vonChristian Ihle 23.11.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die berühmte „Weapons Of Mass Destruction“-Lüge von Colin Powell vor der UN-Versammlung ist sicher jedem ein Begriff, aber zumindest mir war nicht bewusst, dass bereits vor dieser Charade eine Britin ein geheimes NSA-Memo geleaked hatte, in dem die USA gemeinsam mit Großbritannien beschlossen, die anderen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat abzuhören und so deren Stimmen für einen Krieg gegen den Irak zu erzwingen. „Official Secrets“ widmet sich nun dieses Thematik und wird zum späten, wütenden Appell gegen den Irak-Krieg.

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Regisseur Gavin Hood gelingt vor allem in der ersten Hälfte seines Spielfilms gut, verschiedene Facetten der Irak-Krieg-Diskussion aufzufächern: Die Gewissensbisse der Geheimdienstmitarbeiterin, die zur Whistleblowerin wird – <und wie diese eine Entscheidung ihr Leben für immer verändern wird. Die Diskussionen in der Redaktion des linksliberalen „Observer“ (so etwas wie die Wochenend-Schwester des „Guardian“), die einerseits den Labour-Ministerpräsidenten Tony Blair unterstützen wollen, aber andererseits wahrlich keine Kriegstreiber sind. Die rechtlichen Implikationen, die eine Veröffentlichung eines Top-Secret-Dokuments nach sich zieht – und zwar insbesondere hinsichtlich des titelgebenden „Official Secrets Acts“, der dank einer Verschärfung unter Margaret Thatcher der britischen Regierung praktisch freie Hand gibt, sobald sie ein Dokument als Top Secret klassifiziert hat. Die (gesellschafts-)politischen Lager, die zwischen dem unbedingten Kampf für die Freiheit des Individuums und der „notwendigen“ Unterordnung des Bürgers zum Zweck des großen Ganzen positioniert sind.

Zudem kommt „Official Secrets“ zupass, dass seine Geschichte einige Unfassbarkeiten* bereithält, aber dennoch kaum bekannt ist. Eine „True Story“ über eine der großen politischen Verwerfungen unserer Zeit ist, deren Wendungen man dennoch nicht alle kommen sieht. Auch wenn mir gegen Ende, insbesondere in der abschließenden Gerichtsverhandlung, dann doch etwas zu sehr der Pathos-Eimer ausgeschüttet wird, zeigt „Official Secrets“ spannendes Polit- und Journalismus-Kino, das dem Spielberg-Film „The Post“ („Die Verlegerin“) sicher nicht nachsteht und mit Keira Knightley als mauerblümelnde Whistleblowerin eine überraschend vielschichtige (und überzeugend gespielte) Figur in ihrem Zentrum hat.

*SPOILER: selbst die nun wirklich unglaubliche Volte, dass der Observer das amerikanische NSA-Memo nicht 1:1 im Original abgedruckt hat, sondern von amerikanischer in englische Schreibweise änderte und dadurch dessen Authentizität angezweifelt wurde, stimmt tatsächlich, wie ich rechercherieren konnte.

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