vonChristian Ihle 14.07.2026

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Ein Jahr im Leben einer DIY-Noise-Band. Patrick Wagner erzählt* in zwei Episoden von einem wilden, kaputten, abenteuerlichen Jahr der Band GEWALT.

Things get broken #1: „Jasmin Rilke“

2025 wird das abenteuerlichste Gewalt Jahr seit unserem Bestehen.
Was wir nicht wissen, vor uns liegen 61 Konzerte, die uns durch 10 verschiedene Länder führen sollten. What a ride.

Das Gewalt Jahr 2025 fängt November 2024 an. Bei uns ticken die Uhren anders. Unser Album „Doppeldenk“ ist gerade bei Clouds Hill veröffentlicht worden. Jasmin Rilke, die auf dem Album Bass gespielt hat, ist aus persönlichen Gründen 2 Wochen vor Veröffentlichung & Tour ausgestiegen.

Die erste Tour zu unserem Album „Doppeldenk“ läuft gut. Die Konzerte sind zumeist ausverkauft oder zumindest sehr voll. Es wird über „Doppeldenk“ berichtet und zum Veröffentlichungstag sind 184 Platten weltweit ausgeliefert. Beim letzten Konzert in der Berliner Zukunft breche ich bei einem unvermittelten Stagedive Versuch die Rippe einer Zuschauerin. Wir kriegen viel Liebe ab – auch sie verzeiht mir.

Let´s go Overseas – Wir buchen uns selbst ein paar Shows in New York zum New Colossus Festival und wenn wir schon mal da sind, nehmen wir gleich noch Mexico City und Guadalajara mit. Sämtliche Deutsche Acts beim New Colossus werden dort gefördert, Gewalt nicht.

Things get broken #2: „Clouds Hill“

Oh Gott, sind wir pleite. Ein fucking Bier aus Plastikbechern im Club kostet 14$ wir ernähren uns ausschliesslich von Pizza Slices und aufgewärmten Hotel-Kaffee (umsonst). Wir schlafen eine Woche zu dritt in einem Bett. Living the Dream.

Wir schaffen es dank eures Crowdfundings 9.000€ einzusammeln. Das Versprechen, euch mit zukünftiger Musik in Form von Demos und Rough Mixes zu versorgen (what else do we have to offer?) bemüßigt unseren Labelboss von einer zukünftigen Zusammenarbeit abzusehen.
Well – things get broken.

Die Tour ist geprägt von wechselnden Grippe-Ausbrüchen und dem Schock, dass Mexiko weder Narcos verseucht und ein Moloch der Armut und Gewalt ist, wie einen Google glauben lässt (Guadalajara – „die gefährlichste Stadt der Welt“), sondern ein prosperierendes Land mit unglaublicher Kunst, Architektur, Natur und sehr selbstbestimmten aufrechten Menschen, Veranstaltern und Fans die einen 24/7 durch den Aufenthalt begleiten. Die Shows laufen gut und Mexikaner*Innen wissen wie man Gewaaaalt schreit.

Nächster Stop: Austin, Texas. Die Einreise in die USA klappt für uns reibungslos, doch an der Grenze herrscht reinster Rassismus – Mexikaner werden in kleinste Zimmer geführt und verhört, wir als weiße Germans mit Equipment werden ohne Arbeitserlaubnis durchgewinkt. Gut für uns – schlecht für die USA.

Wir erleben in Austin ein paar Tage Ruhe und dieses seltsame Leben in einer Boomtown (das ganze Silicon Valley Geld flüchtet gerade nach Austin) mit all dieser Schizophrenie, die ein kaputtes Amerika spätestens seit der Trump-Administration mit sich bringt. Alles ist unfassbar teuer: „You know, a soccer camp for 2 Weeks for the kid costs 10.000$“. Die Menschen scheinen zu ersticken, von diesem competitive Lifestyle in den Staaten, selbst wenn sie gute Doppelverdiener*innen sind. Das Konzert im legendärem Club 13th Floor von Jake Garcia (The Black Angels) ist nicht so legendär wie erhofft, aber trotzdem cool.

