Stammheim – Zeit des Terrors (2025, Niki Stein)
in der ARD Mediathek
Weder als Aufarbeitung der RAF-Eskalation noch als Charakterdrama überzeugend, aber dank seiner Grundgeschichte und dem manchmal wirklich fehlgeleiteten Willen, verschiedenste disparate Elemente in einen großen Mixer zu werfen, auf seltsame Art durchaus unterhaltsam – wenn das denn der Anspruch für einen Film über Stammheim sein kann.
Lilith Stangenbergs Gudrun Ensslin ist als einzige Figur überzeugend. Bei Bader tritt Regisseur Niki Stein in die alte Falle, ihn nur als rauchenden Macho-Trottel mit offenem Hemd und wallendem Brusthaar zu zeigen, was natürlich jegliche Faszination, die ja von ihm ausgegangen sein muss, für den Zuschauer völlig rätselhaft werden lässt. Die bizarrste Entscheidung ist wohl, Ulrike Meinhof als fetthaariges Mauerblümchen darzustellen, bei der weder ihr intellektueller Anspruch noch ihre Präsenz als wichtige Figur der radikalen Linken nachvollziehbar wird.
Will man irgendwie verstehen, wie und warum die 70er in Deutschland so waren, dann hilft „Stammheim – Zeit des Terrors“ noch weniger weiter als Uli Edels Hochglanzgangsterpistole „Baader Meinhof Komplex“ (beide übrigens mit Stefan Austs Mitwirkung geschrieben).
Hierzu bleibt immer noch der Blick von außen der Maßstab: „Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend“ des französischen Regisseurs Jean-Gabriel Périot. (6/10)
Der Tiger (2025, Dennis Gansel)
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Was wie „Das Boot“ in einem Panzer beginnt (und in seiner Begeisterung für den Weltkriegsfilmmeilenstein sogar soweit geht, mit dem tonnenschweren Kriegsgerät eine Tauchfahrt durchzuziehen), endet als Reise in die Fisternis und letztlich die erlösenden Flammen. Als „Apocalypse Now“ an der Ostfront, als phantasmagorischer Albtraum. Dadurch gewinnt Gansels Film doch noch mal eine zusätzliche Qualität, die ihn von einem nur gut gemachten Kriegsfilm abhebt und mehr überzeugt als noch zu Beginn gedacht. (7/10)
Cover-Up (2025, Laura Poitras & Mark Obenhaus)
Netflix
Ich weiß nicht so recht, warum ausgerechnet Laura Poitras wohl so etwas wie die neue Errol Morris geworden ist: eine politische Dokumentarfilmerin, die auch in Arthouse-Zirkeln hoch geschätzt wird (Hauptpreis in Venedig, Oscar, regelmäßig bei Sight & Sound platziert).
Denn wie schon ihre beiden großen Erfolge zuvor über Edward Snowden („Citizenfour“, noch ihr bester) und Nan Goldin („All The Beauty & The Bloodshed“) erzeugt auch ihr neuer Film über den Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh ständig das Gefühl, dass hier eine viel interessantere Geschichte versteckt wäre, würde sich Poitras mehr fokussieren und nicht immer zu viel in ihren Film packen. Im besten Fall kann man die vielen Themen in „Cover-Up“ noch als Statement in sich sehen, dass sich die Vertuschung der Autoritäten ständig wiederholen und Hersh eben immer wieder das nächste versteckte Fass aufmachen musste.
Aber war die erste halbe Stunde, als Hersh konzentriert von seinem großen ersten Coup erzählt – der Enthüllung des Massakers von My Lai während des Vietnamkriegs – nicht viel interessanter als die späteren Sprünge durch ein Hersh’sches Leben? (5/10)
Criminal Squad 2: Pantera (2025, Christian Gudegast)
Netflix
Auch die Fortsetzung von „Criminal Squad“ liefert solide Action, die viele der üblichen Fehler des Genres vermeidet. Keine allzu große Oneliner-Huberei, nicht zu viel Testosteron-Geschube, kein allzu behämmerter Plot.
War das Original von 2018 ein ziemlicher „Heat“-Rip-Off, der am Vergleich mit dem großen Vorbild natürlich scheitern musste, ist „Criminal Squad 2“ eigenständiger und hat als Centerpiece einen elaborierten Heist. Gerard Butler als charismatisches Rauhbein überzeugt so weit, dass man ihm selbst die innere Zerrissenheit als Undercover-Cop abnimmt, der sich fragt, ob nicht vielleicht doch die andere Seite seine natürliche Heimat wäre. (6/10)
Roofman (2025, Derek Cianfrance)
zur Leihe
Ein Feelgood-Film, der doch zugleich ein Feelsad-Film ist. Selten wurde ein Verbrecher warmherziger gezeichnet als in Derek Cianfrances „Roofman“, der die wahre Geschichte eines Einbrechers erzählt, der McDonald’s-Schuppen überfällt, später aus dem Gefängnis flüchtet, sich heimlich in einem Toys’R’Us einnistet und dort Spielsachen klaut, um sie an die Kinder einer nahegelegenen Kirche zu verschenken.
