Brausepöter sind eine der Ur-Punk-Bands des Landes. Bereits 1979 erschien ihr erstes Tape im Eigenvertrieb, 1980 folgte eine 7inch unter der Ägide von Alfred Hilsberg beim ZickZack-Label (welche die Band selbst aber als „zu weichgespült“ befand). Kritik hin oder her, die Single für Hilsberg sorgte auch für die Teilnahme am berüchtigt-legendären ZickZack-Label-Abend in der Hamburger Markthalle mit den Neubauten und Abwärts, der aufgrund der dortigen Ausschreitungen fester Bestandteil der deutschen Punk-Mythologie ist. Bereits 1982 war allerdings erstmal Ende bei Brausepöter, man wollte kein Teil der Punkpervertierung durch die Neue Deutsche Welle sein.
Doch vor gut zehn Jahren gab es eine Wiederbelebung der Gruppe um Sänger Martin Lück. Isolation Berlin coverten Brausepöters „Keiner kann uns ab“ (siehe auch unten), das legendäre US-Punk-Fanzine Maximum Rocknroll schrieb über den Brausepöter-Backcatalog „It’s indie punk in the purest John Peel sense“ und so folgten in den letzten Jahren auch frische Veröffentlichungen, jüngst Ende des letzten Jahres das Album „Frei Von All Dem Hier“. Wir haben uns auf fünf Fragen mit Sänger & Texter Martin Lück getroffen:
1 Brausepöter wurden 1978 in Rietberg / Ostwestfalen gegründet und sind damit eine der ersten deutschen Punkbands. Wie ist Punk nach Rietberg gekommen, wie hat man ohne Internet & Co in der Provinz überhaupt so eine Subkultur entdecken können?
Es gab nur eine Möglichkeit: Die Sounds lesen. Sie war die einzige Musikzeitschrift, die über Punk berichtet hat. In ihr las ich zum ersten Mal was über die Sex Pistols. Total angezündet bin ich darauf mit meinem Kumpel Brause nach London gefahren. Drei Wochen zu zweit in einem R5 schlafen: Wie das geht, habe ich dabei gelernt – und was Punkrock ist auch… Einfluss hatte auch der legendäre Artikel „Rodenkirchen is burning“ von Alfred Hilsberg über die gerade entstehende deutsche Punkszene, vor allem auch auf uns als Band. Er hat uns bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
2 Hat sich aus deiner Sicht der Punk „auf dem Land“ unterschieden von den ersten Punkzentren hierzulande? Mit Düsseldorf & Berlin, sowie folgend Hamburg & Hannover, waren es ja Großstädte, die zuerst eine Punkszene entwickelten.
Die Szene auf dem Land hat sich kolossal unterschieden, weil es keine Szene gab. Es waren nur ganz wenige, die auf Punkrock standen, alle anderen hörten Bands wie Yes, Genesis, ELP – und sahen auch so aus. Die Punks waren eine kleine, verschworene Gemeinschaft. Die von den Gleichaltrigen komplett abgelehnt wurde.
3 Auf Wikipedia heißt es lapidar über das Ende eurer ersten Phase 1982: „Die mit ZickZack geplante LP lieferte die Band nicht mehr ab“. Was ist damals passiert, warum ist das Album nie auf ZickZack erschienen?
Weil wir das Geld für das Studio vorstrecken sollten. Das hatten wir schon für unsere Single gemacht, die eine der frühen ZickZack-Veröffentlichungen war (ZZ18). 1900 Mark. Wir haben nie etwas davon wiedergesehen. Für 19-jährige ein ganz hartes Brot, das konnten wir keinesfalls nochmal so machen. Allerdings hatten wir die Stücke schon vorweg auf Kassette aufgenommen. Genau die Kassette, die 2023 von Tapete Records ausgegraben und als das „legendäre unveröffentlichte 1979er Album“ herausgebracht wurde.
4 Lange Zeit war dann Funkstille auf dem Brausepöter bis 2010 erste Re-Releases eurer frühen Singles veröffentlicht wurden und dann in der Folge auch neue Platten. Was ist dazwischen passiert? Das Leben? Und was hat euch zurück auf die Bühne bzw. das Studio gezogen?
Dazwischen ist jede Menge passiert – nichts, was im Netz stehen sollte. Was die Musik betrifft: Ich hab nie aufgehört, Gitarre zu spielen und zu singen – mal solo, mal in Bands – und manchmal auch zusammen mit unserem Bassisten Bernd. Kemper hat das Musikmachen drangegeben und als Tischler auf dem Bau gearbeitet. 2008 wurden wir dann gefragt, ob wir für einen Auftritt wieder zusammenkommen würden. Das haben wir gemacht – und es hat sofort wieder funktioniert. Neue Auftritte kamen rein, und irgendwann waren wir wieder Brausepöter. Ich habe nur unter der Bedingung mitgemacht, dass wir keine Nostalgie-Kapelle sind und nur die alten Songs spielen.
5 Der meiner Meinung nach größte Song des neuen Albums ist „St Etienne“. Dort heißt es „Weißt du noch, weißt du noch in – St. Etienne / Dieses verrückte Spiel in – St. Etienne“… Soweit ich die Lyrics verstehe, geht es hier um ein Fußballspiel? Spielst du da auf das Erstrundenaus des FC Bayern gegen St Etienne im Europapokal 1969 an? Oder um den Sieg des FC Bayern 1976 im Finale wiederum? Oder HSV – St Etienne, 1980? Oder dreht sich der Song um ein ganz anderes Spiel?
Es geht um all diese Spiele gegen St. Etienne. Ich habe sie in meinem Kopf zu einem verschmolzen. St. Etienne hat mich immer fasziniert. Häßliche französische Industriestadt, nur wegen ihres Fußballs bekannt, mit einem legendären Stadion: Le Chaudron (Der Kessel).