vonChristian Ihle 26.01.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Heinz Strunk veröffentlicht dieser Tage „Fleckenteufel“, das dritte Buch und nur wenige Wochen, nachdem „Die Zunge Europas“ das Licht der Welt erblickt hat. Wie viel Kalkül dahinter steckt, ist schwer abzuschätzen. Heinz Strunk will eben, das hat er früher schon gesagt, endlich mal „richtig abmelken“. Ein legitimes Ziel, vor allem bei einem solchen unverwechselbaren Humor. Die Romanfiguren Strunks sind verzweifelte Charaktere mit dem Hang zu schwerer Melancholie und einem beißenden Spott. Sie sind neidgeplagte Figürchen, die an der Welt kranken. Eine unsichtbare Grenze trennt sie von den Reichen und Schönen, den Glücklichen und Zufriedenen. Das besondere an Heinz Strunks Protagonisten: sie nehmen sich selbst nicht aus der Schusslinie. Gerade deshalb verdient Strunk mehr Beachtung, als ihm momentan zuteil wird. Welche Rolle spielt da schon ein öder Marketing-Trick…?

Popblog: „Fleckenteufel“ und „Feuchtgebiete“ werden gern in Verbindung gebracht. Nervt dich das?

Heinz Strunk: Das ist eine Marketing-Schiene. Das Cover ist ganz klar angelehnt an „Feuchtgebiete“. Im Hause Roche ist man not amused. Obwohl die das noch gar nicht kennen. Was mich so geärgert hat: ich habe zehn Jahre lang Pupsi-Wichsi-Kacki-Schwuli-Kotzikram als Hörspiele vertont und das irgendwann ad acta gelegt. Und als „Feuchtgebiete“ erschien, dachte ich: „Moment mal, eigentlich bin ich hier doch der Chef!“ Und dann habe ich mich hingesetzt und mein Buch geschrieben. Mit der festen Absicht, dass es, wenn es nicht gelingt, auch nicht veröffentlicht wird. Aber in vier Monaten war das Buch fertig, also wollte ich es auch veröffentlichen.

„Fleckenteufel“ erzählt wieder eine ähnliche Geschichte wie schon „Fleisch ist mein Gemüse“ und „Die Zunge Europas“: körperliche Unzulänglichkeiten plagen diesmal einen Teenager. Werden wir von dir irgendwann einen 1600 Seiten langen Alchemisten-Roman erwarten können?

Nö. Das kann man mir gern als Defizit ankreiden. Aber ich habe schlichtweg kein Interesse an sowas. Ich will nur über Sachen schreiben, die mit meiner Person zu tun haben. Ich hangel mich an meiner eigenen Biographie entlang. „Fleckenteufel“ erzählt viel aus meiner eigenen Jugend, von der ich noch viele diffuse Bilder im Kopf habe. Aber ein Buch wie „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, das werde ich nie schreiben können. Ich bin kein Berufsschriftsteller.

Die FAZ hat dir Wahrhaftigkeit attestiert. Gerade weil du fast nur über dich schreibst?

Weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls kein Problem damit, dass die Leser das mit mir assoziieren. Ich hoffe bloß, sie sind nicht peinlich berührt.

Du hast mal gesagt: „Hoffentlich wird „Fleisch ist mein Gemüse“ nicht mein persönliches „Fiesta Mexicana““. Hast du das Phänomen überwunden?

Ich will mit dem ganzen Thema nix mehr zu tun haben, ich fand den Film schon scheiße.

Mitten im Entstehungsprozess von „Die Zunge Europas“ hast du als Ziel die SPIEGEL-Bestsellerliste, Platz 1, ausgegeben. Damit hat es ja nicht geklappt…

Das ist mir auch während des Schreibens schon klar geworden. Das Ziel gab es, das muss ja auch legitim sein, aber es ist eben auch unrealistisch. Wenn man sich die Liste ansieht: da stehen Kinderbücher und Vampirromane an vorderster Front. Da kann man nicht damit rechnen, auf Platz 1 aufzutauchen. Mit dem Erfolg bin ich aber trotzdem zufrieden. Ich hoffe auf einen „Longseller“ wie mit „Fleisch ist mein Gemüse“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass „Die Zunge Europas“ und „Fleckenteufel“ in zwei Wochen total tot sind.

