berliner Labels K7 versucht seit Jahren, die guten DJ-Mixe auf Tonträger zu bannen und reiht nach und nach die Top-Stars der elektronischen Nachtunterhaltung in ihr Labelrooster ein. Einen größeren Wurf als Hot Chip hätten sie gerade jetzt nicht landen können. Wer die Londoner mit ihrem Album „The Warning“ im letzten Jahr nicht im Jahresranking auf einem der vorderen Ränge hatte, dem ist nicht zu helfen. Jetzt mit einem DJ-Mix nachzulegen, ist künstlerisch wie marktwirtschaftlich ein großartiger Schachzug.

So scheppern Hot Chip durch die Musikstile und mixen von Hip Hop (Positive K) über die eigene neue Single („My Piano“) hinein in hiesigen Techno von Dominik Eulberg und Beliebtes von New Order („Bizarre Love Triangle“). Als unerwarteter Hit taucht Joe Jackson auf, bis man mit Ray Charles die letzten Minuten vor dem Nachhauseweg / der After Hour zelebriert.
Ein gut gelaufener Abend. Nachts im Club würde man ihnen dafür zu Füßen liegen. Wenn man da nicht schon mit Tanzen und Trinken beschäftigt wäre. (säm)

Anhören!
* My Piano

Im Netz:
* Homepage
* Indiepedia

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The National – Boxer

Ist das auch schon wieder über zwei Jahre her? The National haben damals mit „Alligator“ ein Album vorgelegt, das auf Anhieb gefiel – in seiner weinschwangeren Schwere der Musik und Texte, aber auch in seinem federleichten Songwriting. Jetzt haben The National zwei Jahre lang die Welt betourt und was ist passiert? Richtig, das einzig logische ist passiert: sie sind noch depressiver geworden.

„Boxer“ kreist thematisch um die Isolation, um gestrandete Menschen, die durch die dunklen Gassen namenloser Großstädte ziehen und in ihrem unscheinbaren, gebrochenen Gestus nicht einmal mehr von den eigenen Freunden erkannt werden. Das kommt also dabei heraus, wenn man die Welt betourt? Man verliert die Identität…?

Die Identität ist The National mitnichten verloren gegangen. Viel mehr gehen sie einen Schritt zurück: zwar kein Americana, aber Indie-Rock ist das auch nicht. „Boxer“ klingt vielmehr wie eine Version von „Alligator“, die man entfernt durch eine Milchglasscheibe hört. Das ist nicht besonders schmeichelhaft, aber leider Realität. „Boxer“ braucht lange, bis es zum Hörer vordringt. Dann aber kann es passieren, dass man durch Songs wie „Mistaken for strangers“ vereinnahmt wird. Das ganze Album schafft dieses Kunststück nicht. Schade. (Robert Heldner)

Anhören!
* Fake empire (hier)
* MIstaken for strangers (hier)

Im Netz:
* MySpace
* Homepage
* Indiepedia

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Voxtrot – Voxtrot

Wer sich in den letzten anterhalb Jahren auch nur sporadisch in den nordamerikanischen Blogs herumgetrieben hat, der wird beim Namen „Voxtrot“ schon lange nicht mehr an einen ungelenken Tanz denken. Und den Namen womöglich schon gar nicht mehr hören wollen, geschweige denn die dazugehörige Musik. Gottseidank aber siegt die Neugier dann doch. Denn was Voxtrot auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vollbracht haben, ist nicht mehr und nicht weniger als die amerikanische Utopie des perfekten, soliden Indie-Pop-Albums.

Das bedeutet zwar leider nicht immer besondere Originalität – und gewaltsame Ausbrüche darf man sich dann auch nicht erlauben. Aber wessen Musik mit Sicherheit im nächsten Zack Braff Film zu finden sein wird, dem kann besondere Exklusivität eh herzlich egal sein. Voxtrot machen mit ihrem Debüt genau das, was die Erfolgs-EP „Mothers, Sisters, Daughters And Wives“ (und ihr ungeheurer Underground-Status) schon angedeutet haben: ein rundes, funktionsfähiges Album. Der Hit „Raised by wolves“ ist nicht vertreten, dabei so grazile Smasher wie „Brother in Conflict“, dessen Orchestrierung genau so und genau da hingehört – inklusive empathischen Refrain.
Auch „The Future, Pt.1“ schmeichelt sich ein, schmiegt sich an und drückt einen mit Zeilen wie „You shift and sigh, do we live fully grown when we learn to cry?“ lächelnd in den Sessel zurück. Nach hinten raus lassen Voxtrot zwar Luft und auch Sänger Ramesh Srivastava klingt des öfteren zu gefällig. Insgesamt kann man aber nur staunen, dass die Band trotz des Trubels um sie herum ein so bodenständiges Album gemacht haben. (Robert Heldner)

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* Everyday (hier)
* Firecracker (hier)

Im Netz:
* Homepage
* MySpace
* Indiepedia

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