vonChristian Ihle 11.06.2015

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:


Eine Nacht in Berlin, gone wrong:
140 Minuten in Echtzeit und einem einzigen (!) Take.


2. Darum geht‘s:


Die junge Spanierin Victoria lernt in einem Berliner Club die vier Einheimischen Sonne, Fuss, Blinker und Boxer kennen, mit denen sie die letzten Stunden der zu Ende gehenden Nacht verbringt. Die Fünf besorgen sich im Späti Bier, steigen auf Hausdächer, kiffen, quatschen und lachen. So weit so Berlin, heutzutag‘. Doch dann muss Boxer einen Gefallen einlösen, Fuss ist zu betrunken, um den Fahrer zu geben und so rutscht Victoria in eine Geschichte, deren Konsequenzen sie noch nicht einmal ahnen kann…


[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=qlG0nauf8fo[/youtube]


15 Jahre ist es her, dass Sebastian Schipper mit „Absolute Giganten“ einen Film über eine Nacht in Hamburg gedreht hat, der heute einen legendären Ruf besitzt wie kaum ein anderer heimischer Film der letzten zwei Jahrzehnte und Frank Giering zum ungewöhnlichen Idol einer ganzen Generation machte – oder zumindest von jenen, die mit „Absolute Giganten“ in Berührung kamen:

„Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

Danach arbeitete Schipper an zwei ordentlichen, aber an sein Debütwerk nicht heranreichende Filmen, so dass man nicht mehr geglaubt hätte dass er 15 Jahre nach „Absolute Giganten“ mit solch einem Wahnsinnsfilm zurück kommen könnte!





„Victoria“ erzählt die Geschichte einer Nacht in Echtzeit, dauert 140 Minuten und besteht aus einer einzigen (!) Einstellung, einem einzigen 140-minütigen Take. Der logistische Aufwand und die schauspielerische Konzentration, atemberaubend!

Aber natürlich wäre die „one take“ – Geschichte nur eine nette technische Spielerei, würde sie nicht so geschickt eine Funktion erfüllen. Denn durch dieses Echtzeit-Prinzip gelingt es Schipper, die Verwicklungen der Nacht so „echt“ zu erzählen, wie das in einem solchen Genre-Film über einen Einbruch und seine unerbitterlichen Folgen (denn nichts anderes ist „Victoria“ im Kern) nur gelingen kann.

All die Highs und Lows dieser Zwei Stunden Plus, die Freude, das Leben, die Tragik und der Tod, sie sind auch deshalb so nah und dicht, weil Schippers Kamera nie von den Figuren weicht, immer mittendrin ist – und weil die beiden zentralen Figuren Laia Costa (Victoria) und Frederick Lau (Sonne) fabelhaft spielen. Vor allem Laus Performance erinnert an den großen Frank Giering durch eine Natürlichkeit, die das Herz des Filmes ist. Eine der größten Schauspielleistungen im deutschen Film seit Jahren.


3. Der beste Moment:


Es ist wahrscheinlich der ruhigste Moment des Films, der aber entscheidend dafür ist, dass wir Zuschauer der Geschichte und den Entscheidungen Victorias folgen: wenn Victoria und Sonne kurz vor Ladeneröffnung in dem Café sitzen, in dem Victoria arbeitet, und eine Verbindung zwischen den beiden wächst, die weit über das Kennenlernen in einer Partynacht hinausgeht.


4. Diese Menschen mögen diesen Film:


„Victoria“ verlangt auch Geduld: eine Stunde lässt sich Schipper Zeit, um die vier Ostberliner Jungs und ihre Spanierin herumalbern zu lassen bevor eigentlich irgendetwas passiert. Danach wird „Victoria“ hektisch, hysterisch, spannend und, ja, auch anstrengend. Das alles gibt dem Film seine Echtheit und sein Leben, kann aber auch abschrecken.
Wer damit klar kommt, wird mit dem Spielfilmereignis des Jahres im deutschen Film belohnt.


* Regie: Sebastian Schipper
* imdb

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