vonChristian Ihle 20.04.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Da der gute Pete vor einigen Wochen etwas Frühjahrsputz im Songschatzkästchen machte und ältere Lieder als Soloalbum veröffentlichte, wollen wir nicht nachstehen und bringen einen ursprünglich im letzten Jahr für die „Persona Non Grata“ geschriebenen Text über Dohertys „Books Of Albion“:

Einen öffentlicheren Star als Peter Doherty hat die Welt nicht zu bieten. Seit seinen frühesten Ruhmestagen mit den Libertines lebt Doherty mit und in der Öffentlichkeit. Da scheint es nur logisch, wenn er nun seine Tagebücher in gebundener Form veröffentlicht – bei anderen Stars passiert derartiges gewöhnlich erst posthum, aber Doherty schert sich nicht darum, auch weil Narzissmus ein kaum weg zu diskutierender Charakterzug des Herrn mit dem Hut sein dürfte.

books of albion

Im Endeffekt ist es ja auch egal: wer so oft mit so viel Schnappschüssen, bewegten Bildern oder dank drastischer Augenzeugenberichte durch die Hölle der Sun und des Daily Mirror gewankt ist, den kann auch die Veröffentlichung der eigenen Gedanken nicht mehr schrecken.

Es geht Doherty auch bei den wunderbar prätentiös betitelten „Books Of Albion“ wieder um den Mythos – und dessen gleichzeitige Dekonstruktion. In der britischen Popgeschichte gab es lange, lange keinen Musiker mehr, der sich so sehr über die Welt, die er sich ausdachte und mit der er hausieren ging, definierte wie Doherty. Seine Idee eines Englands der Künstler und Freigeister, in dem jeder Keats und Blake liest, ungebunden aller Verpflichtungen sich entsagend lebt, einen innengerichteten Hedonismus eines Huysmans feiert und sich der Dekadenz wie dem Bohemeleben eines Pitigrilli-Charakters verpflichtet sieht, singt er nun seit 6 Jahren in die Welt der Realität hinaus und lässt sich kaum davon irritieren, dass die Dekadenz nur freudig verfolgt wird, weil sie entweder Stellvertreterkämpfe für das eigene traurige Leben (was Doherty wohl noch recht wäre) darstellt oder – schlimmer noch – dem Leser die Möglichkeit gibt, sich von „denen da“ zu unterscheiden. Der vorgeführte Wahnsinn des irren Rockstars ermöglicht dem bingedrinker und Wochenendkokser der Sun-Lesergruppe sich überlegen, sicher zu fühlen.

Die „Books Of Albion“ sind keine Chronik der Ausfälle, der Gefängnisaufenthalte und der Skandale. Drogenmissbrauch und das wilde, wilde Leben bilden natürlich die Grundlage dieser Bücher, aber wer sie der Skandalhaftigkeit wegen liest, wird enttäuscht werden. Für Doherty ist sein Leben ja natürlich, weshalb er sich weder damit bürstet noch verschämt andeutet.

Die „Books Of Albion“ bestehen aus handschriftlichen Doherty-Notizen und Einträgen, Gedichten und Kurzgeschichten, collagenhaften Seiten mit Zeitungsausschnitten, Fotos oder Eintrittskarten und geben Zeugnis von der Reinheit, die Doherty in seiner eigenen Welt empfindet. Das ist wohl das schönste, erschreckendste an diesem Buch: natürlich zweifelt Doherty nie daran, dass sein Weg der richtige sein könnte, weil er nicht einmal sieht, dass es für ihn einen anderen gäbe. Er ist nicht – wie bei den meisten dem Drogensumpf anheim gefallenen Stars – der unschuldige Junge, der sich der Schönheit des Moments nicht mehr erwehren kann, der von den ständigen Angeboten, dies und das zu nehmen, verlocken lässt. Es ist seine Definition wie er leben möchte, ein intuitiver Gegenentwurf zu einem Leben, das Zufriedenheit aus Pflichterfüllung zieht. Die von Altbundeskanzler Helmut Schmidt einst geforderten „Sekundärtugenden“ von Pflichtgefühl bis zu Berechenbarkeit will er nicht anbieten (oder mit Lafontaine gesprochen: ein KZ könnte dieser Mann nicht leiten).

