vonChristian Ihle 03.03.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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BERLIN ALEXANDERPLATZ

Mit Bravur gescheitert. Sicher wird Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ seiner Vorlage von Alfred Döblin, der mächtigen, vielleicht größten deutschen literarischen Erzählung des 20. Jahrhunderts nicht gerecht. Besonders deutlich schmerzhaft wird das, wenn Jella Haase aus dem Off diese Döblin-Sätze spricht, die eine biblische Wucht mit Berliner Gossenschnoddrigkeit verbinden. Auch fehlt „Berlin Alexanderplatz“ kurioserweise ein Gefühl für Berlin als Raum, verkleinert Qurbani dieses Berlin trotz seiner epischen 180-Minuten-Erzählung und den Bildern im Cinemascope doch auf die Hasenheide und anonyme Ecken im Neonlicht, was aus meiner Sicht dem Anspruch von „Berlin Alexanderplatz“ entgegensteht. Ein Gefühl für Berlin vermittelt Qurbani schon gar nicht, die wenigen Berliner Mood-Momente wirken wie aus einem Touristenbuch zur ach so wild-diversen Berliner Partyszene, so klinisch kühl als würde gleich eine schwäbische Coverband das Moka Efti Orchester nachspielen.

Das zentrale Problem des Films ist aber, dass er die Dynamik von Francis „Franz“ Bieberkopf zu seinem Antagonisten Reinhold nie in den Griff bekommt, was umso schlimmer ins Gewicht fällt, da in Qurbanis Version die Franz-Reinhold-Verbindung – die wohl auch allegorisch für die Frage nach deutscher Schicht versus Migranten, nach Tigerkapitalismus versus gesellschaftlicher Solidarität steht – Dreh- und Angelpunkt des Films ist und im Gegensatz zu Döblins Roman die Beziehung von Franz zu Mieze in den Hintergrund drängt.

Bei all der Kritik gelingt Burhan Qurbani dennoch vieles, was sein „Berlin Alexanderplatz“ mindestens zu einem faszinierenden Fehlschlag macht, der mir allemal lieber ist als betuliches Deutschen-Kino. Qurbani wagt einiges, indem er seinen Francis zu einem schwarzen Migranten aus Bissau macht und so die untere Schicht aus Döblins Roman noch einmal neu definiert. Auch sind die Bilder groß und hat Welket Bungué in der Hauptrolle eine beeindruckende physische Präsenz. Jella Haase als Mieze überrascht mich zudem enorm, hatte ich sie bisher doch nur als „Fack Ju Göthe“-Chick wahrgenommen.

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

Naturalistisches Abtreibungsdrama um zwei 17jährige Mädels, die aufgrund der rechtlichen Regelungen vom pennsylvanischen Land nach New York reisen müssen, um dort die Abtreibung vornehmen zu können. So spielt „Never Rarely Sometimes Always“ auf einer zweiten Ebene beinah wie ein modern-depressives Abbild von „Midnight Cowboy“ – nur dass hier nicht New York selbst als Moloch die beiden Streuner verschlingt wie damals Jon Voight & Dustin Hoffman, sondern die gesellschaftlichen Strukturen der männlichen Machtausübung die beiden Frauen in einen Zustand der ständigen Unruhe und Unsicherheit versetzen (auch wenn es nicht unbedingt die xte Verletzung des „private space“ durch einen Mann gebraucht hätte, um dieses Thema zu unterstreichen. Hier verlässt Eliza Hittman ihre sonst so starke Reduzierung auf das absolut Nötigste).

Eliza Hittmans Film ist fein beobachtet und minimalistisch gesetzt – vieles wird nicht ausgesprochen, wenn auch Blicke genügen – und von den beiden Debütantinnen Talia Ryder und Sidney Flanigan ganz hervorragend nuanciert gespielt.
Klar einer der besseren Filme im Berlinale Wettbewerb.

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