Dann nach New York. Wir spielen wir drei Shows binnen einer Woche beim New Colossus Festival (bißchen wie das Reeperbahnfestival, nur mit guter Musik). Vor allem der Dedstrange-Abend hat es in sich. Wir spielen mit Public Circuit und Testplan, die uns jeweils mitreißen.

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Wir verbringen die Tage mit dem Sonic-Youth-Produzenten Martin Bisi und der Band White Hills, Oliver Ackermann von A Place To Bury Strangers kommt zu allen drei shows und scheint uns zu mögen, wir lernen eine neue New York Band Genre Is Death kennen und lieben, treffen zum ersten die deutschen Tell A Vision und Levin Goes Lightly. Mir scheint, das wird eine langandauernde Künstler*Innen Freundschaft. Auf der Straße in Manhattan, vor jedem Club schreien uns irgendwelche Leute aus 50 Metern Entfernung „Gewalt“ entgegen. Wir haben anscheinend einen Punkt getroffen.

Oh Gott, sind wir pleite. Ein fucking Bier aus Plastikbechern im Club kostet 14$ wir ernähren uns ausschliesslich von Pizza Slices und aufgewärmten Hotel-Kaffee (umsonst). Wir schlafen eine Woche zu dritt in einem Bett. Ja, da wächst man zusammen als Band im wahrsten Sinne des Wortes. Living the Dream.
Nach der letzten New York Show drehen wir mit Dave und Ego von White Hills ein Musikvideo zu „Felicitas“:

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Wegen Flughafenstreiks in Europa dauert der Heimflug 72h.
Wir sind reif fürs Sanatorium, als wir in Berlin ankommen.

Things get broken #3: „Der Hymer“

Im Backstage gibt es diverse Rauschmittel und die Nacht wird so lange, dass wir zu dritt auf der Suche nach der Pension um 5 Uhr Morgens trampen müssen. Es hält tatsächlich ein älterer Mann, zieht eine Knarre von der Rückbank und meint, wir sollen „nicht erschrecken, er hat ein Gewehr im Auto“. Finally im Splattermovie gelandet.

Aber vor uns liegt direkt der nächste Ausflug
Ein Lebenstraum wird wahr, wir spielen erstmals eine UK-Tour: Zweimal London, Brighton, Liverpool und Leicester.

Die Shows (so ist das wohl in England) sind komplett unterfinanziert und die Veranstalter stellen kein Hotel, versorgen einen aber mit dem fantastischen England-Catering: „Yes sure, we have catering for you“ – zeigt auf den Kühlschrank, als wir ihn öffnen stehen sechs Dosen Bier drin.
Prost und guten Appetit nach 6h Fahrt. Doch all das ist nur weißes Rauschen, die England Shows sind toll. Das Publikum hat ein tiefes Verständnis von Popmusik und Musik hat einen anderen Stellenwert im Leben der Menschen als bei uns. Die Leute scheinen Gewalt zutiefst zu verstehen. Danke an Olga von Swamp Booking und der Band „Errorr“, dass du uns diese Tour gebucht hast. (PS. Wir hätten dich nicht verlassen sollen).

Wegen Mangel an Unterkunft und Geld bestreiten wir die Tour in unserem 1989 Hymer-Wohnmobil. Auf dem Weg zurück von London nach Hannover bricht uns nach 12h Fahrt – (wir sind direkt nach dem Konzert losgefahren) unser geliebter Hymer mit Motorschaden auf der Autobahn kurz vor Bielefeld zusammen. ADAC Abschleppen, Umladen – Wir schaffen es direkt zum Auftritt im Glocksee, treffen unsere Freunde und Lieblingsband Plattenbau, spielen unter wundersamsten Umständen eine unserer besten Shows. Danach schießen wir uns komplett ab.

Dieser Teil der Tour endet mit einem bizarren 1-Song-Auftritt zur Eröffnung des Preises für Popkultur in Düsseldorf. Wir spielen „Trans“, das auch als bestes Video nominiert ist (und nicht gewinnt). 600 sitzende Menschen aus der dahinsiechenden Musikindustrie starren regungslos into the void. Der gesamte Abend soll dann nicht einen Moment an interessanter Musik liefern, sieht man vom Preis fürs Lebenswerk für „Ideal“ ab.

