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vonChristian Ihle 04.06.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Es sind zwei interessante Neuzugänge in der deutschsprachigen Fußball-Blog-Welt zu verzeichnen. Während die meisten Blogs dieses Genres einem Vereinsstammtisch (mit ähnlichem Niveau und ebensolcher Einseitigkeit) gleichen oder sich auf Kuriositäten beschränken (wie das unterhaltsame Blog Scudetto von Ben Redelings), damit aber mehr einer Youtube-Highlights-Show ähneln als ein textlich anspruchsvolles Programm bieten, haben sich mit „Dembowski ermittelt“ und „Spielverlagerung“ zwei für den deutschen Markt ungewöhnliche – und sehr unterschiedliche – Blogs etabliert.


dembowski


Das Dortmunder Blog „Dembowski“ ist dabei sicher das kuriosere, handelt es doch von den Erlebnissen eines „Ermittlers“ und von Lokaljournalisten der fiktiven Zeitung „Der Samstag“, bespricht dabei aber reale Gegebenheiten der Bundesliga und des Dortmunder Fan-Daseins. Dembowski hängt im Prekariat fest und in Eckkneipen ab, erduldet aber sein Leben mit Working-Class-Würde und Bier, viel Bier. Dass Dembowski im letzten Jahr aus seinem Dortmunder Revier in den Berliner Wedding umgezogen ist, passt wie die Faust aufs Auge, die es in den dortigen Bierquellen das eine oder andere mal geben kann. Hätte Jörg Fauser einen Roman über Fußball geschrieben, Dembowski wäre sein Mann gewesen.


Während also Dembowski dringend benötigten Witz in das Fußballgeschäft bringt, ist das hervorragende Blog Spielverlagerung eine ernste Sache. Hier wird, dem großen Vorbild Zonal Marking aus England nacheifernd, versucht, die Lücke in der deutschen Fußballberichterstattung zu schließen, die der Boulevard und das Fernsehen mit seinen vereinfachenden, populistischen Polemiken lässt und leider selbst das Fachmagazin Kicker nur unzureichend füllt: eine ernsthafte Betrachtung eines Spiels ausschließlich aus Taktikgesichtspunkten.


spielverlagerung


Sachverstand und statistikgetriebene Argumentationsketten sind die Grundpfeiler der Spielverlagerung-Text-Taktik und so stößt das junge, teilweise anonyme Autoren-Team in freie Räume vor, die von den Kollegen Kicker und – erst recht – Sport Bild nur unzureichend gedeckt werden. Sprachlich sind die Artikel manchmal etwas holprig, fehlt auch der Esprit, den die britischen Analysen bei Zonal Marking aufweisen (man lese zum Beispiel die dortige Analyse zum WM-Spiel Deutschland – England) und ist ein unbedingtes Grundwissen in Taktiktextschwurbelei unerlässlich, will man zwischen Falschem Neuner, inversen Flügelspielern und ballfernen Räumen nicht völlig die Orientierung verlieren.

Zum Start der EM hat das Spielverlagerung-Team nun einen bemerkenswerten Aufwand betrieben und veröffentlicht ein 200-Seiten-eBook mit Taktikanalysen zu jeder Mannschaft. Besonders gut gelingt Spielverlagerung dabei, den Blick von den zentralen Spielern und allerlei Aberglauben weg zu einer klaren, präzisen Taktikanalyse zu wenden. Als Beispiel sei die Analyse Dänemarks genannt: wo die großen Magazine den Dänen in der deutschen Gruppe meist wenig Platz einräumen und sich auf Deutschland, Niederlande und Cristiano Ronaldo konzentrieren, ist Spielverlagerung von der Spielanlage der Dänen begeistert und schwärmt von einem der taktisch bestgeschulten Teams der Endrunde.

Layout und Grafik weisen allerdings eher den Charme einer Diplomarbeit auf und die textlichen Schwächen sind trotz erstmaligem Einsatzes von Lektoren natürlich nicht gänzlich verschwunden, so dass das Spielverlagerung-Sonderheft sicher nicht zum angenehmen Schmökern vor dem Zubettgehen verleitet, sondern Tiefenanalysen in Taktikdeutsch bietet, die so weit von Stammtischparolen entfernt sind wie Dembowski von einem nüchternen Samstagnachmittag.


Das e-Book von Spielverlagerung kann für 6 Euro auf Amazon erstanden werden und rechtfertigt seinen Preis allein mit der Fülle an Analysen, die sonst auf dem deutschsprachigen Markt wirklich nirgendwo in dieser Tiefe zu finden sind – auch nicht im EM-Sonderheft des Kicker, das aber natürlich Bibel und Grundlage für alles bleibt.

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