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vonChristian Ihle 27.06.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Wenn ein Fußballprofi nach dem Ende seiner Karriere eine Biographie veröffentlicht, hat er normalerweise eine Weltmeisterschaft gewonnen (Franz Beckenbauer) oder wenigstens eigenhändig eine WM verloren (Oliver Kahn). Ansgar Brinkmanns größter Erfolg ist dagegen eine deutsche Jugendmeisterschaft mit selig Bayer Uerdingen.

ansgar brinkmann

Dass Brinkmann dennoch interessant genug erscheint, sein Leben erzählen zu dürfen, liegt daran, einer der oft vermissten „Typen“ im deutschen Fußball zu sein. Dass er dazu noch stolz seinen Spitznamen „Der weiße Brasilianer“ trägt und zu Zeiten, als die Zweite Liga noch unter dem Kosenamen „Klopperliga“ firmierte, spielerischen Glanz in die unwahrscheinlichsten Ecken Deutschlands brachte – Osnabrück! Gütersloh! – macht ihn tatsächlich zu einem bemerkenswerten Fall.

Aber sind wir ehrlich: der einzige Grund, warum Brinkmann seine Karriere in Buchform präsentieren darf, ist seine außergewöhnliche Eskapadenschlagzahl. Doch ist „Ansgar Brinkmann – Der weisse Brasilianer“ weit weniger sensationsheischend als man erwarten durfte. Mehr pflichtschuldig werden die Trinkepisoden abgehandelt, Brinkmann wird dabei nicht müde zu erwähnen, dass er im Gegensatz zu anderen (nicht immer namentlich genannten) Profis eher sogar einer der „Wenigtrinker“ war – nur scherte er sich nicht darum, die Konsequenzen in aller Öffentlichkeit zu tragen. Besonders erhellend und amüsant liest sich ein Exkurs eines ehemaligen Sportreporters aus Mainz, der Brinkmann bescheinigt, im Vergleich zu den Akrapovics der damaligen Mannschaft tatsächlich eher einer der ruhigen Spieler gewesen zu sein.

Brinkmanns Buch ist vielmehr eine Geschichte des Fußballs in den Niederungen der Provinz, ein wilder Ritt von Uerdingen über Münster und Verl nach Cloppenburg, bis er sich spät in seiner Karriere wenigstens noch die verdienten Bundesligaeinsätze in Frankfurt und Bielefeld erarbeitet. Brinkmann setzt mit seinem „Weissen Brasilianer“ den Heikko Glödes, Thomas Ziemer und Horst Ehrmantrauts, den vergessenen Helden der zweiten Liga, ein Denkmal. Einer Zeit, als die Kutten noch die Kurven regierten und Spieler weder Playstation noch Wellness-Lounge schreiben konnten.

Sprachlich befindet sich Brinkmanns Biographie, die Bastian Henrichs aufgeschrieben hat, auf recht schlichtem Niveau – auch wirkt die Zweiteilung des Buches in erstens chronologische Erzählung und zweitens Brinkmannexkurse zu Eskapaden und Profileben allgemein nicht glücklich, sondern wie eine künstliche Verlängerung.

Charme entwickelt „Der weisse Brasilianer“ dank Brinkmanns Charakter dennoch: die Geschichte eines Dickkopfs, der wieder und wieder gegen die Wand rennt, wenn sich ihm ein Peter Pacult oder Claus-Dieter („Pele“) Wollitz in den Weg stellen. Aber eben auch eines offensichtlich bodenständigen Typs, der im normalen Telefonbuch steht und nach einem Anruf auch mal zu einem Fan mit einem Bierkasten bewaffnet in dessen Garten zu Besuch kommt, wenn dort gerade von einer handvoll 18-Jähriger alkoholselig die Idee entwickelt wird, einen Brinkmann-Fanclub zu gründen.

So bleibt ein Buch, das für Fußballnerds alte Geschichten wieder aufleben lässt und an längst vergessene Gesichter erinnert, das aber weniger aufsehenerregend ist, als man erwartet hätte. (Christian Ihle)

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