vonChristian Ihle 15.02.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Werner Herzogs Cave Of Forgotten Dreams

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=oZFP5HfJPTY[/youtube]
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1. Der Film in einem Satz:

The Descent mit dem besten Geschichtenerzählonkel der Welt.

2. Darum geht‘s:

In jüngerer Vergangenheit hatte der große deutsche Regisseur Werner Herzog wieder mehr zum Spielfilm zurückgefunden und vor allem mit seiner „Bad Lieutenant“-Variation für Aufsehen (und unseren Film des Jahres) gesorgt. Doch sein zweites Standbein ist bereits seit etlichen Jahren das Dokumentarfilmgenre und im Besonderen Naturdokus wie das atemberaubende „Close Encounters At The End Of The World“. Für „Cave Of Forgotten Dreams“ bekam Herzog die einmalige Erlaubnis in einer französischen Höhle zu drehen, an deren Wänden die ältesten Malereien der Menschheitsgeschichte zu finden sind, Malereien so empfindlich, dass selbst der Atem von Besuchern ihren Zustand gefährdet, weshalb die Chavet-Höhle hermetisch abgesiegelt ist und nur von einigen wenigen Wissenschaftlern betreten werden darf. Herzog steigt mit kleinem Team und 3D-Technologie in die Höhle hinab und bringt Bilder vom Beginn der Kunst, dem Beginn der Menschheit mit. Bilder, die keiner von uns je sehen wird. Endlich einmal ist der Einsatz von 3D-Technologie gerechtfertigt, weil die Höhlenmalereien eben die Struktur der Wände nutzen, so dass beispielsweise eine Felswölbung als Bauch eines Tieres in die Malerei integriert wurde.

Aber neben den faszinierenden Bildern gelingt Herzog immer wieder in Gesprächen mit Wissenschaftlern durch sein aufmerksames Nachfragen und die Kunst des bewussten Abschweifens eine Menschlichkeit aufblitzen zu lassen, die so eine allzu technokratische Perspektive verhindert. Ob ihm ein Wissenschaftler erzählt dass er eigentlich Zirkuskünstler war, ein Weiterer eher wenig überzeugend die Jagdtechniken der Neanderthaler vor der Kamera nachstellt oder ein Dritter gar in ein Bärenfäll gekleidet ihm auf einer Knochenflöte „Star Spangled Banner“ vorspielt, es sind diese kleinen Szenen, die herzogtypisch „Cave Of Forgotten Dreams“ über eine normale, wenngleich faszinierende Doku hinausheben. Und so kann auch nur ein Werner Herzog eine Dokumentation über Höhlenmalereien mit der Überlegung beenden, was wohl durch Atomkraft genetisch beschädigte Albino-Alligatoren über die vorzeitlichen Kunstwerke denken würden…

3. Der beste Moment:

Das meisterhaft absurde Ende, das Atomkraftwerke, Biosphären, Albino-Alligatoren und Höhlenmalereien verbindet.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer sich von der Faszination anderer anstecken lässt und mit Herzog auf die Reise gehen mag.

* Regie: Werner Herzog
* imdb

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The Advocate For Fagdom

1. Der Film in einem Satz:

Die Underground-Trash-Gay-Porn-Horror-Legende Bruce LaBruce und ihr küstlerisches Wirken.

2. Darum geht‘s:

Der kanadische Regisseur Bruce LaBruce dreht seit gut 25 Jahren Filme, die völlig singulär im Weltkino sind. Offen schwul, fast immer mit expliziten Pornoszenen, oft mit derben Gewalteruptionen die dem Horrorgenre entliehen sind (zuletzt vor allem dem Zombiegenre) – aber eben auch immer von einer Wärme und einem Glauben an den Außenseiter und die Erlösung durch die Liebe durchzogen wie einem ebenso laut kommuniziertem politischen Anliegen.
Bruce LaBruce ist der vielleicht letzte Anarchist des Kinos. Ob er in „The Raspberry Reich“ das Cinema Of Transgression von Richard Kern mit Jean-Luc Godards Agitprop-Filmen verheiratet oder in „Otto Or Up With Dead People“ den gay Che Guevara of the dead erfindet, immer versteht es Bruce LaBruce Grenzen zu überschreiten, anzuecken und dabei doch hervorragend zu unterhalten während er gleichzeitig politische Kommentare aussendet.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=koas4S0-bfo[/youtube]
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In dieser an Archivmaterial reichen Dokumentation, die über sechs Jahre gedreht wurde, äußern sich Brüder im Geiste wie John Waters, Harmony Korine, Richard Kern oder Gus van Sant mit aufrichtiger Wertschätzung über LaBruce‘ Werk, das Kunst und Trash, Anspruch und Unterhaltung, Porno und Romantik verbindet. Bruce LaBruce Anfänge mit seinem Fanzine „JD“, das Queercore mehr oder weniger erfand, werden ebenso ausführlich beleuchtet wie seine Auftritte als Co-Moderator der Fernsehsendung „Glenda & Friends. Hinzu kommt, dass die Interviews mit LaBruce mindestens ebenso amüsant wie seine Filme sind – eine der kurzweiligsten, unterhaltsamsten Stunden der Berlinale! „The Advocate For Fagdom“ ist eine Homage an unabhängiges Kino, an eine Idee von Independent, die sich auch 2011 noch nicht vereinnahmen lässt.

3. Der beste Moment:

Die Ausschnitte aus der „Glenda & Friends“ Fernsehsendung sowie die Interviews mit John Waters und LaBruce selbst.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer gerne zusieht, wenn jemand mit diebischer Freude und kindlichem Spieltrieb Grenzen überschreitet und dennoch Botschaften transportiert.

* Regie: Angélique Bosio
* imdb

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