vonChristian Ihle 14.03.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Wer (…) rabiate rechte Bürgerwut im Allgemeinen verstehen will, wer also verstehen will, wie in einer Gesellschaft antimoderne, antiwestliche, antizivilisatorische, fremdenfeindliche Gedanken ihren Platz finden und sich verbreiten, der muss Peter Sloterdijk lesen.
Das ist, zugegeben, nicht immer ein Vergnügen, denn Sloterdijk, der herrische Erzieher, betreibt Philosophie als Prügelstrafe. Er fordert Ergebenheit gegenüber seinen Prankengedanken. Er führt seine Seminare mit Sadismus. Er zwingt mehr, als dass er überzeugt. Er ist dunkel in seinen Worten und verschwommen in seinen Absichten, aber so lieben die Deutschen ihre Philosophen.

(…) wenn Sloterdijk jetzt von der Gefahr der Überrollung, der Flutung, der Invasion durch die Flüchtlinge spricht, dann klingt er zwar noch krasser und kriegerischer als jemand wie der AfD-Denker Götz Kubitschek, der in Bezug auf die Flüchtlinge von einem Rohrbruch spricht, den man erst mal reparieren muss, bevor man aufräumen kann. Aber es ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was Sloterdijk etwa 2010 sagte, als er im Höcke-Stil von der „Elendsfruchtbarkeit“ der arabischen Länder sprach und von „Kampffortpflanzungen“ – er sah darin eine „Bevölkerungswaffe“, „in den kommenden 20 Jahren“, prognostizierte er, würden „mehrere hundert Millionen junge Männer“ Europa überrennen.

Islamophobie also als Bindekitt eines Denkens, das schon lange wirkt wie eine Bauanleitung zum philosophischen Ständestaat, mit verschiedenen Kasten und Kulturen, die eine gemeinsame Humanität ausschließen, mit gönnerhaften Gesten statt Gerechtigkeit beim Steuersystem etwa, mit Verachtung statt Vertrauen in die Macht des Menschen.
Deshalb, so schreibt er in einem der schlimmsten Texte seiner gerade erschienenen Essaysammlung „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, müsse der Mensch durch „Zähmen, Züchten und Hüten“ zur „Domestikation“ gezwungen werden – am besten durch philosophische Zoodirektoren wie Sloterdijk, die wissen, was der Platz für jedes „Menschenjunge“ ist. (…)

Was aber geschah nun im 20. Jahrhundert? Auch hier ist Sloterdijk ganz in seiner Rolle als Poseur, Relativierer, Nebelwerfer: Erst stellt er eine Frage, die man im Grunde nur mit einem Wort beantworten kann, Auschwitz – und dann tänzelt er so lange um diese Frage herum, bis man die spezifische Gemeinheit seiner Antwort gar nicht mehr wahrnimmt oder wahrnehmen will. „Der spezifische Beitrag des 20. Jahrhunderts zur Neubeschreibung der conditio humana“, schreibt Sloterdijk, „ging von der Einsicht aus, dass die Kategorien der Evolutionstheorie nicht ausreichen, um Domestikationen zu beschreiben – weder bei Haustieren im Allgemeinen noch beim König der Haustiere, dem Menschen.“

Waren es also die Deutschen, die die Juden umgebracht haben – oder waren es Katzen, die Mäuse verfolgt und gefressen haben?

(…) In diesen wenigen Sloterdijkschen Gedanken ist so ziemlich alles enthalten, was seine Ausprägung findet in AfD-Rassismus, CSU-Autoritarismus und einem allgemeinen Schluss-mit-Menschenrechte-Egoismus. (…) Sloterdijk ist damit das „missing link“ zwischen enthemmtem Denken und enthemmter Wut, sein Projekt ist nicht Kulturpessimismus oder Apokalypse, sondern Restauration. (…) „vorkulturelle Reflexe“ sieht er nicht bei denen, die Häuser anzünden, sondern bei denen, die für Humanismus eintreten.

Das Problem bei all dem ist nun ein politisches, aber auch ein performatives: Sloterdijk hat eine ganze Karriere daraus gemacht, Wirklichkeit in Raunen zu verwandeln. Wer sich so der Wirklichkeitsverachtung hingibt, sollte sich von der Wirklichkeit fernhhalten. Wie soll man auch vernünftig über etwas reden, dessen Existenz man weitgehend verleugnet. (…) Er spricht hier als Gekränkter. Das erklärt auch seine Wut, das erklärt seine Sticheleien und seine Herablassung gegenüber seinen Kritikern. Wie narzisstisch muss man zum Beispiel sein, um die Diskussion über das, was man sagt, als Zeichen der „Entkulturalisierung“ zu bezeichnen?“

(Georg Diez bei Spiegel Online über den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk)


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kommentare

  • In einem Land ;
    Der Reichen und Richter,n!
    Diener,n und Neuliberalen Denker,n
    und die kopflosen Henkern!
    Sollte sich doch keiner wundern !
    wenn die MenschensVerachtung sich wiederholt.

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