vonChristian Ihle 20.07.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Nico, 1988“ ist eine Antibiographie. Regisseurin Susanna Nicchiarelli verschwendet keine Zeit, um uns Zuschauer einzunorden, wie „Nico, 1988“ von seiner Hauptfigur Christa Päffgen aka Nico – dem deutschen It-Girl der Warhol’schen Factory-Scene im New York der 60er und Sängerin des legendären ersten Velvet-Underground-Albums – erzählen möchte : gleich in der ersten Szene, ein englisches Radiointerview in den Mitt80ern, ist Päffgen schwer genervt von all den Fragen um die wilden 60er, den Anspielungen auf Velvet Underground, der Unterstellung, eine Muse – statt einer Künstlerin! – gewesen zu sein – und lässt das auf unmissverständliche Art ihren Interviewer spüren. Auf der folgenden Taxifahrt bekommt ihr neuer Manager die Grenzen aufgezeigt, als er den Fehler macht, sie mit ihrem Künstlernamen „Nico“ statt ihrem Geburtsnamen anzusprechen.

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Fünf Minuten im Film und wir wissen: this ain’t your usual hero-worshipping biopic, die Gier des Zuschauers nach den glamourösen 60ies wird nicht bedient werden. Die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm spielt Päffgen in großer Übellaunigkeit und in zum klassischen „Nico“-Bild kontrastierender Hässlichkeit, wenn Päffgen unleidlich bis unverschämt zu ihren Kollegen und Helfern ist.

So ist „Nico, 1988“ eine Geschichte über die Schwierigkeit, sich von der überlebensgroßen Geschichte der eigenen Jugend zu lösen und einen Weg in ein lebenswertes „Alter“ zu finden. Und natürlich die Frage, ob die Gesellschaft Frauen diesen Weg noch einmal zusätzlich erschwert. Dass „Nico, 1988“ dabei Päffgen nicht als die unschuldig Leidende zeichnet, sondern sie zu einem durchaus schwer zu mögenden Charakter herausarbeitet, ist ihm hoch anzurechnen. Die Menschen um Päffgen herum werden bei ihrer Suche nach einem glücklichen, eigenen Leben von ihr verletzt, bleiben als Kollateralschäden auf der Strecke.

So fällt wirkliche Empathie mit Päffgen schwer und sind es am Ende diese Nebenfiguren, die dem Film ein Herz geben, und die kühle, unbarmherzige Zeichnung seines zentralen Charakters überwinden.

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https://blogs.taz.de/popblog/2018/07/20/nico-1988-mit-trine-dyrholm/

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kommentare

  • Den Film werde ich mir anschauen. Nico hat mit „It Has Not Taken Long“ vom Album „THE END“ einen, wie ich finde, all-time-top-ten-song aufgenommen, die LP „THE MARBLE INDEX“ gehört ebenfalls in den erweiterten Kreis der besten Platten aller Zeiten.

    Trotz John-Cale-Unterstützung erfuhr sie jedoch nie eine breitere, angemessene Würdigung, sie tauchte lediglich auf Nerd-Playlists auf, vor wenigen Jahren coverten die späten Throbbing Gristle das komplette Album „DESERTSHORE“, ansonsten wurde sie im Wesentlichen auf das VU/Nico-Ding reduziert.
    Irgendwie tragisch.

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