vonChristian Ihle 05.12.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Peter Doherty, Übel & Gefährlich Hamburg, Kesselhaus Berlin, Dezember 2009

So viel wurde in Dohertys Münchenauftritt und der Äußerung jener vier Worte hineininterpretiert, skandalisiert und ein Blitzkrieg im Wasserglas entfacht, dass es wohl auch nur zwangsläufig ist, dass Doherty seinen letzten Tourauftritt hierzulande mit dem Wedeln einer Deutschlandflagge beendet. Doch dazu später mehr.

Zunächst: ist man ein klein wenig vertraut mit Doherty und seinem Umfeld, so wirken die zwei am häufigsten genannten Gründe für „Deutschland Deutschland über alles“ eher absurd. Dass Doherty weder eine „Nazi-Hymne“ noch eine „Hymne an Hitler“ gesungen hat – wie Zeitungen schrieben – hat der Kollege Erk in dem wohl bisher klügsten Artikel zu der ganzen Chose schön aufgezeigt. Dass es desweiteren eine gewisse Absurdität in der Argumentation beinhaltet, Doherty implizit vorzuwerden er sei a) Nazi oder b) wollte den Allmachtsanspruch, den Wunsch nach Weltbeherrschung der Deutschen affirmativ besingen (was ja ein Kontext wäre, der jene vier Worte tatsächlich unentschuldbar machen würde), sollte jedem bei kleinem Nachdenken klar werden.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=4jkfinun_Q0[/youtube]
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Dass Doherty so gesteuert wird, schön ein Skandälchen für die Tour zu produzieren, muss man bei vager Kenntnis des Doherty-„Managements“ und seiner Betreung (leider) auch verneinen. In der ganzen an Ereignissen reichen Geschichte Dohertys war noch kein einziger gezielt provozierter Skandal dabei. Die traurige Wahrheit lautet viel mehr: der Mann ist ein Junkie, sein gesamtes selbstgewähltes Umfeld über die Jahre ebenso in Drogen verbandelt. Manche haben scheinbar den Absprung geschafft (Carl Barat – über den Pete sang „you gave me my first pipe anyway“), andere sind in der Londoner Szene als Crack- und Heroin-Dealer bekannt (ehemalige (?) Manager beispielsweise), von den Musikerkollegen ganz zu schweigen. Dazu fürchte ich, dass selbst einem eher belesenen und interessierten Menschen wie Doherty die Befindlichkeiten und Veränderungen der deutschen Nationalhymne nicht in der Tiefe bekannt sind, wie wir das hierzulande voraussetzen – vielleicht spricht aus dem Voraussetzen dieser Kenntnis auch der etwas unangenehme Subtext, dass sich doch jeder so sehr für Deutschland interessieren müsste, um jene Befindlichkeiten zu kennen. Dass Deutschland eben immer noch Nabel der Welt ist. Ich glaube nicht.

Doch genug zu dem unendlichen Thema an dieser Stelle. Eric Pfeil berichtete schon vom Kölner Konzert auf eine Weise, die treffender nicht sein könnte (bitte lesen!). Die von mir besuchten Hamburger und Berliner Konzerte unterstreichen seine Analyse. Es ist gerade die Zerbrechlichkeit, das Spontane, der Wille sich selbst und die eigenen Songs völlig skeletar zu präsentieren und all das Fleisch, all die Muskeln, die sonst auf den gitarrenkrachenden Platten der Libertines oder Babyshambles den Songs ihre Wucht verleihen, wegzulassen, die diese Auftritte so außergewöhnlich machen. Im Grunde ist Doherty trotz anhaltendem kommerziellen Misserfolg immer noch zu groß, um seine Songs angemessen präsentieren zu können – dieser Songwriter, diese Lieder, sie gehören weder in einen Flugzeughangar (Berlin Festival) noch in große Veranstaltungsräume wie das „Übel & Gefährlich“ in Hamburg, sondern in den Pub nebenan, in das Wohnzimmer des Freundes.

Dass es Doherty dennoch gelingt, ein unvoreingenommenes Publikum in seinen Bann zu ziehen, liegt weder an seinen Gitarrenfähigkeiten noch an der Sangesperformance. Gerade letztere leidet sehr unter seinen gesundheitlichen Problemen. Er krächzt dieser Tage mehr als er singt. Aber gerade weil er seine Songs in dieser Offenheit darbietet und sich nicht scheut, Angriffsflächen en masse zu bieten, zeigt er auch die Größe des Songwritings auf. Dass die meisten seiner Lieder eben selbst in der denkbar schlechtesten Ausgangslage mitreißen und einen Nerv treffen, wie es kaum ein anderer Songwriter von der Insel in den letzten zehn Jahren vermochte.

