vonChristian Ihle 08.08.2022

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die erste Dokumentation über die Punk-Explosion in England drehte der junge Wolfgang Büld bereits 1977, damals noch Student an der Münchener Filmuni.

„Punk In London“ profitiert von seinem Im-Moment-Status und ordnet nichts ein, sondern nimmt auf, was vor die Kamera fliegt. Laut Büld war er mit seiner Dreier-Mini-Crew für zwei Wochen in London für die Aufnahmen (The Clash Auftritt & Interview am Ende ist allerdings in München gefilmt): von heute eher vergessenen Gruppen wie The Lurkers und Chelsea über wichtige Bands wie The Adverts, Subway Sect und einem jungen prä-Dexys Kevin Rowland zu Lifeaufnahmen und Interviews mit Schwergewichten wie The Stranglers und The Jam bringt Büld aus seinen zwei Wochen Drehzeit einen faszinierenden Einblick mit. Und Hölle, was muss damals in London los gewesen sein, wenn das zwei Wochen widerspiegelt!

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Interessanterweise ist Punk für London zu diesem Zeitpunkt „schon“ 18 Monate alt und damit nicht mehr das junge, aufregende, utopistische Ding, das alles Alte von den Bühnen fegt. Es bilden sich bereits hier die bekannten Fraktionen heraus: die Traditionalisten (yes, nach 18 Monaten!) mit Punk-Uniform vs. derjenigen, die im Prinzip Punk immer die Auflehnung gegen die Tradition per se sahen (Vic Godard, Jean-Jacques Burnel und – zitiert – Johnny Rotten).

Wie Punk bereits in diesem frühen Moment sich selbst diskutiert, zeigt aber trotz aller Desillusionierung und teilweiser Verbitterung, dass diese Bewegung eben doch immer mehr war als nur Typen auf der Bühne, die kaum Gitarre spielen und noch schlechter singen konnten.

Einen dazu korrespondierenden, tollen Einblick in das Wesen von Jugendkulturen bietet zudem ein Interview mit den rocknrollhörigen Teddy Boys, die ganz dem Klischee entsprechend den Punks fehlende Männlichkeit vorwerfen und ihnen ein „good hiding“ geben wollen, wenn sie die nächsten mit Ohrringen und farbigen Haaren sehen. Die Rock’n’Roll-Traditionalisten können dabei aber ihren verletzten Stolz kaum überspielen, dass Punk nun das Neue, Wilde, Rebellische verkörpert, erkennen aber nicht, dass sie so zu ihren eigenen Eltern geworden sind.

Am Ende sind es aber naürlich die Impressionen, die „Punk In London“ ein so unverzichtbares Zeitdokument machen: der unfassbar gute Proberaumauftritt von Poly Styrene und X-Ray Spex mit „Oh Bondage! Up Yours!“, das Interview mit dem Lurkers-Bassisten auf dem schäbigen Wohnzimmersofa neben seinen Eltern und Rodent, der smarte und meinungsstarke Roadie der Clash, der konsequent alle Erwartungen erfüllt, um sie sofort wieder zu unterlaufen.

Es hilft wahrscheinlich, wie ich Punk-Fan/Archäologe zu sein, um diese Doku so richtig lieben zu können, aber Bilder, Bands und Sounds allein sollten auch für Halbbeleckte faszinierend genug sein.

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Auf Youtube ist „Punk In London“ ebenfalls legal & for free abzurufen:

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