Diese in Interviews oftmals beinahe zur Karikatur verkommene Welt „Arcadia“, zu der er mit dem stolzen Schiff „Albion“ reisen möchte und alle mitnehme, die wirkliche Freigeister, Libertines, sind – sie ist keine Geschichte, die er der Presse erzählt, sondern, so unglaublich das auch klingen mag, bereits in den pre-fame-Zeiten die einzige Welt, in der er sein möchte. Gelebter Eskapismus.

Ihre größte Stärke haben die „Books Of Albion“ deshalb gerade auch in den ältesten Einträgen, die von 1999 datieren. Doherty als 19jähriger, der noch nicht einmal weiß, ob seine Band denn nun Libertines heißen soll, geschweige denn Songs aufgenommen hat – von einem Plattenvertrag, Fans und NME-Jubel gar nicht zu reden!

Wie sehr er jemand sein möchte wird in einem der ersten Einträge klar. Er schreibt über den Zustand der britischen Popmusik 1999 (die auch zu jener Zeit an Traurigkeit kaum zu überbieten war), kritisiert die lahmen, letzten Ausläufer von Brit-Pop, um sich sehnend an The Smiths und die Stone Roses zurück zu erinnern, die – bevor Oasis die Lad-Rock-Phase über das Land brachten – das Refugium der belesenen Indieboys waren, die über Keats, Yeats oder Jackson Pollock am liebsten in Oscar Wilde Zitaten reden wollten und sich über diese Welt selbst definierten.

Es ist ein berührender Gegensatz zu den üblichen „wir sind die beste Band der Welt“ – Aussprüchen, die Oasis und Kollegen zur damaligen Zeit von sich gaben, wenn Doherty im Februar 1999 schreibt:

„I want to have a crack before I outgrow this youthful urge to be worshipped, this need to fill a ladder on English Pop’s evolutionary chart. I have a band (almost) and the spirit of the Albion enthuses it. A not quite ideal CD has been cut, and a live performance seems fairly imminent. I want somebody, somewhere to feel it in his heart to defend himself (at the threat of violence) in his belief that ‚The Libertines‘ (or whatever we call ourselves) are perfection & beauty personified.“

Eine Band bei angedrohter Gewalt zu verteidigen, weil sie perfection & beauty personified ist – das ist nicht der Traum vom schnellen Leben auf der Überholspur, dem Celebritydasein, dem Geld, den Drogen. Es ist der tiefe Wunsch, jemand sein zu wollen.

Drei Jahre später veröffentlichten die Libertines dann ihre Debütsingle und was in den Folgejahren geschah, ist das erstaunliche: Doherty und seine Band wurden tatsächlich zur ersten Band seit den Smiths, die mit ihren Anhängern eine eigene Welt schufen und dort die Schönheit im Scheitern zelebrierten, was natürlich auch wieder einer romantischen Verklärung unterliegt, denn all den Irrungen und Wirrungen, die letztendlich zum Scheitern führen, liegt ja ein unkontrollierbarer, besorgniserregender Drogenmissbrauch zu Grunde. Der NME schrieb über den Gegensatz der Oasis-Zeit zur Libertines-Ära, Dohertys Songs wären voll von „teary-eyed, blood-stained magical whimsy that made Shakespeare readers of a generation of Oasis fans“.