Wunderbar an Dohertys Konzerten ist immer die Beliebigkeit der Setlist. Er präsentiert keineswegs sein aktuelles Album, sondern spielt sich nach Lust und Laune (und Zuschauerwünschen) durch seinen immensen backcatalog. Wie viele große Lieder er bereits geschrieben hat, fällt auf, wenn er in Hamburg beispielsweise „Time For Heroes“, „Albion“ und „Killamangiro“ – drei seiner besten Songs – weglassen kann oder im Berliner Kesselhaus tatsächlich selbst auf „Fuck Forever“, das eine große Konsenslied, das er bis heute geschrieben hat (und das leider auch seine Fangemeinde um eine manchmal unangenehme Ecke erweitert hatte), verzichtet. Dafür werden b-Seiten aus alten Libertines-Zeiten („Mockinbird“ in Hamburg) ebenso wie Albumtracks („The Good Old Days“, Berlin und Hamburg) gespielt oder gar unveröffentlichte alte Demos aus dem Schrank mit den Libertines-Uniformen gezogen. Letzteres benutzte Doherty in Hamburg dann auch noch für einen schönen Diss den Münchener Fans gegenüber, die ihn mit Kettcarrufen zum „Deutschland über alles“-Singen „provozierten“: „The next song is for those shitty Kettcarfans a couple of days ago – Hooligans On E…“.

War das Hamburger Konzert gut, wurde das Berliner zu einem Ereignis. In deutlich besserer Form als am Tag zuvor, endlich einmal ohne Hut auftretend, zeigte sich Dohertys große Spielfreude. Allein dass er die Boulevardhysterie um seinen „Nazi-Fauxpas“ aufnahm und mit einer Deutschlandflagge auf die Bühne kam sowie spontan in eine kleine Hitlerparodie abrutschte, hatte bei dieser Vorgeschichte schon eine Souveränität, die man so nicht erwarten konnte.
Die Setlist in Berlin war über seine eigenen Songs hinaus noch mit Coverversionen von „April Skies“ (den Text auf den eigenen Arm geschrieben und während des Songs ablesend) von Jesus & The Mary Chain und „Another Girl Another Planet“, der großen Heroinhymne der Only Ones, zusätzlich aufgebessert. „Delivery“ als erster Song zeigte noch einmal exemplarisch auf, warum eigentlich in Doherty solo das Geheimnis steckt:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=5QEbqV1cUAc[/youtube]
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Während die mit den Babyshambles aufgenommene Version von „Delivery“ ein etwas zu breitbeiniges Quasicover der Kinks wurde, ist seine Solodarbietung wie das frühe Demo des Songs und streicht wieder die Verletzlichkeit seines Textes hervor („Oh now what use am I to anyone / I’m fucked, forlorn, frozen beneath the summer“) aber auch seine Hoffnung auf Eskapismus, auf die bessere Welt, in der man all die Selbstzweifel wegfeiern, -lieben und -trinken kann („Where all you skins and mods you get together / Make pretend it’s 1969 forever / Find a girl, have a drink, have a dance and pray“). Und hier, im Willen zum bedingungslosen Eskapismus, der bei ihm keine Denkfigur bleibt, liegt auch das ganze Problem des Peter Doherty. The boy kicked out at the world / the world kicked back a lot fucking harder now:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=_tUj7uYB2XA[/youtube]
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Weiterlesen über Doherty:

Teil 1: Time For Heroes, Anfang 2005
Teil 2: Up The Bracket, Oktober 2002
Teil 3: The Gang Of Gin. And Milk., April 2006
Teil 4: Why Did You Break My Heart?, Mai 2006
Teil 5: Anywhere In Albion, September 2006
Teil 6: König wider Willen, Februar 2007
Teil 7: Das Ende des Konjunktivs, Oktober 2007
Teil 8: Narziss und Goldkind, Juli 2009

Konzertkritiken:
* Pete – wie es wirklich war (München 2009)
* Pete Doherty solo in Berlin (Berlin 2009)

Plattenkritiken:
* The Libertines – Best Of
* Babyshambles – Shotters Nation
* Peter Doherty – Grace/Wastelands
* Peter Doherty – Last Of The English Roses EP

Buchkritiken:
* Peter Doherty – Books Of Albion

Im Netz:
* Indiepedia
* Homepage
* MySpace

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https://blogs.taz.de/popblog/2009/12/05/two_days_doherty_was_bleibt_nach_der_hymne/

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kommentare

  • Mein erster Online-Kommentar ever ist ein ganz großes Kompliment für diesen toll geschriebenen Blog.
    Hab noch nie einen so treffenden und zudem vielerseit bereichernden Artikel über ein Peter Doherty Konzert gelesen!
    Dankeschön!

  • Gerade eben (ja, gegen drei Uhr morgens) habe ich einer Freundin bemängelt, wie wenig das bisher Gelesene zu dem (in Berlin) Gesehenen doch gepasst habe.
    Es ist schön, dass es das taz popblog gibt. Kompliment, mal wieder.

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