Deine Sprache hat Sound und Rythmus. Hast du den im Hinterkopf, wenn du schreibst?

Mir war vor „Die Zunge Europas“ völlig klar, wie das Buch klingen muss. Und das habe ich erst so gar nicht hinbekommen. Ich komme von der Musik, mir sind Metrik und Beat sehr wichtig. Ich versuche immer, einen gewissen Energielevel zu erreichen. So wie man früher Kinderbücher gelesen hat. Dass man einfach nicht aufhören kann zu lesen. So etwas geht mit dem Alter verloren, man quält sich oft durch Weltliteratur.

Hast du irgendwann den Überblick verloren? Du hast sehr lange an der „Zunge Europas“ geschrieben.

Fast 15 Fassungen habe ich gebraucht, bis das alles vernünftig zusammengeschraubt war. Aber den Überblick habe ich nie verloren, das lernt man mit der Zeit.

Mit dem Alter?

Ja, sicherlich. Mit Mitte 20 hätte ich nicht so schreiben können. Ist ja meistens so, dass Schriftsteller erst ab einem gewissen Alter und einer gewissen Lebenserfahrung wirklich gut sind. Bei Musik ist das genau umgekehrt. Wer mit 30 als Popmusiker noch nix gerissen hat, sollte es auch tunlichst bleiben lassen.

Wer ist auf die Idee für „Durch die Nacht mit H.P.Baxxter und Heinz Strunk“ gekommen?

Das war H.P.Baxxters Idee. Zumindest wurde er als erstes gefragt und konnte sich die Paarung dann mehr oder weniger aussuchen. Früher fand ich Scooter zum kotzen, das war fast so schlimm wie Modern Talking. Aber wie es eben immer so ist im Leben: Scooter sind zu einem Phänomen geworden. Man kann nur staunen, dass die in all den Jahren mehr als zwanzig Top 10 Titel geschafft haben. Das ist knallharte Arbeit. Und H.P. ist ein grundsolider, bodenständiger, anständiger Mensch mit der nötigen Distanz zur eigenen Musik. Somit war die Paarung perfekt. Wir haben uns schon fast ein bischen zu gut verstanden. Besonderes „Konfliktpotenzial“ hatten wir eigentlich nicht, das war eher Geplauder. Mit Peter Sloterdijk wäre das ein anderes Gespräch geworden.

Erstaunlich, dass Scooter mittlerweile vom Feuilleton so intellektualisiert werden…

…was ja völliger Quatsch ist. Sobald ein Phänomen einige Jahre überdauert, werden da Metaebenen hineingeheimnist. Wahnsinnig peinlich.

Deine Romanfiguren dürften auf Scooter ziemlich neidisch sein, oder? H.P. steht ja nun eindeutig auf der Sonnenseite des Lebens, wäre deine Protagonisten eher in ihren Depressionen gefangen sind.

Meine Figuren sind nicht depressiv, einfach nur unglücklich. Und Neid ist nun mal eine ganz menschliche Eigenschaft. Ich war auch lange Zeit ein sehr neidischer Mensch und konnte nicht nachvollziehen, warum mein Top-Humor unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Das fand ich ungerecht. Aber man kann dagegen ankämpfen, gegen die eigene Tristesse. Jeder Mensch hat die verdammte Pflicht, aus seinem kleinen Scheißleben etwas zu machen.

Wirst du mit Fantum konfrontiert? Quasi als Genugtuung?

Nein, in meinem Zusammenhang akzeptiere ich dieses Wort Fantum überhaupt nicht. Ich merke auf Lesungen, wenn ich Bücher signiere, wie klug, geistreich, nett und freundlich die Besucher sind. Die meisten sind auch recht jung – im Gegensatz zu mir, ich bin ja auch schon 46 Jahre alt – und die würde ich ja nie in die Fan-Ecke stellen wollen. So wie typische Tokio Hotel oder Rock-Fans. Unreflektiertes Angehimmel kann ich bei meinem Publikum nun gar nicht entdecken.

(Interview: Robert Heldner und Philip Bogdahn)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2009/01/26/jeder_mensch_hat_die_verdammte_pflicht_aus_seinem_kleinen_scheissleben_etwas_zu_machen_-_ein_gespraech_mit_heinz_strunk/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.