Neben den Schriften, in denen er selbst die Popwelt reflektiert, sind die „Books Of Albion“ eine Gelegenheit, einem Songwriter bei der Arbeit über die Schulter zu blicken. Ebenfalls 1999 findet sich schon ein erster Entwurf des Songs „Music When The Lights Go Out“, der sich fast unverändert fünf Jahre später auch auf dem zweiten Libertines Album wiederfinden wird. Eine ganze Menge unveröffentlichter Songs und Gedichte sind zu lesen, die Entwicklung anderer Lieder, verworfene Ideen… und übergangslos schreibt er Geschichten aus seinem Leben auf, wie den Moment als ihm seine damalige Freundin eröffnet, dass sie von ihm schwanger sei. Er zweifelt als 19jähriger an der Verantwortung, die ihm damit ungefragt übertragen wird – nur um eine Seite weiter von beinahe absurd romantischen Spaziergängen durch das nächtliche London mit einem gänzlich anderen Mädchen zu schreiben. Die Stetigkeit, sie war noch nie Dohertys Freund.

Diese Einblicke in das sprunghafte Wesen Dohertys in der unschuldigen Zeit vor dem Ruhm führt tatsächlich dazu, dass sein heutiges Verhalten verständlicher wird. Und das ist angesichts der Dohertyschen Unsäglichkeiten der letzten Jahre für ein Buch eine erstaunliche Leistung.

(Christian Ihle)

Weiterlesen über Doherty:
Teil 1: Time For Heroes, Anfang 2005
Teil 2: Up The Bracket, Oktober 2002
Teil 3: The Gang Of Gin. And Milk., April 2006
Teil 4: Why Did You Break My Heart?, Mai 2006
Teil 5: Anywhere In Albion, September 2006
Teil 6: König wider Willen, Februar 2007
Teil 7: Das Ende des Konjunktivs, Oktober 2007

Plattenkritiken:
* Peter Doherty – Grace/Wastelands
* Peter Doherty – Last Of The English Roses EP
* The Libertines – Best Of
* Babyshambles – Shotters Nation

Im Netz:
* Indiepedia
* Homepage
* MySpace

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https://blogs.taz.de/popblog/2009/04/20/peter_doherty_books_of_albion_/

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kommentare

  • Du hast erst nach einigen sehr haarsträubenden Wendungen bezug auf Dohertys Genialität genommen.
    Ansonsten leider nur Quatsch geschrieben.
    Du stellst den Glauben an seinen Traum, den übrigens einige Menschen mit ihm teilen, in frage.
    Du solltest dich lieber mal fragen, was, wo, wann und warum bewegt hat so zu denken, und ob es vielleicht nicht die richtige Sichtweiße ist?!
    Zumindest ist es humaner, emotionaler und weitsichtiger.

    Die meißten Menschen wandern durch ihr Leben wie durch einen dunklen Wald, aber die wenigsten bleiben stehen und lassen die süßliche, destruktive, schöne, magische aber dunkle Kraft auf sich wirken und genießen den Moment, auch wenn er noch so destruktiv ist.
    Den dieser Moment ist keiner der traurigen.
    Er ist lange nicht so traurig, wie durch eine belebte Stadt zu laufen, und fast jedem Menschen ins Gesicht zu blicken, einer engstirniger wie der andere und alle voll, voll von ihrem Leben, voll von anderen Geistern, die sie rastlos jagen.
    Die Gesellschaft und die Medien müssen verrückt sein Herrn Doherty’s Traum nicht in einer gewissen Hinsicht zu teilen.

  • hey, herr Christian Ihle! du bist mir aber einer;)
    dem liebsten peteR Narzissmus nachzusagen ist lustig! glaubst du wirklich, dass seine hände dafür sprechen???

    von Eskapismus zu reden, empfinde ich als „Schubladendenken“! meiner ansicht nach ist er der realität sehr bewusst!

    du, christian, kannst dich wohl nicht ganz entscheiden ob du nun positiv oder negativ über ihn schreiben magst!?! was denn nun? deine ganz persönliche meinung würde ich gerne mal wissen!

    bis mal?
    vera
    natürlich ist kein mensch perfekt. dennoch muss ich sagen, das mir alleine nur seine stimme viel sagt.

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