vonChristian Ihle 25.03.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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24. März 2009, Wire in Live At Dot, BerlinWire

Es ist immer irritierend, eine Band in ihren späteren Lebensjahren auf der Bühne zu sehen, die so untrennbar mit der Entwicklung eines Sounds verbunden war, der Jugend symbolisierte: Punk.

So auch heute die Post-Punk-Heroen von Wire. Die drei aus der Originalformation verbliebenen Briten ähneln deinem verdatterten Mathematiklehrer (Sänger Colin Newman), Wayne Rooneys Vater (Bassist Graham Lewis) oder gar dem Orakel von Twin Peaks (Drummer Robert Gotobed). Doch einen immensen Vorteil haben Wire im Gegensatz zu anderen Punkbands der End-70er wie beispielsweise den Undertones: ihr kompromissloser Art-School-Punk sprach schon immer den über 30jährigen Brillenträger mindestens genauso an wie den 16jährigen Bierflaschenindieluftrecker, wahrscheinlich sogar mehr. Und man kann sicherlich mit 50 Jahren „The time is too short but never too long to reach ahead / to project the image, which will in time become a concrete dream“ mit mehr Würde als „I wanna hold her tight / Get teenage kicks right through the night“ singen.

This is ’77, nearly heaven.

Wire touren im Gegensatz zu manch anderer Band aus dem damaligen Punkzirkus nur, wenn sie auch ein neues Album vorlegen, was sie schon einmal grundsätzlich außerhalb des Nostalgieverdachts stellt.
Die drei ersten, in rascher Abfolge zwischen 1977 und 1979 veröffentlichten Wire-Alben haben die Idee des Hardcore-Punk vorweggenommen („12XU“), den Art-School-Pop in die Punkzirkel gebracht („Outdoor Miner“) und somit Elastica und den frühen Blur eine Idee gegeben, wie sie klingen möchten, den Post-Punk gemeinsam mit The Fall und Gang Of Four auf immer definiert, FischerSpooners Idee von Electroclash inspiriert („The 15th“) und selbst die Laut/ Leise – Strukturen des Indie-Rock der 90er vorweggenommen („Mercy“ ist der beste Song, den die Pixies nie geschrieben haben). Wer nun in Reminiszenzen baden möchte, ist heute Abend dennoch fehl am Platz.

The pink flag was screaming.

Im neuen Berliner Club „Live At Dot“ spielen Wire nach geschlagenen 50 Minuten den ersten „Hit“ („The 15th“) und die erste Bühnenansage ist ein abschätziges „No Chance!“ als das Publikum seinem Wunsch nach „Outdoor Miner“ Ausdruck verleiht. Man fühlt sich an die Fehlfarben und Peter Hein erinnert, der ähnliche Zwischenrufe nach alten Lieblingssongs gerne mit einem „Ich bin nicht deine verdammte Jukebox!“ abbügelt.
Wenn Wire überhaupt aus ihren drei Kanon-Alben spielen, dann verlegen sie sich größtenteils auf das Debütalbum „Pink Flag“ und sparen vor allem das zweite, wohl der Perfektion am nähesten stehende Album „Chairs Missing“ aus. Doch die „Pink Flag“-Songs, die damals ob ihrer Präzision, Wucht und Schnelligkeit die Punkwelt auf den Kopf stellten, passen hervorragend zu der restlichen Setlist und Wire spielen genauer, härter und konsequenter als das eine Band 32 Jahre nach Veröffentlichung ihres Meisterwerks je dürfte.

Chairs Missing. Hits as well.

Wire spielen weder das geforderte „Outdoor Miner“ noch die Elastica-Vorlage „3 Girls Rumba“, auch nicht das von R.E.M. gecoverte „Strange“, keinen himmlischen Pop von „Map Ref 41°N 93°W“, ja nicht einmal ihren größten Song „I Am The Fly“ – lediglich zu einem brutalen „12 XU“ als Rauswerfer lassen sie sich hinreißen und absolvieren so ein gänzlich gegen die Erwartungen gebürstetes Konzert, das dennoch auf seine eigene Art überzeugt. Und letzten Endes sind Wire doch genau deshalb wieder einmal mehr Punk als all ihre in der Wiederholung früherer Gesten erstarrten Kollegen. (Christian Ihle)

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kommentare

  • Thanx, Herr Ihle, schön getroffen. Auch in Zürich atemberaubende Meisterklasse, und nie verstaubt. Ein einziger Fluss mit Störsignalen, ohne Flauten, grösste Überraschung vielleicht Two People In A Room. My God, They’re So Gifted!

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