Eigentlich wollten wir tonnenweise Festivals spielen im Sommer. Ihr wisst schon living the dream, gute Zeit haben, neue Gewaltfans finden, Geld verdienen, unterwegs sein – doch die Festivals buchen lieber nach Reichweite und Streamingzahlen als nach „da ist wirklich was los“.
So langsam dämmert es uns, warum die meisten in einer Krise stecken. Durch einen Bandausfall rutschen wir beim Raut Oak Festival in Niederbayern rein, wir kennen keine einzige Band und rechnen mit dem Schlimmsten. Doch es kommt anders, vor unglaublicher Kulisse (direkt hinter der bühne ragt die Zugspitze empor) wartet das Raut Oak mit einem internationalen Lineup auf. Es gibt keinerlei Absperrungen vor der selbstgebauten Bühne oder um das Gelände, die 1500 Zuschauer kommen von überall und sind allesamt Musikliebhaberinnen. Jede einzelne Band ist fantastisch. Im Backstage gibt es diverse Rauschmittel und die Nacht wird so lange, dass wir zu dritt auf der Suche nach der Pension um 5 Uhr Morgens trampen müssen. Es hält tatsächlich ein älterer Mann, zieht eine Knarre von der Rückbank und meint, wir sollen „nicht erschrecken, er hat ein Gewehr im Auto“. Finally im Splattermovie gelandet. Doch er ist Jäger und fährt uns 45 min. durch die Gegend auf der Suche nach der Dorfstr.1, davon gibt es viele.
Die zwei überragenden Bands des ersten Abends seien euch ans Herz gelegt:
Stuffed Foxes, fünf unglaubliche Franzosen, sowie und die noch recht unbekannte australisch-berlinererische Shoegaze-Band The Dharma Chain:

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Alle liegen sich im Backstage am Bühnenrand und vor der Bühne in den Armen. So wirds gemacht.
Dann spielen wir noch das Obstwiesen Festival bei Ulm. Es wird ein großartiges Konzert im Zelt vor 3000 tanzenden Leuten – von wegen, wir sind keine Festivalband. Wir hängen mit Dead Letters rum und der Bassist von Wolfmother versucht Helen zu küssen. I am not amused. Helen auch nicht. Aber well – Drugs are a hell of a drug.

Things get Broken #4: „DQ Agency“

Die Agentur sagt 3 Wochen vor Tourstart 10 der 23 Shows ab. Wir hecheln hinterher und versuchen, die Shows zu reparieren. Was bleibt ist ein fast unbezwingbarer Flickenteppich an Tourdaten und die Gründung von „Gewalt-Booking“. Wir sind Allein. Aber das wissen wir ja schon länger.

Wir erhoffen uns, über die Zusammenarbeit von unserem ehemaligen Booker und Freund Dirq und seiner Agentur „DQ Agenzy“ mehr Festivalbookings hierzulande und den Connections von Olga über Swamp Bookings im Ausland einen neuen Schub. Doch beide Parteien wollen nicht miteinander arbeiten. Wir müssen uns entscheiden und kehren zu Dirq zurück. Der wird krank, also übernimmt ein Kollege.

Ich drück es politisch korrekt aus – es gibt Missverständisse in Ermangelung an Absprachen über die Bezahlung der Booking Fees – sodass die Zusammenarbeit unter einigen Störgeräuschen zerbricht. Die Agentur sagt 3 Wochen vor Tourstart 10 der 23 Shows ab. Wir hecheln hinterher und versuchen, die Shows zu reparieren. Was bleibt ist ein fast unbezwingbarer Flickenteppich an Tourdaten und die Gründung von „Gewalt-Booking“. Wir sind Allein. Aber das wissen wir ja schon länger.