Channig Tatum verzichtet hier auf seine Sexsymbol-Ausstrahlung und gibt überzeugend in einer karrierebesten Performance den wohlmeinenden, auf die falsche Spur gekommenen Everyday Joe. Was „Roofman“ von einer Kleingangster-Geschichte abhebt, ist die durchwegs berührende Sehnsucht nach einer Familie, die Tatums Charakter durch den Film leitet. Vom Versuch, seinem eigenen Kind einen schönen Geburtstag zu bereiten und dafür in McDonald’s-Filialen einzusteigen, bis zur körperlich spürbaren Enttäuschung, wenn durch die folgende Inhaftierung seine Familie den Kontakt abbricht. Diese Telefonate schmerzen wie nichts anderes in diesem Kinojahr und begründen zugleich die zweite Hälfte des Films, wenn das Sehnen nach einer Ersatzfamilie sowohl Diebstahl wie die letztliche Dummheit, die zur Ergreifung führt, verständlich macht.
Schön, dass Derek Cianfrance 15 Jahre nach dem berührenden „Blue Valentine“ noch einmal so die Herzensglocke klingen lässt. (8/10)
Warfare (2025, Ray Mendoza & Alex Garland)
zur Leihe
In „Warfare“ versucht Alex Garland einen neuen Blick auf Krieg, indem er strikt aus der Situation von verzweifelt um ihr Leben kämpfenden, eingeschlossenen Soldaten erzählt. „Warfare“ zielt auf eine „Assault On Precinct 13“-Klaustrophobie, will das Eingeschlossensein und die verzweifelten Versuche, die Verletzten zu evakuieren, körperlich spürbar machen. Das erzeugt einerseits durchaus eine große Intensität, aber so sehr unterscheidet sich Garlands Ansatz dann am Ende eben doch nicht von den Heldengeschichten anderer Kriegsfilme.
Seltsam und im Ton fehlplatziert ist das Ende, das einige Making-Of-Szenen zeigt, die von den realen Soldaten beaufsichtigt werden, und gleitet hier in eine Bro-Kumpelei ab, die so gar nicht zum Film passen will. (6/10)
Oddity (2024, Damian McCarthy)
zur Leihe
„Oddity“ ist ein Horrorfilm mit – wie im Titel versprochen – vielen Merkwürdigkeiten, die manchmal nicht ganz zum gleichen Ziel führen, aber auf diesem Weg erstaunlich viel Wirkung zeigen.
Die vereinzelten Jump Scares sind wirklich erschreckend, die Atmosphäre ist durchgängig düster-weird, die Twists überraschend. Da nickt man auch die völlige Nonchalance ab, mit der die Charaktere es akzeptieren, dass eine golemhafte Holzfigur per Post zugeschickt und in der Folge einfach an den Wohnzimmertisch gesetzt wird – sowie die sich dadurch natürlich abzeichnende, folgende Holzfiguren-Eskalation, die dann „Oddity“ doch etwas zu arg ins Overthetoppity-Terrain führt.
Dennoch: einer der beunruhigendsten Horrorfilme des Jahres. (8/10)
Jay Kelly (2025, Noah Baumbach)
Netflix
Noah Baumbachs „Wilde Erdbeeren“, nur halt mit George Clooney als Hollywoodstar auf Lebenserinnerungsreise in die Toskana statt wie bei Bergman Victor Sjöström als Professor durch Schweden.
So ungefähr fühlt sich auch der Unterschied zwischen Bergmans heftigem Ewigkeitsfilm und Baumbachs eitler Soft-Variante an. Dank Clooney ist das alles nicht ohne Charme, aber wegen Clooney ist auch kaum Fallhöhe zu entdecken. Was sind denn die großen Lebensverfehlungen, die dieser schöne Mann auf seiner Reise innerlich zu bewältigen hat? Bei einem Vorsprechen besser gewesen, zu viele Filme gedreht, die gemeinsame Therapiesitzung mit der Tochter bei deren durchgeknalltem Schamanen nicht durchgestanden?
Baumbach findet in diesem Melodram nie die richtige Tiefe, um – wie bei Bergman – den Zuschauer selbst in tiefste Zweifel zu stürzen, ob wirklich das richtige Leben gelebt wurde, ob man Schuld auf sich geladen hat und welche Menschen auf dem eigenen Weg verletzt wurden. Und ob all die Verfehlungen und Weggabelungen nicht vielleicht doch letztlich einem Sinn ergaben oder zumindest eben ein Leben gefüllt haben. Clooneys Charakter sitzt dagegen am Ende bei einem Filmfestival in der Toskana im Kino, um einer Montage seiner eigenen Hits zuzusehen. (5/10)