vonChristian Ihle 13.01.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Eine Wrestling-Doku über Bret „The Hitman“ Hart klingt natürlich nach Trash, aber wie schon bei der 99er Doku „Beyond The Mat“ zeigt sich erneut, dass gerade Wrestling Geschichten zu erzählen hat, die in üblichen Sport-Dokus nicht zu finden sind. Treffend also, dass der deutsche Verleihtitel ausnahmsweise besser ist als das Original: „Die heimliche Wut des Catchers Hitman Hart“ klingt wie ein verlorenes Früh70er-Werk von Werner Herzog!

Das Spannende an „Wrestling With Shadows“ ist dabei weniger Bret Harts Lebensgeschichte, die der ursprüngliche Auftrag der Doku war – auch wenn zugegebenermaßen Bret Harts Biographie allein schon ihre Momente hat: sein Vater Stu ist einer der Mitbegründer des modernen Wrestlings und hat acht Söhne, von denen sieben Wrestler sind, der achte: Ringrichter. Bret Harts vier Schwestern heirateten ebenfalls alle Wrestler, darunter große Namen mit Jim Neidhart und The British Bulldog.
Sozusagen wie die Carter Family, nur mit nackten Oberkörpern!

Während „Wrestling With Shadows“ gedreht wird und eine normale Heroen-Biographie erzählen will, verändern sich aber auf einmal die Koordinaten im Wrestling und in Bret Harts Karriere. Die Platzhirsch-Vereinigung WWF gerät unter Druck durch die konkurrierende Liga WCW, weshalb der WWF-Chef Vince McMahon dazu übergeht, die Shows polarisierender zu gestalten. Sexismus, Chauvinismus und Natonalismus werden zu Standards erhoben, das Niveau sinkt und der Film gibt eine Vorschau auf das, was uns 20 Jahre später Trump bescheren wird. Als der Kanadier Hart aus der WWF aussteigt und Vince McMahon ihm – entgegen einer mit verstecktem Mikrofon im Film aufgezeichneten Zusage – den Titel wegnehmen lässt, eskaliert die Situation gänzlich.

Das Fasziniendere ist nun weniger die Enthüllung der Fakeness von Wrestling, was ja nur ein Allgemeinplatz wäre, sondern mehr dass „Wrestling With Shadows“ das Gegenteil gelingt, also eine Art Dekonstruktion der Fakeness schafft – hinter den abgesprochenen Ergebnissen und überzogenen Comic-Charakteren leben und arbeiten eben doch Menschen mit Würde, die verletzbar sind, und die von der übergreifenden Organisation wie Zirkusvieh behandelt werden.

So erzählt „Wrestling With Shadows“ auch etwas über den Kapitalismus und seinen Umgang mit „Human Ressources“, wrestlinggerecht verdichtet auf die Essenz, auf ein grelles 1:1. Beeindruckend.

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