vonChristian Ihle 01.09.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Man müsst nicht „Christopher Nolan“ drauf schreiben, um zu wissen, dass „Tenet“ nur von ihm sein kann. Mit diesem Zeitreiseactioner hat Nolan seine Markenzeichen so ausgebaut, dass man gespannt sein kann, was als nächstes kommt: die Parodie seiner selbst oder der Aufbruch zu etwas völlig neuem? Ich sag’s mal so: die erste Hälfte von „Tenet“, die sich noch nicht ganz im Zeitlinien-Hühott verliert, ist eine sehr aufwändig gedruckte Visitenkarte, die James-Bond-Reihe in eine neue Ära zu führen.

„Tenet“ kommt vor allem in seinen Action Set Pieces zu sich, die hier so gut inszeniert sind, wie Nolan es bisher nur in „Inception“ gelang. Es ist nicht nur die Überwältigung durch das Noch-nie-gesehene (das Nolan tatsächlich immer wieder schafft, wie vielleicht sonst nur Gaspar Noe), sondern diesmal auch die konzise Inszenierung innerhalb dieser Szenen. Es ist eine Klarheit in der Regie, durch die ich als Zuschauer weiß, wer wann wo ist und warum – bei aller bewussten Überforderung. Deshalb sind diese Action-Sequenzen für mich auch so stark, weil ich genau das zumeist bei Nolans Filmen in der Vergangenheit vermisst hatte.

Auch trifft er diesmal (fast) den richtigen Ton, beim Versuch seine Technik zu emotionalisieren. Während „Interstellar“ – bei allen Wahnsinnsbildern – vor allem an seiner Schmonzettenseite für mich scheiterte, ist die Dreiecksbeziehung von Kenneth Brannagh (als radebrechende Oligarchen-Karikatur), Elizabeth Debicki (als Eisengel mit gebrochenen Flügeln) und John David Washington (als Überagent mit sentimentalen Anfälligkeiten) ein geschickt aufs Kleine zurückgeführtes Herz der Geschichte, die ansonsten durch die Welt und ihre Zeit franst.

Allerdings, und das gehört bei aller mitreissenden visuellen Überwältigung auch dazu: Nolan wirkt immer noch wie der neunmalkluge Streber, der dem Publikum ständig vorführen möchte, wie klug er ist. Ich glaube – nach erster Sichtung – weder, dass „Tenet“ so clever konstruiert ist, wie Nolan meint, noch dass es innerhalb seines Worldbuildings wirklich logisch ist. Gerade im Vergleich zu einer meisterhaft konstruierten Zeitreisen-Serie wie „Dark“ fühlt sich „Tenet“ gehetzt erzählt an, angerissen und nicht zu Ende gedacht / formuliert, was seine innere Logik angeht. Nolan spürt das wahrscheinlich auch selbst, nicht umsonst lässt er eine Figur zu Beginn sagen: „Don’t try to understand it. Feel it.“

Das ist ohne Frage die richtige Standard Operational Procedure für „Tenet“, auch wenn dem Fühlen nunmal Nolans eher technokratisches Filmen entgegensteht. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass wir hier David Lynch beim Weltenentwerfen zusehen…

Trotz diesen kritischen Anmerkungen: „Tenet“ ist großes Blockbuster-Kino, das sein enormes Budget richtig einsetzt, und deshalb der genau richtige Film, um zu beweisen, dass Leinwände nicht durch Laptops ersetzbar sind.

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