vonChristian Ihle 11.04.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Jaja, eigentlich haben wir ja die Prämisse, in unserer Schmähkritik-Rubrik nicht allzu arg die leichten Ziele zu featuren, aber da die Echo-Verleihung Jahr um Jahr erstens ein Ärgernis sondergleichen ist (selbst wenn man sie gar nicht verfolgt, wird man ja von ihren Meldungen (Freiwild!) verfolgt) und zweitens auch bei vielen auf die schönste Art und Weise den Kamm schwillen lässt, sei hierfür (erneut) eine Ausnahme gemacht. Ein Best Of der Schmähungen der diesjährigen Echo Verleihung:


„Unter uns Popschnöseln sorgt schon die Liste der Nominierten für Heiterkeit. Album des Jahres: Santianos Von Liebe, Tod und Freiheit, Helene Fischers Weihnachten, Xavier Naidoos Sing meinen Song. Das Tauschkonzert Vol. 2 und Sarah Connor, geborene Sarah Marianne Corina Lewe. Für ihr Album Muttersprache hat sie schon einen Preis bekommen, wegen großer Verdienste um ihre Muttersprache. Die deutsche Unterhaltungsindustrie ehrt die deutsche Unterhaltungsindustrie. Echo ist der passende Name für diesen Exzess des Tautologischen, moderiert von der einzigen TV-Frau, die es auch als Illustrierte zu kaufen gibt. Im Unterschied zu den Papierkameradinnen Brigitte, Petra und Tina ist Barbara ein Weib aus Fleisch und Blut. Jedes ihrer Pfunde trägt Barbara Schöneberger als Pfund sogenannter Authentizität auf die Bühne. So ist sie zum Darling des gesunden Mittelstandsmenschenverstands à la Winfried Kretschmann aufgestiegen. Barbara repräsentiert den leutselig daherkommenden Normalismus, der mit einer Mischung aus Mitleid, Ekel und Verachtung hinabschaut auf das verzweifelte Karrierehungern der Heidi-Klum-Girls. Und auf die Kanakenjungs, die gern Germany’s next Bushido oder Germany’s next Özil wären – auf all die prolligen Versuche, dem absehbaren Lebenselend einen One-in-a-million-Aufstiegs-turnaround entgegenzusetzen. Den Echo fürs Lebenswerk bekommen die Puhdys. (…) Mein Favorit beim Preis fürs Lebenswerk 2017 wäre Pur, die Fantastischen Fünf des grün-schwarz schillernden, schwäbischen Post-Vokuhila-Kehrwochenrock. Gäbe es den Echo nicht, man müsste ihn erfinden. Nur Tatort, Bild und Bundesliga liefern so zuverlässig Informationen zur Lage der Nation.“

(Klaus Walter in Der Freitag)


„Es gab viele rätselhafte, beschämende, aber auch einige ekelerregende Momente mitzuerleben. Moderiert wurde der Abend von Barbara Schöneberger, die mit durchweg weit aufgerissenen Augen Witze wechselnder Qualität in die Menge brüllte. Auf besondere Heiterkeit unter den in den Messehallen versammelten Mitgliedern der Echo-Kritikerpreis-Jury (zu denen bis zum Donnerstag auch der Verfasser dieses Artikels gehörte) stieß der Umstand, dass der allen Beteiligten bislang unbekannte Sänger Joris für ein Album mit quälend biederem Bausparvertragspop namens „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ den Echo-Kritikerpreis erhielt. Nachdem der Bundesverband der Musikindustrie die Entscheidungen der Kritikerjury in früheren Jahren immer zu massenpublikumsunfreundlich fand und darum in der TV-Übertragung auf ihre Verkündung verzichtete, wurde 2015 die Jurysitzung abgeschafft, die Abstimmung anonymisiert und in diesem Jahr mit Joris nun erstmals ein Künstler gefunden, der so konturlos und weichgespült war, dass man ihn nicht nur in die Show hinein-, sondern dort sogar ein ganzes Lied singen ließ. Ein echter Fortschritt! Sollte irgendein Mitglied der Echo-Kritikerpreis-Jury tatsächlich für Joris gestimmt haben, bitte ich es darum, sich umgehend bei mir zu melden. Alle Juroren, die ich am Donnerstagabend noch sprach, wollten hingegen umgehend ihren Rücktritt von diesem Amt erklären.
In der Kategorie „Rock/Alternative National“ wurde schließlich die italienische Band Freiwild ausgezeichnet, wofür deren Sänger Philipp Burger sich in der ihm eigenen Mischung aus weinerlicher Opferpose und Aggression gegenüber einer ihn angeblich unterdrückenden Gutmenschengesellschaft bedankte. (…) Vor drei Jahren wurde der Auftritt von Freiwild noch dadurch verhindert, dass einige andere Gruppen und Künstler für diesen Fall mit ihrem Fernbleiben drohten. Inzwischen ist der drohend-nationalistische Ton der Freiwild-Musik („Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land, / das unsere Heimat ist“) so unübersehbar in der Mitte der Gesellschaft angelangt, dass die Echo-Verantwortlichen sich offenbar zu diesem Kotau vor dem Soundtrack von AfD und Pegida genötigt fühlten.
Keiner von den honorigen Künstlern in der ersten Reihe des Echo, die sich sonst als weltoffen und emanzipiert geben – weder Udo Lindenberg noch Peter Maffay – hat an diesem Abend dagegen protestiert. Bis auf ein paar Buhrufe im Publikum passierte nichts. So konnte man bei dieser Echo-Verleihung immerhin noch einmal erleben, in welcher Geschwindigkeit sich unser Land gerade verändert.“

(Jens Balzer in der Berliner Zeitung)


„Viele Teilnehmer traten auf, als wären sie kurz vor der Sendung aus dem Tiefschlaf geweckt und dann fünf Minuten zu früh auf die Bühne geschubst worden. (…) Helene Fischer, die in der ersten Reihe saß wie eine Königin aus „Game of Thrones“, der bei einem Bankett alle Komplimente machen – O-Ton Gregor Meyle: „das fleißigste Bienchen der deutschen Musikindustrie“ -, damit ihnen nicht der Kopf abgeschlagen wird. (…) „Lasst uns das Album worshippen, solange wir noch können“, sagt Smudo, bevor er den Echo für das Album des Jahres an Helene Fischer verleiht. Als Motto funktioniert das für die ganze Veranstaltung: Ein schläfriger Ball auf dem Schiff der Musikindustrie, das schon längst gegen den Eisberg geprallt ist und trotzdem einfach nicht untergehen will.“


(Fabian Wolff bei Spiegel Online)



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