vonChristian Ihle 18.01.2017

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Wenn der deutsche Holocaust-Forscher dank der französischen Jüdin seine Potenzprobleme in den Griff kriegt: So schwer daneben gegriffen wie „Die Blumen von gestern“ hat schon lang kein deutscher Film mehr. (…)

Man merkt „Die Blumen von gestern“ an, dass er gern auf eine so witzige Weise neurotisch-verzweifelt wäre wie die klassischen Filme von Woody Allen. Nur fehlt es ihm dazu an handwerklichen Fähigkeiten. Die Dramaturgie des Films besteht aus dem öden, in Deutschland aber nicht unbeliebten „Komm her – geh weg“-Prinzip, sie tritt permanent auf der Stelle. (…) Das unplausible Verhalten bei Toto und Zazie begründet der Film durch das Borderline-Syndrom; beide seien doch durch ihre Familien „extrem gestört“, wie Zazie das nennt (die nach der ersten gemeinsamen Nacht mit Toto einen Selbstmordversuch unternimmt – Drama, Baby, ist klar). Für eine solche Disposition ist das stumpfe Buch – das zugleich Klassenkasper und Streber ist, also die ganze Zeit Witze machen will, nebenher aber mit aufgesagten Sätzen brav den Fortgang der Geschichte moderiert – aber so wenig empfänglich wie die holzklotzige Regie. (…)

Man könnte mit „Die Blumen von gestern“ Mitleid haben, weil das Können der Macher meilenweit von ihrem Wollen entfernt ist. Selbst die Schauspieler sind nicht gut: In dem Dardenne-Film „Das unbekannte Mädchen“ kann man gerade sehen, zu welch präzisem Spiel Adèle Haenel in der Lage ist. Hier kaspert sie als französisches Dummchen mit Brille rum, ohne dass man die Grade ihres Nervensollens sinnvoll unterscheiden kann. Liefers spielt nicht den Lackaffen, sondern jemanden, der weiß, dass er einen Lackaffen spielt. Und Eidinger nölt sich indifferent durch.

Alles an „Die Blumen von gestern“ ist schlimm, aber das Schlimmste ist sein Selbstbewusstsein – die Mischung aus moralischem Überlegenheitsgefühl und ästhetischer Stümperhaftigkeit dürfte einmalig sein. Der Film hält sich für besonders tapfer, weil er sich traut, wie es in solchen Zusammenhängen heißt, den deutschen Umgang mit dem Holocaust zu „ironisieren“ (Chris Kraus). Dabei ist es in der vorliegenden Form eher schamlos, eine Geste, in der sich Harald Schmidt vor 15 Jahren gefallen hat. (…)

„Die Blumen von gestern“ ist ein Film, in dem ein Enkel aus deutscher Täterfamilie sich aus seiner Nazi-Herkunft erfolgreich in die Holocaust-Forschung befreit, darüber aber nicht nur schlechte Laune bekommt, sondern vor allem impotent wird, wovon ihn dann die Enkelin einer jüdischen Opferfamilie heilt. Geschichtspolitisch betrachtet ist das lediglich die aktualisierte Version von „Die Mörder sind unter uns“ von 1946, wo die Holocaust-Überlebenden schon dafür zuständig waren, dass sich deutsche Täter nicht länger schlecht fühlen müssen. 2017 kriegen sie dankenswerterweise auch noch einen hoch.“

(Matthias Dell bei SpiegelOnline)

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kommentare

  • Sorry, aber ich fand ihn herausragend und ich habe herzhaft gelacht. Und die Schauspieler haben mich mitgerissen und beeindruckt. Bitte angucken und selber Meinung bilden!

  • Lieber Peter Rischard,
    man kann ja unterschiedlicher Meinung sein, und „gefrustet“ ist natürlich eine sehr originelle Zuschreibung, da sind Sie der erste, der diesen Verdacht hat. Aber wenn Sie schon gegenargumentieren wollten, dann argumentieren Sie doch mal. Und zwar mit Argumenten. Wo, bitte schön, habe ich das „das Scheitern der geschichtspolitisch korrekten Darbietung des Themas konstatiert“? Unterstellen Sie mir bitte nicht Sachen, die Sie sich zusammenreimen. Ich wüsste nämlich gar nicht, was das sein soll, „geschichtspolitisch korrekt“. Und Hammer auch Ihr Argument, dass keiner „Mörder sind unter uns kennt“. „Ein wichtiger Film mit einer großartigen Hildegard Knef“ – ah, ja, das agt noch mal was gegen meinen Hinweis, dass sich Kraus, der das lauthals verkündet hatte, nicht unterscheidet in seiner Darstellung gewisser Stereotype? Wenn Sie so Filme gucken, wie Sie Texte lesen und, äh, argumentieren, wundert mich nicht, dass wir verschiedene Sichtweisen haben. Bleiben Sie dran!

  • Es ist schon interessant, wie unterschiedlich Filme gesehen werden. Die Brille von Herrn Dell passt hoffentlich nicht allen Kinobesucher*innen. Mir jedenfalls nicht. Habe ich in einem anderen Film gesessen oder ihn nicht richtig verstanden oder eingeordnet, weil ich der Kritik von Herrn Dell nicht folgen kann? Mich hat er unterhalten mit seiner Vielschichtigkeit, den Brüchen, seinen Andeutungen und nicht zuletzt der schauspielerischen Leistung die ich gesehen habe. Für mich ist es erstaunlich, wie es die Potenzprobleme des Protagonisten in den Mittelpunkt der Filmkritik schaffen. Mich beschleicht beim Lesen das Gefühl es mit einem gefrusteten Rezensenten zu tun zu haben, der das Scheitern der geschichtspolitisch korrekten Darbietung des Themas konstatiert. Er gleicht dem Protagonisten, der mit seinem Konzept der Holocaust-Forschung persönlich scheitern muss. Ob es im Kunstverständnis von Herrn Dell „die“ korrekte filmische Umsetzung geben kann, muss offen bleiben. Er belässt es bei der verbalen Attacke. Dass „Die Mörder sind unter uns“ als Beleg für seine Kritik herhalten muss, erstaunt mich. Wie viele Leser*innen werden den Filmvon Wolfgang Staute wohl kennen? Ein wichtiger Film mit einer großartigen Hildegard Knef. Ich hatte einen unterhaltsamen Abend mit „Die Blumen von gestern“ im Kino. Wahrscheinlich zu Unrecht, weil mir das korrekte Verständnis fehlte. Sei´s drum, ich werde den Film weiterempfehlen.

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