Unverhofft kommt immer seltener, aber doch. Styra von All Artists meldet sich, Dennis, der Sänger von Refused hätte wohl einen Narren an Gewalt gefressen und würde uns zu zwei Shows in Frankfurt und Hamburg einladen.
Die vier Schweden sind nett aber reserviert. Erst am letzten Tag erzählt uns der Gitarrist, dass er sich ein Großteil unserer Texte übersetzen ließ und wirklich beeindruckt ist. Kollegenlob läuft einem schon rein.

Das Hardcore-/Rock-Publikum von Refused – 90% männlich mit Baseballkappe – kann mit uns nicht so richtig etwas anfangen. Alle warten auch bei Refused nur auf dieses eine „New Noise“-Brett. Aber es tut gut, vor so vielen Leuten zu spielen und unter uns gesagt – wir lieben große Bühnen.

Things get broken #5: „The money“

All diese Kräfte sorgen dafür, dass es um die letzten Krümel dieses vermeintlichen Underground-Musikgeschäfts ein Hauen und Stechen gibt. Das Ergebnis – Things get broken.

Kurz vor der Tour spreche ich (Patrick) auf der Fuckup Night (eine Veranstaltung bei der Geschäftsleute das Scheitern ihrer Firmen teilen) über die wirtschaftliche Unmöglichkeit eine Band betreiben. Ich versuche „Gewalt“ als reine Firma zu beleuchten, wie es sonst eigentlich nur ein Steuerberater tun würde.

Das Ergebnis war gelinde gesagt wenig erbaulich. Hier ein kurzer Wrap up:
Bei einem guten Jahr (zB. dieses hier) mit einer Veröffentlichung und 60 Konzerten setzen wir knapp über 100.000€ um. Würden wir unsere Aktivitäten (Schreiben, Proben, Video Drehen, Social Media, Konzerte, Buchhaltung) uns jeweils mit dem Mindestlohn vergüten, geben wir 145.000€ aus. In Jahren, in denen wir eine neue Platte produzieren, also investieren, sieht es noch schlechter aus.

Ausschlaggebend für diese Unwucht sind die gestiegenen Produktionskosten (Saalmiete, Ton, Licht, Security, Ticketing) der Veranstalter*Innen. Die gestiegenen Preise für die Künstler*Innen (Bus, Toningenieur, Proberaum, Benzin, Maut, Autobahngebühren, Verpflegung, Hotel). Der Wegfall der Künslter*Innen Förderung unter einer kulturfeindlichen Regierung. Der Zusammenbruch von Vinyl-Verkäufen unter der Allmacht von Streaming Plattformen, die kein Geld an Künstler ausschütten. Die Irrelevanz von Medien, die über Musik berichten. Die Algorithmen, die in erster Linie reichweitenstarke und simple Inhalte transportieren, während komplexere Kunst gerade mal 7-8% seiner eigentlichen Reichweite ausschöpft. All diese Kräfte sorgen dafür, dass es um die letzten Krümel dieses vermeintlichen Underground-Musikgeschäfts ein Hauen und Stechen gibt. Das Ergebnis – Things get broken. Ich kann und will uns da nicht rausnehmen.

Nach dem Vortrag musste ich mich erst einmal 3 Tage ins Bett legen.
Was machen wir da eigentlich?
Wir gehen auf Tour.


Things get broken #generell

Streaming zahlt nicht. Strukturen sind weggebrochen oder zu teuer. Fördertöpfe sind versandet. Gute Bands (Human Abfall, Hope, lvm) lösen sich auf. Clubs u. Veranstalter melden Insolvenz an. Verwertungsgesellschaften scheinen mit der Datenflut überfordert.
Auf der anderen Seite stehen explodierende Kosten, Inflation, Unsicherheit und eine technologische Entwicklung, die Geld immer weiter in Richtung Tech-Billionaires verschiebt.

Um dem Kreislauf zu entkommen und stattdessen einen eigenen zu gründen, haben wir nun den

INNEREN ZIRKEL

Wir haben Goodies und Bits & Pieces und tonnenweise wilde, ungezügelte Nähe. Kommt in unseren Inneren Zirkel.


* ursprünglich ist Wagners Text im Rahmen des Newsletters von Gewalt erschienen.

Zeichnung: Julia Wendler

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